Immer nur im Fitnesstudio Gewichte zu stemmen oder die gleiche Runde durch den Wald zu laufen, kann auf Dauer ziemlich fad und eintönig werden. Wer lieber eine aufregende Sportart ausprobieren möchte und vielleicht auch Teil eines Teams oder Vereins werden will, der hat in Stuttgart die Qual der Wahl. Wir zeigen euch coole und ungwöhnliche Sportarten, die alles andere als langweilig sind.
Der erste Verein seiner Art: Roller Derby
Die erste Sportart, die wir vorstellen, hat in Deutschland sogar Geschichte geschrieben: 2006 wurde das Stuttgart Valley Roller Derby Team gegründet und gilt damit als der erste Roller-Derby-Verein Deutschlands - inzwischen sogar mit eigener Bundesmeisterschaft.
Doch wie kommt man zu so einem Sport? Bettina Marquardt brachte der Film "Roller Girl" mit Elliot Page darauf – ein Mix aus Frauenpower, Rebellion und Rollschuhen. 2015 wurde sie durch einen Facebook-Post auf ein Schnuppertraining in Stuttgart aufmerksam. Und seit 2016 ist sie nun festes Mitglied der Roller Derby Frauen. Der Eindruck aus dem Film sollte sich bestätigen: „Ich glaube, dass Roller Derby in Stuttgart aus einem Bedarf heraus entstanden ist. Eine Art Safe Space für Frauen, die rebellisch, spaßig und aufmüpfig sind und gemeinsam etwas schaffen wollen.“
Zweimal in der Woche trainiert Bettina in der Sporthalle des MTV Stuttgart. Beim Roller Derby treten zwei Teams auf Rollschuhen gegeneinander an. Ziel ist es, dass eine der Spieler:innen möglichst viele Runden läuft, während die anderen Spieler:innen sie dabei blockieren. Ein echter Vollkontaktsport, wie Bettina betont. Den Bezug zu Stuttgart sieht die 31-Jährige ganz klar in der "Schaffa schaffa, Häusla baua"-Mentalität. „Wir beim Roller Derby sind einfach eine Mischung aus Macher:innen und Denker:innen und investieren viel Zeit und Kreativität in den Verein, ganz im Sinne des schwäbischen Mindsets“, meint Bettina und schmunzelt.
Die Women’s Flat Track Derby Association (WFTDA), die den Sport reguliert, nennt Roller Derby einen offenen und bunten Sport. Auch für Bettina ist das einer der Gründe, wieso sie dabei ist. Mitmachen kann also jede und jeder - auch ein Männer- und Jugend-Team gibt es in Stuttgart. „Roller Derby ist für alle da, die Bock auf körperlichen und sozialen Kontakt mit Menschen und auch Spaß am Rollschuhfahren haben. Ganz unabhängig von Geschlecht, Alter und Background. Was wir allerdings nicht dulden, ist Hass und Diskriminierung.“
Der nächste Schnuppertermin wird auf dem Instagram-Profil des Vereins veröffentlicht. Ihr habt kein Equipment? Keine Sorge. Newbies können sich zu Beginn alles ausleihen.
Surfen auf dem Wasser mit Neckarfoil
Wer lieber den Kontakt zu Wasser sucht, hat es in Stuttgart nicht so einfach. Aus diesem Bedrüfnis heraus haben Kathrin Hage und Kai Kienscherf nach einer heimischen Alternative zum Surfen gesucht und sie im Foiling gefunden. Seit 2021 gehen sie in jeder freien Minute ihrer Leidenschaft auf dem Wasser nach und teilen diese mit anderen Interessierten in ihren Neckarfoil-Kursen. Dabei ist Foilen quasi Surfen ohne Wind und Wellen – das funktioniert mit speziellen Boards und der richtigen Technik.
Unterschieden wird zwischen zwei Arten: Foil Pumping und eFoil. „Foil Pumping beschert uns Surf-Feeling im Ländle – was gibts Besseres? Allerhöchstens Fliegen, und das können wir mit dem eFoil“, erzählt Kathrin mit einem Schmunzler. Wer viel Körpereinsatz mag und die Herausforderung sucht, sollte also Foil Pumping ausprobieren. eFoil gestaltet sich dagegen etwas einfacher: nach einer Stunde Training schafft man es schon auf dem Board zu stehen, erklärt Kathrin.
