Roland Sing vom VdK „Man muss immer weiterkämpfen“

Pflegebedürftigkeit führt mitunter in den finanziellen Ruin. Roland Sing findet, dass die Politik handeln muss. Foto: picture alliance/dpa/Sina Schuldt

Roland Sing ist mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden. Der in Leinfelden-Echterdingen wohnhafte Ehrenvorsitzende des Sozialverbandes VdK engagiert sich auch mit 80 noch für die Belange von Armen, Alten und Kranken. Im Interview kritisiert er auch die gegenwärtige Sozialpolitik im Land.

Herr Sing, anlässlich der Verleihung des Verdienstordens des Landes an Sie sagte Hans-Josef Hotz, Ihr Nachfolger als Landesverbandsvorsitzender des VdK Baden-Württemberg, Sie seien „eine starke Stimme für soziale Gerechtigkeit im Land“. Entspricht diese Aussage Ihrem Selbstbild?

 

Ja, eigentlich schon, wenn es nicht nach Eigenlob klingt: Die Wichtigkeit des Themas soziale Gerechtigkeit ist seit vielen Jahrzehnten meine Richtschnur. Und ich bin nie müde geworden, zu sagen, dass die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat ist. So steht es im Grundgesetz, aber manchmal kommt leider der soziale Aspekt zu kurz.

Wenn man sich Jahrzehnte lang für die Belange von sozial benachteiligten Menschen und Senioren eingesetzt hat und dann merkt, dass beispielsweise das Thema Altersarmut immer drängender wird: Wie geht es einem dann?

Gerade die sozialen Themen sind ganz dicke Bretter. Ich bin ja nicht nur im VdK und im Seniorenrat gewesen, sondern habe mein ganzes Berufsleben ja bei der AOK Baden-Württemberg verbracht. Eine Erfahrung war immer: Bevor im sozialen Bereich ein großer Konsens gesucht wird, den man auch mit den Wirtschaftsverbänden und vor allem mit den Arbeitgebern braucht, muss man wissen, dass das eine lange Wegstrecke ist, man darf sich unterwegs nicht entmutigen lassen.

Was führt dazu, dass Sie nach wie vor an Konsens als Lösungsstrategie glauben, während andere die Ansicht vertreten, dass das marktwirtschaftliche System an sich nicht mehr reparierbar ist?

Ich bin 1941 geboren und verstandesmäßig nur in der Demokratie aufgewachsen. In der Demokratie ist es nun mal ganz wichtig, dass man halt Mehrheiten hat. Und um Mehrheiten muss man ringen und kämpfen – auf anständige Art und Weise. Natürlich gab es dabei manchmal Enttäuschungen. Eine besteht darin, dass wir immer noch über drei Millionen Kinder in Armut haben. Wenn man bedenkt, wie schnell andere Entscheidungen getroffen werden können, dann ist es natürlich schlimm, dass wir nicht nach dem Grundsatz vorgehen „Keiner darf verloren gehen.“ Was man bei Kindern in Armut jetzt kaputt macht, das zahlt die Gesellschaft später bitter. Bei solchen Themen kann man auch mal resignativ werden. Aber letztlich darf man das nicht, sondern man muss halt weitermachen.

Wie bewahrt man sich dieses Engagement, wenn man – beispielsweise beim Thema Kinderarmut – bemerkt, dass manche Verantwortliche eben nicht anständig agieren?

Man muss eben immer weiterkämpfen und für die Idee, von der man überzeugt ist, eintreten. Auch wenn es Nackenschläge gibt. Aber es gab auch zwei große Entwicklungen in Baden-Württemberg, wo ich immer noch stolz darauf bin, mit dabei gewesen zu sein: Die herausragende Sozialministerin Annemarie Griesinger hat zum Beispiel eingeführt, dass überall im Land Intensivstationen eingerichtet worden sind, die es in den Siebzigerjahren nicht gab. Und mit dem Sozialminister Friedhelm Repnik konnten wir von der AOK 20 Jahre später mit einen Beitrag leisten, dass in jedem Landkreis sogenannte Stroke Units zur Behandlung von Schlaganfällen eingerichtet worden sind. Wenn man in einer Demokratie immer mehr Verbündete kriegt, dann klappt etwas.

Auf der anderen Seite haben Sie 2020 lautstark gefordert, dass die Entwicklung eines stetig steigenden Eigenanteils für Bewohner von Pflegeheimen gestoppt werden muss. Bei diesem Thema scheint sich kein Erfolg Ihrer Forderung abzuzeichnen.

Nein, gar nicht, und das ist traurig. Aber stellen Sie sich einmal vor, jemand wie ich würde sagen: Jetzt engagiere ich mich nicht mehr. Das würde bedeuten, dass jemand, der einen pflegebedürftigen Angehörigen im Pflegeheim hat, klaglos hinnehmen muss, dass 2500 bis mehr als 3000 Euro im Monat von den Betroffenen zugezahlt werden müssen. Dann würde man hinnehmen, dass die Ersparnisse der durchschnittlich arbeitenden Bevölkerung nach fünf oder sechs Monaten aufgebraucht sind.

Und dann?

Dann würde man sogar hinnehmen, dass die Leute im Alter Sozialhilfe benötigen. So wird die Würde des Menschen mit Füßen getreten. Deshalb kämpfe ich weiter. Das Land Baden-Württemberg wäre morgen in der Lage, die Investitionskosten für Pflegeheime aus dem Landeshaushalt zu übernehmen, was berechtigt wäre: Wir bezahlen ja auch nicht die Vorhaltung der Feuerwehr durch den Benutzer, niemand käme auf eine derartige Schnapsidee.

Und der Bund?

Der Bund wäre auch gefordert: Die Pflegeversicherung hat einen riesigen Geburtsfehler. Man hat diese Teilkasko-Versicherung gemacht, weil sich die Arbeitgeber 1995 strikt geweigert haben, im Rahmen der Krankenversicherung den Beitrag für eine Vollkasko-Pflegeversicherung zu zahlen. Dieser Geburtsfehler muss korrigiert werden.

Weshalb scheint es gerade beim Thema Pflege so schwierig zu sein, die Verbündeten zu finden, von denen Sie gesprochen haben? Zumal die Landesregierung aus Grünen besteht, die als menschenfreundlich gelten wollen, und aus der CDU, die sich christlich nennt?

Die CDU hat im letzten Landtags-Wahlkampf noch gefordert, die Investitionskosten bei Krankenhäusern und in der Pflege zu übernehmen. Aber in den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen ist davon nichts mehr übrig geblieben. Und im Sozialministerium, das seit 2016 von den Grünen geführt wird, kann ich keine große Leidenschaft für Veränderung in der Pflege erkennen. Mit unserer Forderung, Investitionskosten zu übernehmen, sind wir dort total abgeblitzt: Da wurde gesagt, man denke nicht daran, in Beton zu investieren. Dabei ging es uns um die Entlastung der Pflegebedürftigen und nicht um Neubauten. Ich kenne auch keinen Initiativantrag der Landesregierung beim Bund, um die Situation in der Pflege zu verbessern. Das beweist zu wenig Engagement.

Zur Person

VdK und AOK
Roland Sing (80) war von 2011 bis 2020 der Landesverbandsvorsitzende des VdK Baden-Württemberg und ist jetzt der Ehrenvorsitzende des Sozialverbandes. Der frühere Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg leitete lange auch den Landesseniorenrat.

Ehrungen
Der Sozialexperte wurde bereits mehrfach von der Politik für sein Engagement geehrt, 2015 etwa erhielt er das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

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