Staatsministerium in Stuttgart Jugendliche machen klare Ansagen an Politiker

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Das Schauspiel Stuttgart und die Politik wagen zusammen mit Jugendlichen ein Experiment: Man hört sich gegenseitig zu. Die Resonanz ist bei allem Beteiligten positiv. Am Publikum hat es allerdings gefehlt.

Jugendliche formulieren ihre Forderungen, der Ministerpräsident nimmt sie zur Kenntnis. Foto: dpa
Jugendliche formulieren ihre Forderungen, der Ministerpräsident nimmt sie zur Kenntnis. Foto: dpa

Stuttgart - „Euch fehlt die Richtung, weil ihr keine Haltung habt“, „hört auf, uns zu ignorieren“, „wir fordern mehr Mut“. An klaren Ansagen der Jugendlichen an die Politik hat es nicht gefehlt, am Samstag im Park des Staatsministeriums. Alle Forderungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gipfelten schließlich in einem Transparent, das vom Balkon der Villa Reitzenstein entrollt wurde: „Der kleine Finger am Hebel der Macht genügt und nicht, wir fordern mehr Beteiligung.“ Da waren die Verhältnisse umgekehrt. Jugendliche stehen oben auf dem Balkon am Mikrofon. Die Spitze der Landespolitik sitzt unten am Brunnenrand und schaut lauschend empor.

Für einen Nachmittag haben Jugendliche zumindest im Park der Machtzentrale des Landes das Heft in die Hand genommen. Schüler, junge Erwachsene, Mitglieder von Fridays for Future, haben am Samstag im Park der Villa Reitzenstein die Agenda bestimmt und zumindest einige Politiker spielten mit.

Viele grüne Politiker

Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Minister Theresia Bauer, Winfried Hermann und Franz Untersteller (alle Grüne) haben sich ebenso auf das Experiment eingelassen wie Kretschmanns Stellvertreter Thomas Strobl (CDU) und der SPD-Fraktionschef Andreas Stoch oder die Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir und Anna Christmann (ebenfalls Grüne) und die Kunststaatssekretärin Petra Olschowksi. Kein Wunder, dass mancher Besucher die Politriege „etwas grünlastig“ empfand. Besonders Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wurde vermisst.

Das Projekt war Teil der Reihe „#Einmischen“, das das Schauspiel Stuttgart für junge Menschen anbietet. Zuhören war Programm, vor allem für die Politiker. Zu sagen hatten die Jugendlichen allerhand.

Die Ausdrucksformen waren unterschiedlich. Forderungen hingen an Wäscheleinen auf bunten Plakaten im Felsengarten des Parks. Da reichten die „Visionen für die Zukunft“ vom kostenlosen Nahverkehr über den Wunsch nach „einer Welt, in der wir nicht auf Kosten anderer leben“ bis zu dem Verlangen „dass Designer-Klamotten nicht so teuer sind“.

Performances mit spärlichem Publikum

Die freie aktive Schule Stuttgart setzte auf Gesang, der im Refrain gipfelte, „Leute hört uns endlich zu, denn wir geben keine Ruh.“ Währenddessen stellten junge Menschen im benachbarten Pavillon den endlosen Kreislauf der Plastiktütenverwendung dar. Im Privilegienbeichtstuhl der Tante Voluntaria wurde auch der Besucher Winfried Kretschmann auf seine Vorteile aufmerksam gemacht. Besonders den Performances hätten die Veranstalter von Schauspiel und Staatsministerium mehr Publikum gewünscht. Man hatte auf Mitschüler und Anhang der etwa 200 aktiven Jugendlichen gehofft.

Bei den Gesprächen auf der Picknickdecke mussten Politiker Farbe bekennen und gleichzeitig zuhören. Augenhöhe und Austausch war das Prinzip bei den Themen Freiheit, Inklusion, Erderwärmung, Wahlalter oder Beteiligung. Das hat manchem Politiker, der Redenhalten gewohnt ist, einiges abverlangt. Das Experiment hat funktioniert, findet Kilian Redel aus Tübingen. „Anfangs war die Atmosphäre schwierig, aber das Eis ist schnell gebrochen“, findet der 18-Jährige. „Man kam gut ins Gespräch“. Er nimmt den Eindruck mit, „dass wir einen guten Kontakt zu den Politikern hatte. Wir sind gehört worden.“

Nicht nur Wohlfühlatmospäre

„Die Gespräche waren gut und ernsthaft“, bilanzierte Innenminister Thomas Strobl, auch wenn seiner Empfindung nach auf den Picknickdecken im Park durchaus „nicht nur Wohlfühlatmosphäre herrschte“. Minister und Jugendliche waren längst nicht immer einer Meinung, und die sagten sie sich auch. So mochte der Innenminister der Forderung gar nicht folgen, Bürgern ab 60 quasi das Wahlrecht zu entziehen.

Für den Ministerpräsidenten, der sich Bürgerbeteiligung von jeher auf die Fahnen geschrieben hat, ist das Experiment noch nicht beendet. „Wir müssen uns überlegen, wie wir in der modernen Welt kommunizieren. Wir müssen experimentieren und etwas riskieren“, sagte Winfried Kretschmann am Ende der Veranstaltung. „Es ist ganz wesentlich, dass nicht immer wir bestimmen, wie es abläuft.“ Spätestens im kommenden Jahr sei eine Neuauflage geplant, ergänzt ein Regierungssprecher.

Ungeduld bleibt

Was aus der Sache wird, bleibt abzuwarten, meint etwa der 20-jährige Felix Schulz aus dem Kreis Ludwigsburg. Die Veranstaltung, von der er vermutet, das es die erste ihrer Art in der Republik war, fand er toll. „Ich fühle mich ernstgenommen, wir konnten unsere Themen anbringen“. Die Jugend wartet ungeduldig auf Veränderungen. Der Landesvater hat verstanden. „Ich überlege schon lange, wie wir schneller werden können“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. Besonders beim Megathema der Jugendlichen, dem Klimawandel, „sind wir zu langsam“, meint Kretschmann. Für Felix Schulz ist die Sache klar: „Falls es länger dauert, kommen wir wieder hierher und machen das Gleiche noch mal.“