„Die Kälte ist im Winter natürlich eine Herausforderung“, gibt Kai zu. „Heißer Tee und eine Wärmeflasche sind daher immer mit dabei. Und nach dem Training wird im Auto schnell die Sitzheizung aufgedreht“. Trotzdem springen Kathrin und Kai auch im Winter zweimal die Woche in den kalten Fluss. „Ein dicker Neoprenanzug ist auf jeden Fall ein Muss“, ergänzt Kathrin. „Daher steht im Winter noch mehr das Training im Fokus als im Sommer, wo man auch mak länger am Wasser sitzt, und mal ein Eis isst.“
Wer einen Kurs buchen möchte, kann mit den beiden über ihre Website individuell einen Termin vereinbaren. Wichtig ist, dass ihr einen Neoprenanzug mitnehmt – den Rest stellt euch Neckarfoil zur Verfügung. Ins Wasser gehen die beiden Surfer in Esslingen oder in Remseck, da in Stuttgart aufgrund der schlechten Wasserqualität ein Badeverbot gilt. Mitmachen kann jede:r! Empfehlen würden sie das Foilen allen, die Spaß am Boardsport haben, etwas Biss und Motivation mitbringen und das Wasser lieben. Und in der Wintersaison zusätzlich Abenteuerlustigen, die etwas Neues ausprobieren möchten und die Kälte gut abkönnen.
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Tanzen auf dem Longboard
Graue Betonflächen gelten in der Regel eher als Unding. Aber so wie vieles ist auch das eine Frage der Perspektive. Für Christian Schmidt sowie mindestens 79 weitere Longboard-Dancer ist das Römerkastell in Stuttgart-Bad Cannstatt kein öder Ort, sondern bietet gerade mit seiner glatten Betonfläche einen Platz zum Üben, Treffen und Ausleben der Longboard-Dancing-Kultur im Kessel.
Aber von vorn: Longboard Dancing, was ist das? "Es ist eine Möglichkeit, sich selbst auf dem Brett auszudrücken. Es gibt keine festgeschriebenen Regeln. Auf den Events und Turnieren sind 100 verschiedene Stile zu sehen, wie man auf einem Board tanzen kann", erklärt Chris. "Manche tanzen mehr und machen beispielsweise Pirouetten auf dem Brett, andere bauen eher Tricks ein. Es gilt beim Dancing und beim Freestyle, kreativ und offen zu sein. Das gilt übrigens auch für die Menschen. Die Longboard-Dancing-Community ist eher klein und daher familiär, das ist auch ziemlich wichtig für den Sport."
Der gegenseitige Austausch sowie das Unterstützen beim gemeinsamen Üben machen den Sport für den 30-Jährigen besonders attraktiv. „Man macht riesige Sprünge und entwickelt sich viel besser, wenn man sich gegenseitig bei den Tricks und Schritten hilft. Und es macht gemeinsam natürlich doppelt so viel Spaß.“ All das sind gute Gründe, wieso Chris 2018 in Stuttgart die Longboard-Dancing-Community 0711dancenow ins Leben gerufen hat. Begonnen hat es mit einem Aufruf auf Facebook. „Ich dachte mir, es kann nicht sein, dass es bei über 600.000 Menschen in Stuttgart niemanden gibt, der das Tanzen auf dem Board so mag wie ich“.
Heute zählt die Community in Stuttgart knapp 80 Dancer, mit einer Altersspanne von 16 bis knapp Ü60 und einer musikalischen Bandbreite von HipHop bis Rock. Wenn die Crew den Kessel verlässt, dann für internationale Events der Longboard-Community, wo Kontakte und Freundschaften auch über Ländergrenzen hinweg geknüpft werden.
Mitmachen kann auch hier jede:r. Es brauche nur zwei gesunde Beine, meint Chris. Auch das Longboardfahren selbst ist keine zwingende Voraussetzung. Jede:r Interessierte:r kann dies bei der 0711dancenow crew lernen. Longboards könne man zu Beginn ausleihen, nur einen eigenen Helm sollte man beim Schnuppern mitbringen. Wer jetzt Lust bekommen hat, das Römerkastell aufzusuchen und mitzutanzen, braucht nur Chris auf Instagram unter 0711dancenow anzuschreiben.