Rollstuhlrallye in Gerlingen Kopfsteinpflaster ist eine Tortur

So ein Theke ist doch sehr hoch: Foto: factum/Weise
So ein Theke ist doch sehr hoch: Foto: factum/Weise

Wer neben einem Rollstuhlfahrer herläuft, mag denken, so schlimm kann das Vorwärtskommen in Gerlingen gar nicht sein. Wer jedoch selbst gehandicapt ist, erlebt immer wieder Überraschungen. Die Stadt und eine Initiative der Robert Bosch GmbH haben zu einer Rollstuhlrallye durch die Innenstadt geladen.

Ludwigsburg: Ludwig Laibacher (lai)
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Gerlingen - Wer neben einem Rollstuhlfahrer herläuft, mag denken, so schlimm kann das Vorwärtskommen in Gerlingen gar nicht sein. Wer jedoch selbst gehandicapt ist, erlebt immer wieder Überraschungen. Tatsächlich habe sich in Sachen Barrierefreiheit in den letzten Jahren viel getan in der Stadt, sagt Waltraud Pecher, die seit 2001 im Rollstuhl sitzt. Aber sie meint auch, ihr Leben wäre deutlich einfacher, wenn es nicht überall dieses Kopfsteinpflaster gäbe. Die Stadt und eine Initiative der Robert Bosch GmbH hatten am Samstag zu einer Rollstuhlrallye durch die Innenstadt geladen.

Ausgangspunkt der Rallye war der Wochenmarkt, der Parcours beschränkte sich auf fünf Stationen im engeren Umfeld von Hauptstraße und Rathausplatz. Das Sanitätshaus Glotz hatte Rollstühle zur Verfügung gestellt, so dass auch Nichtgehbehinderte die Probe aufs Exempel machen konnten: darunter die Erste Beigeordnete Martina Koch-Haßdenteufel und Ulla Bender vom städtischen Amt für Jugend, Familie und Senioren. Ziel der Aktion war es, einmal mehr die Aufmerksamkeit auf die Belange von Behinderten zu lenken und drauf hinzuweisen, dass aktuell ein neuer Behindertenwegweiser für die Stadt Gerlingen erstellt wird.

Lokale und Vereine auf der Agenda

An dem wiederum arbeitet eine Projektgruppe der Firma Bosch mit. Seit März seien zehn Teilnehmer einer Weiterbildungsmaßnahme für Führungskräfte nicht nur damit beschäftigt, die Stolpersteine im öffentlichen Raum in Augenscheine zu nehmen, sagt Katrin Huber aus der Zentralabteilung Marketing:  „Wir haben auch Kontakt zu Vereinen und Inhabern von Lokalen aufgenommen.“ Und das sei enorm wichtig, sagt Waltraud Pecher. „Wenn wir mal ausgehen wollen, wenn wir ein Familienfest feiern, müssen wir immer überlegen, wo können wir denn überhaupt hingehen“, sagt sie. Wirte und Vereinsvorsitzenden hätten sehr offen reagiert, sagt Huber. Und der eine oder anderer habe sich dazu anregen lassen, spezielle Angebot für Menschen mit Handicap anzubieten.

„Was kann zum Beispiel ein Tischtennis- oder ein Schwimmverein machen? Oft ist es ja so, dass die sich das nur nicht zutrauen.“ Grundsätzlich hätten auch die angesprochenen Lokalbetreiber signalisiert: Behinderte sind willkommen. Die Bosch-Aktion sei noch nicht ganz abgeschlossen, so Huber. Die Ergebnisse dieser Recherche jedenfalls flössen in den neuen Behindertenwegweiser ein, der im Herbst in Druck gehen soll.

Eltinger Straße ist nicht barrierefrei

Dass das Ein- oder Aussteigen an der Bushaltestelle schwierig ist, glaubt jeder zu wissen. „Aber es kommt darauf an, ob ein Hochbord- oder ein Niederbordbus kommt“, sagt der VdK-Vorsitzende und FW-Stadtrat Gerhard Amos, der die Stadt regelmäßig auf Hürden für Rollstuhlfahrer hinweist. Im ersten Fall habe ein geübter Rollstuhlfahrer keine Probleme, im zweiten aber schon. Ein Geduldsspiel der eignen Art musste sich Peter Berg von der Firma Glotz unterziehen. Seine Aufgabe: er sollte einen Apfel und eine Banane in einem Feinkostladen kaufen. Dazu musste er eine steile Rampe einigermaßen gebremst hinunterfahren und sich am Ende wieder mühsam hochhangeln. „Ich bin ja zum Glück trainiert“, sagte der Mann mit den starken Armen hinterher. Aber auch er hatte große Mühe. Schier unüberwindlich schien auch die Theke einer Bäckerei, in der Ulla Bender eine paar Brötchen einkaufen sollte. In einem solchen Fall ist auch viel Entgegenkommen des Verkaufspersonals gefragt.

Insgesamt sei er mit der Situation in der Gerlinger Stadtmitte zufrieden, sagte Amos: „Allerdings sieht es in den Randgebieten anders aus.“ Er verstehe auch gut, dass es noch einige Hindernisse aus früheren Epochen gebe, in denen das Bewusstsein für barrierefreies Bauen fehlte. „Aber was mich sehr ärgert, ist, wenn man das bei neuen Projekten nicht berücksichtigt.“ So sei etwa der Umbau der Eltinger Straße ein Unding für Menschen mit Handicap. „Hier wurden keine Platten verlegt, sondern Kopfsteinpflaster“, sagt der Stadtrat. Das mache das Vorwärtskommen zur Tortur.




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