Rolf Thieringer wird 85 Jahre alt Grand-Seigneur der Stuttgarter CDU

Von Thomas Borgmann 

1954 wurde Thieringer in Tübingen promoviert, wurde in Stuttgart beim neuen Fremdenverkehrsverband des Landes angestellt. Der Tourismus steckte noch in den Anfängen. In den Jahren des Wiederaufbaus pendelte der aufstrebende Jungmanager Thieringer zwischen Stadt und Land, fand Kontakt zum populären Stuttgarter OB Arnulf Klett, der ihn 1963 aufs Rathaus kommen ließ: „Ich brauch einen persönlichen Referenten. Sie können das.“ Thieringer machte Einwände: „Ich bin katholisch und in der CDU.“ Der parteilose, evangelische Klett schnaufte einmal tief durch: „Ich nehm Sie trotzdem.“

1970 gelang der nächste Karrieresprung. Auf Kletts Vorschlag hin wählte der Gemeinderat Thieringer zum neuen Bürgermeister für Soziales und Gesundheit. Sein Vorgänger, der Christdemokrat Josef Matussek (übrigens der Vater des umtriebigen „Spiegel“-Reporters und Publizisten Matthias Matussek) war beim OB und dem Gemeinderat in Ungnade gefallen.

Der neue Beigeordnete ging sogleich mutig ans Werk: Thieringer legte sich mit den Chefärzten der städtischen Krankenhäuser an, die es völlig normal fanden, ihre mit Steuergeldern bezahlten Hospitäler auch für Privatpatienten zu nutzen und denen saftige Rechnungen zu stellen – ohne dafür einen Pfennig an die Kommune abzuführen,. „Wir hatten Chefärzte, die Millionen umsetzten“, sagt Thieringer, der für die Professoren und Doktoren zum Buhmann wurde. Keine leichte Zeit. Mit Hilfe des Rates setzte er sich durch, neue Verträge zwangen die „Halbgöttern in Weiß“ fortan dazu, ihre Einkünfte mit der Kommune zu teilen.

Kandidat für den OB-Posten

Als Arnulf Klett im August 1974 überraschend starb, brachen turbulente Monate an. Wer sollte sein Nachfolger werden? Innerhalb wie außerhalb der CDU deutete man auf Rolf Thieringer, der sich bereit erklärte zu kandidieren. Heute stellt er nüchtern fest: „Die haben mich damals ins Messer laufen lassen. Gerhard Mayer-Vorfelder, der CDU-Kreischef, und Hans Filbinger, der Ministerpräsident, hatten sich für Manfred Rommel entschieden, mir aber zunächst nichts davon gesagt.“ Als Filbinger ihn zum Verzicht drängen wollte, habe er abgelehnt. So kam es, wie es kommen musste: Hinter den verschlossenen Türen des Hotels Europe am Pragsattel votierte der CDU-Kreisvorstand mit 24 zu 18 Stimmen für den Kandidaten Rommel. Thieringers bitterste Niederlage.

Rommel wurde Oberbürgermeister, aber Thieringer lief nicht davon, obgleich die Partei ihm später OB-Kandidaturen in Heilbronn, Reutlingen und Friedrichshafen anbot. „Die ersten Jahre hatten wir ein gespanntes Verhältnis“, räumt der Unterlegene ein. Doch als er 1979 Erster Bürgermeister wurde, also Rommels offizieller Stellvertreter, wendete sich das Blatt: „Ich sah mich nicht als Aushilfskellner, aber ich war immer loyal gegenüber Manfred Rommel.“ Mehr noch: 1988, zum 60. Geburtstag des OB, veröffentlichte Thieringer das Büchlein „Klar gedacht und gut gesprochen!“, eine heitere Sammlung von Zitaten seines Dienstherrn. Beispiel: „Man sollte die großen Probleme immer dann lösen, wenn sie noch ganz klein sind.“

Seit zwanzig Jahren ist Rolf Thieringer nun außer Diensten, aber fast so aktiv wie eh und je. „Ich brauche einen strukturierten Tag“, sagt er und meint damit eine Fülle von Ehrenämtern: Mit Gleichgesinnten führt er die Stiftung Marienheim, ein Wohnheim für alleinstehende junge Frauen in der Innenstadt. Er engagiert sich in der Stiftung Geißstraße, entstanden aus dem Feuer im Haus Geißstraße 7, dem im März 1994 nach einem Brandanschlag sieben ausländische Bewohner zum Opfer fielen. Auch in der Paulinenhilfe, in der Hans-Rehn-Stiftung und in der Diözese Rottenburg-Stuttgart hat Thieringer noch immer Sitz und Stimme. Der württembergische Schwimmverband erhob ihn zum Ehrenpräsidenten, das Große Bundesverdienstkreuz darf er sein Eigen nennen, auch die Otto-Hirsch-Medaille, die ihn als einen ausweist, der sich um die christlich-jüdische Zusammenarbeit verdient gemacht hat. Die Liste ließe sich verlängern.

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