InterviewRoland Emmerich im Gespräch „Die Amerikaner hatten alte Techniken schon verdrängt“

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Die Tüftlerarbeit, der Modellbau der vordigitalen Ära, war also eine gute Schule?
Ja. Ich habe Volker Engel angefragt, als der bis dahin nur auf Super-8 „Star Wars“ nachgemacht hatte und solche Sachen. Aber davon war ich so beeindruckt, dass ich sagte: Du kannst die Effekte von „Moon 44“ machen. Wir haben in unserer Arbeitsweise bestens zusammengepasst, selbst bei „Independence Day“ haben wir teils mit einfachen Modellen gearbeitet, die an feinen Leinenfäden aufgehängt waren. Dann haben wir mit Kamerafahrten Bilder erzeugt, bei denen die Amerikaner sagten: „Wow, das funktioniert ja.“ Das waren alte Methoden, die man dort schon wieder verdrängt hatte, nach dem Motto: das Komplizierteste ist immer auch das Beste.
Man hat ihre Sparsamkeit damals für vorbildlich erklärt. Aber sind die Bugdets seitdem nicht ins Absurde gewachsen?
Es gibt Regisseure wie James Cameron, die das Doppelte des angesetzten Budgets verbrauchen. Aber es gibt Leute wie Steven Spielberg, die großen Respekt genießen und sagen: wenn die Filme zu teuer sind, dann ist der Druck zu groß. Spielberg ist mein Vorbild. Aber mittlerweile ist eine Situation entstanden, in der auch wir mit unseren Methoden vor Mauern rennen. Dann sage ich, okay, dann kostet es halt so viel, dann geben wir das Geld eben aus. Aber im Prinzip gefällt uns das nicht so gut.
Der Tüftler ist nur eine Seite von ihnen. Die andere ist der Mann mit Botschaften. Sie haben in „The Day After Tomorow“ vor dem Klimawandel gewarnt und in „Stonewall“ vom Kampf um Schwulenrechte erzählt. Nun sollen die USA unter Trump in Sachen Minderheitenrechte und Umweltschutz zurück in finsterste Zeiten …
So einfach wird das nicht gehen. Das Bewusstsein für den Klimawandel in Amerika ist so groß, das verschwindet nicht einfach. Es gibt nirgendwo so viele Elektroautos wie in den USA, nirgendwo so viele Solarzellen, das hat sich so durchgesetzt, das kann nicht wieder total in die andere Richtung gehen. Die Bundesstaaten haben sehr viele Zuständigkeiten und Rechte. In Kalifornien, New York, New Jersey und anderen wird nicht einfach Trumps Politik umgesetzt. Was ich sehr schade finde, ist, dass es in den USA jemanden gab, der eine echte Alternative war, Bernie Sanders, der auch die ganze Jugend hinter sich hatte. Und der ist von seiner eigenen Partei ausgebootet worden. Die Partei wollte Hillary Clinton haben. Da ist was ganz falsch gelaufen.
Trump ist also kein Vertreter eines weitreichenden neuen Geistes?
Die USA sind ein tief gespaltenes Land, und das hat viel weitreichendere Ursachen als den Wahlkampf von Trump. Ich nehme als Erklärung gerne die Einkommensunterschiede zwischen Arbeitern und Topmanagern. In Europa verdient der Manager in vielen Ländern 20 mal mehr. In Venezuela oder Brasilien verdient er 50 mal mehr. In den USA verdient er 350 mal mehr. Das ist ein Land der Diebe. Eine kleine Clique der Gierigen und Rücksichtslosen, viel weniger als ein Prozent der Bevölkerung, bestimmt, was passiert. Und diese Leute haben Trump in der Tasche. Und die drehen nun viel von dem zurück, was die Demokraten erreicht haben. Es gibt weniger Regulierung, die Banken zum Beispiel können wieder tun, was sie wollen. Bis es dann wieder mal kracht und alles zusammenfällt.
Verschafft Ihnen das ein Ohnmachtsgefühl, dass ihre Aufklärungsarbeit sinnlos war?
Ein Ohnmachtsgefühl schon. Aber es ist ja nicht so, dass die Arbeit sinnlos war. Man freut sich, dass es Gegenbewegungen gibt, dass zum Beispiel „Moonlight“ den Oscar gewonnen hat. Aber kein Amerikaner, der wie ich liberal ist – und das ist ja die Mehrheit der Amerikaner! – fühlt sich gerade sehr wohl. Darum hat Trump ja auch die niedrigste Zustimmungsquote, die je ein US-Präsident hatte. Alle hoffen, dass ihm seine russischen Verbindungen echte Probleme bereiten werden. Die Amerikaner sprechen ja bereits von Amtsenthebung. Es gibt jetzt schon einige Republikaner, die sagen: so geht das nicht. Das geht jetzt langsam los. Und das wird immer stärker werden.




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