Rolls-Royce Power Systems Panzermotorenbauer zittern vor London

Bei Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen werden auch Motoren für Panzer gefertigt. Foto: dpa/Felix Kästle

Der Rolls-Royce-Betriebsratschef in Friedrichshafen warnt vor einem erzwungenen Aderlass des Werks am Bodensee durch den englischen Mutterkonzern. Der Vorstand vor Ort widerspricht.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Es ist schon die zweite Betriebsversammlung bei Rolls-Royce Power Systems (RRPS) innerhalb von zwei Monaten in Friedrichshafen, das Hauptthema ist unverändert. Der Betriebsratsvorsitzende Thomas Bittelmeyer benennt es am Dienstag bei einem Pressegespräch nach Veranstaltungsende in den Hallen der Messe Friedrichshafen: „Wie steht es um das Unternehmen mit der Führung in England?“

 

Konzernchef spricht von „brennender Plattform“

Anlass für die Aufregung im Unternehmen, das früher unter dem Namen MTU bekannt war, ist die Neueinsetzung des Konzernchefs der Rolls-Royce-Gruppe, Tufan Erginbilic, zu Jahresbeginn. Dieser versendete im Januar eine interne Videobotschaft, in der er den Konzern als „brennende Plattform“ (burning platform) bezeichnete und konsequente Sparmaßnahmen forderte. Bittelmeyers Urteil nach Ablauf der ersten drei Monate unter der neuen Regie: „Wir haben einen CEO, der aus unserer Sicht versucht, möglichst viel Cash in möglichst kurzer Zeit zu generieren.“ Er stelle jetzt schon fest, so der Belegschaftsvertreter, „dass wir nicht die Investitionen kriegen, die notwendig wären“. Erginbilic führe das Unternehmen „mit harter Hand und verbreitet Angst und Schrecken“. Dieser Befund habe sich auch bei der jüngsten Betriebsversammlung wieder bestätigt.

Motorenfertigung für Panzer wie Leopard, Marder oder Puma

Seit 2014 sind die Friedrichshafener ein Geschäftsbereich des Flugzeug-Turbinenbauers Rolls-Royce mit rund 9000 Mitarbeitern. 5500 von ihnen arbeiten in der Fabrik am Bodensee, die unter anderem schwere Dieselmotoren für Marineschiffe baut, im Rahmen ihres „Behördengeschäfts“ aber auch Motoren für die Panzer Leopard, Marder oder Puma. Dem Rüstungsunternehmen geht es prächtig, der Umsatz von RRPS wuchs im vergangenen Jahr auf den Rekordwert von 3,9 Milliarden Euro, der bereinigte Gewinn auf 330 Millionen Euro. Auch die Aussichten sind rosig. Die Summe der aktuellen Aufträge beziffert das Unternehmen mit 5,2 Milliarden Euro. Das könnte noch deutlich mehr werden, wenn die Bundesregierung offiziell ihre Bestellungen für neue Panzermotoren am Bodensee aufgibt. Vorgespräche sind offenbar längst geführt worden. Zahlen dazu sind noch unter Verschluss, aber, so die Vorständin und Arbeitsdirektorin Thelse Godewerth am Dienstag: „Die Panzeraufträge werden sich signifikant erhöhen.“

Abgestürzter Aktienkurs hat sich wieder erholt

Ganz anders als die Tochter in Süddeutschland steht der Konzern im Ganzen da. Dessen Jahresumsatz 2022 betrug umgerechnet rund 14,14 Milliarden Euro, der Betriebsgewinn 740 Millionen Euro. Allerdings kommt Rolls-Royce aus schweren Krisenjahren mit enormen Verlusten, die vor allem mit dem zum Erliegen gekommenen weltweiten Flugverkehr während der Coronajahre zu tun haben. Eine Pleite konnte nur mit milliardenschweren Kreditaufnahmen abgewendet werden. Der zwischenzeitlich abgestürzte Aktienkurs immerhin hat sich seit November vergangenen Jahres wieder erholt.

Betriebsratschef Bittelmeyer fürchtet nun, dass der deutsche Unternehmensanteil zur nachhaltigen Rettung der Konzernmutter konsequent kaputtgespart werden könnte – wo doch eigentlich die Produktionskapazitäten für Rüstungsaufträge erhöht werden müssten. Wie hoch die Rendite ist, die vom Bodensee nach England abgeführt werden muss, verrät Vorständin Godewerth nicht, nur so viel: „Ich kann sagen, dass es ein ambitioniertes Ziel ist.“

Einem etwaigen „Notverkauf“ will die Belegschaft nicht kampflos zusehen

Godewerth betont allerdings, dass es keinen Einstellungsstopp in den Fabrikhallen gebe. Im vergangenen Jahr seien 250 Stellen in der Produktion sowie 243 im Bereich Entwicklung hinzugekommen. „Wir haben das nötige Personal an Bord.“ Insgesamt habe der Konzern 80 Millionen Euro für zusätzliche Köpfe und den Ausbau des Standorts bewilligt. „Es gibt keinen Grund zu Panik“, so Godewerth, und: „Wir werden einen Beitrag leisten zur wehrhaften Demokratie.“

Diesen Optimismus teilt Betriebsratschef Bittelmeyer nicht. 80 Millionen Euro Investitionen für ein Unternehmen mit vier Milliarden Umsatz, das sei angesichts der aktuellen Herausforderungen keine große Zahl, sagt er. Seine Befürchtung sei, der Konzern müsse seine Rüstungssparte am Bodensee bald per „Notverkauf“ abstoßen, das Werk könne in die Hände der nächsten Investoren und damit in noch größere Gefahr geraten. Bewegungen in diese Richtung werde die Belegschaft nicht kampflos zusehen.

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