Erinnerung an Charlie Watts
Diese vor Unerbittlichkeit, Unersättlichkeit und Unberechenbarkeit strotzende Nummer passt schließlich viel besser zum Selbstbild der Rolling Stones im Jahr 2022, eignet sich ausgezeichnet als Soundtrack für die Durchhalteparolen, mit denen die Band auf die sich verdichtenden Gerüchte reagiert, dass nun tatsächlich Schluss sein könnte mit dem Touren.
Doch obwohl Mick Jagger (78), Keith Richards (78) und Ron Wood (75) ihre Münchner Show wie fast jede andere mit „(I can’t get no) Satisfaction“, also mit einer Hymne der Unzufriedenheit, des unstillbaren Verlangens und des Immer-Weiter beenden, sind sie selbst für die Spekulationen mitverantwortlich. Nachdem Charlie Watts im August 2021 im Alter von 80 Jahren starb, haben die verbleibenden Mitglieder mehrfach laut darüber nachgedacht, ob die Stones ohne den Mann, der seit 1962 für die Band getrommelt hat, eine Zukunft haben.
Livepremiere eines alten Hits
„Das ist unsere allererste Europatour ohne Charlie. Wir vermissen ihn sehr“, sagt Mick Jagger in einem der wenigen ruhigen Momente des Abends, der mit einer auf die riesigen LED-Leinwände projizierten Video- und Bildercollage beginnt, die an Charlie Watts erinnert. München ist die zweite Station der „Sixty“-Tour, mit der die Rolling Stones – ein kleines bisschen wehmütig – ihr 60-Jahr-Bandjubiläum feiern. Statt Charlie Watts sitzt nun Steve Jordan bei Songs wie „Tumbling Dice“, „Honky Tonk Women“ oder „Start me up“ am Schlagzeug.
Als ein Zeichen dafür, dass hier jemand seinen Abschied vorbereitet, könnte man auch deuten, dass die Rolling Stones auf der Bühne ihren Nachlass ordnen und Versäumnisse der letzten Jahrzehnte wiedergutzumachen versuchen. Zum Beispiel, indem sie den Song „Out of Time“ spielen – obwohl das Lied aus dem Jahr 1966 ein Nummer-eins-Hit war, hatten sie es bis vor wenigen Tagen noch nie live gespielt. Beim Tourauftakt am 1. Juni in Madrid überraschten Jagger und Co. ihre Fans mit der Livepremiere des Songs, der mit seinem Marimba/Vibrafon-Groove richtig zeitgeistig klingt.
Spektakel der Superlative
Und es gibt Gerüchte, dass „Out of Time“ nicht die einzige Liverarität ist, die die Stones gedenken hervorzukramen. In Madrid wollen Zaungäste gehört haben, dass die Stones heimlich „Mother’s little Helpers“ geprobt haben – einen Song, den die Band seit 1966 nicht mehr live gespielt hat. Wer in München auf diese Nummer wartet, wirdzwar enttäuscht, aber mit einem über zwei Stunden langen Rock-’n’-Roll-Spektakel der Superlative getröstet.
Man erlebt einen gut aufgelegten Keith Richards, der ein grandioses Riff nach dem anderen raushaut und wie üblich bei zwei Songs („Connection“ und „Slipping away“) Jagger als Sänger ablösen darf. Man erlebt einen wunderbar übermütigen Mick Jagger, der jeden Bühnenmeter abschreitet, abrennt, tanzt, springt, den Zampano mimt, das Publikum mit „Servus Minga“ grüßt und verrät, dass er den Pfingstsamstag Bier trinkend im Englischen Garten verbracht hat. „Da hatten wir noch tolles Bikiniwetter“, sagt er. Tatsächlich wird am Sonntag wegen Unwetter- und Orkanwarnungen der Konzerteinlass im Olympiastadion von 17 Uhr auf 18 Uhr verschoben. Während des Auftritts der Rolling Stones bleibt es aber ebenso trocken wie bei dem der Vorband Reef.
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Der 116. Auftritt der Rolling Stones in Deutschland
Nein, nach Abschied klingt der (laut Jagger) 116. Auftritt der Rolling Stones in Deutschland überhaupt nicht. Stakkatogitarren mischen das Finale von „Paint it black“ auf. In „Sympathy for the Devil“ gibt es nicht nur Platz für nicht enden wollende „Woo, woo“-Chöre, sondern auch für skurrile Saxofonparts. „Living in a Ghost Town“, das Lied, mit dem sich die Rolling Stones 2019 aus dem Lockdown zu Wort meldeten, verwandelt sich nach und nach in einen Reggaesong. Und durch „Street fighting Man“ oder „Jumpin’ Jack Flash“ dröhnt, scheppert und kracht der Sturm und Drang immer noch so herrlich unverkrampft, als wäre 1968 gerade erst gestern gewesen.
Tournee Die „Sixty“-Europatour der Rolling Stones endet am 31. Juni in Stockholm. Am 27. Juni ist ein weiterer Auftritt in Deutschland geplant: in der Veltins-Arena Gelsenkirchen. Es sind noch Tickets erhältlich.