Roma-Familie in Stuttgart „Wenn wir es nicht mehr aushalten, gehen wir in den Park“
Zwei Zimmer, keine eigene Toilette und Küche. Roman und seine Frau sorgen sich um die Gesundheit des drei Wochen alten Sohns. Wie lebt die fünfköpfige Roma-Familie?
Zwei Zimmer, keine eigene Toilette und Küche. Roman und seine Frau sorgen sich um die Gesundheit des drei Wochen alten Sohns. Wie lebt die fünfköpfige Roma-Familie?
Wenn sie es gar nicht mehr in ihren zwei Zimmern im Stuttgarter Westen aushalten, geht Roman (29) mit seiner Familie einfach raus in die Stadt. In den Park. Um weg zu sein. Ruhe zu haben und an die frische Luft zu kommen. Dann fallen sie auf als Familie, ziehen die Blicke auf sich, werden genau beobachtet. Roman mit dem auffällig gemusterten Hemd, seine Frau Maria (26) in dem bodenlangen Rock mit dem glitzernden Muster und dem Kinderwagen, in dem der drei Wochen alte Sohn liegt. Auch Tochter Celia trägt einen solchen Rock (alle Namen der Familie wurden geändert).
Roman und seine Frau sind Roma. Sie stammen aus der Nähe der Stadt Tirgu-Mures, im rumänischen Transsilvanien in Siebenbürgen gelegen. Viele der Roma in Stuttgart stammen von dort. Und seit einiger Zeit auch aus der Ukraine. Geduldet und gelitten sind sie hier wie dort nicht eben. Auch in ihrer Heimat sind sie eine Minderheit, die am Rand der Gesellschaft lebt. Ihre prekäre Lebenssituation, ihre Armut wird auch in Stuttgart sichtbar – in der unteren Königsstraße, in der Arnulf-Klett-Passage oder im Schlossgarten.
Die CDU-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat hat deshalb einen Bericht im Jugendhilfeausschuss beantragt. Ihre Sorge, so erklärt es Isabelle-Florentine Weichselgartner, richte sich in erster Linie auf die Kinder. Es gehe nicht um die pauschale Verurteilung einzelner Gruppen. In den Antrag heißt es: „Was für viele Passantinnen und Passanten eine Zumutung darstellt, ist für die betroffenen Kinder eine ernste Gefährdung ihrer Entwicklung und ihres Wohlbefindens.“ Es geht in der Anfrage darum, wie Polizei, Sozialamt und Jugendamt zusammenarbeiten und auch darum, wie oft das Jugendamt Kinder in Obhut nimmt, also von ihrer Familie trennt und in einer Einrichtung unterbringt.
Das sei immer der letzte Schritt, sagt Sonja Lohrmann-Dangas, die Leiterin des Beratungszentrum Jugend und Familie Mitte/Nord beim Stuttgarter Jugendamt. Sie erinnert sich an nur einen Fall in der Vergangenheit. Denn das sei nur in Ausnahmefällen und mit gerichtlichem Beschluss möglich.
Doch genau das sei eine der großen Sorgen bei vielen Roma-Familien, sagt Regine Maier, ihre Stellvertreterin. Sie haben Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, wenn sie Kontakt mit Behörden haben. Darüber, wie viele Roma-Familien durch den Allgemeinen Sozialen Dienst betreut werden, führt das Jugendamt keine Statistik. Gleiches gilt auch beim Sozialamt. Von den in Sozialunterkünften der Stadt Stuttgart untergebrachten 107 Familien mit insgesamt 447 Personen kommen nach Auskunft der Stadt 349 Menschen (79 Familien) aus Rumänien. Ihre ethnische Zugehörigkeit werde nicht erfasst, heißt es auf Anfrage.
Roman und seine Frau sind mit den drei Kindern heute zu Regine Maier gekommen, um anstehende Termine zu besprechen. Die fünf sind pünktlich. „Es ist wichtig für das Gelingen, dass Familien sich darauf einlassen, sich von uns begleiten zu lassen“, sagt Maier. Und wenn nicht? Dann gehe es darum, immer wieder einzuschätzen, ob das Kindeswohl gefährdet ist. Heute geht es bei Roman um einen Kinderarzttermin für das Neugeborene, und die Familie wird zudem Unterstützung durch die Familienhilfe bekommen.
Doch vorher erzählt Roman aus ihrem Leben. Die Luft in den Zimmern, in denen die fünfköpfige Familie lebt, sei oft schlecht. Der drei Wochen alte Sohn sei erkältet gewesen. „Das tut ihm nicht gut“, sagt der besorgte Vater, während er seinen Sohn im Kinderwagen wiegt. Seine Frau Maria nickt. Beide haben Angst, dass er sich dort mit einer Krankheit anstecken könne. Die vierjährige Klara soll demnächst in den Kindergarten, Celia (11) besucht ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, wo sie besonders gefördert wird. „Dort habe ich lesen gelernt“, sagt sie. Sie sitzt mit am Tisch, ihre Schwester ist nebenan beschäftigt mit Spielen. „Zuhause hat sie kein Spielzeug“, erklärt Celia auf Deutsch.
Es ist die Wohnsituation in der Sozialunterkunft, die alle belastet. Das schwingt in allem mit, was sie berichten. Vor allem ist es der Konflikt mit den anderen Familien, die dort wohnen. Sie kochen in der selben Küche, würden aber weder die Töpfe nach dem Kochen spülen, noch reinigten sie das Treppenhaus oder die Toiletten regelmäßig. Die Kinder würden sich einen Spaß daraus machen, die Toilette auf ihrem Stock mit Klopapier zu verstopfen. Es stinke im ganzen Haus.
Roman zeigt ein Handyvideo, das festhält, wie er die Treppe putzt. Das habe er heute wieder getan, bevor der Hausmeister am Morgen gekommen sei. Denn dem sei egal, wer der Verursacher sei. Roman klingt verzweifelt. Er habe versucht, mit den anderen zu reden. „Wir sind doch keine Tiere, wir sind Menschen“, habe er dem anderen Familienvater erklärt. Er wolle einfach nur in Frieden wohnen. Viele Behördenpost komme nicht bei ihm an, weil die anderen sie aus dem gemeinsamen Briefkasten holen und nicht wieder zurücklegen. Der Brief mit der Scheckkarte der Bank ging wohl so verloren.
2021 ist Roman als EU-Bürger alleine nach Stuttgart gekommen. Acht Jahre ist er in Rumänien zur Schule gegangen. Den erhofften Ausbildungsplatz als Mechaniker bekam er nicht, obwohl er, wie er sagt, ordentlich und arbeitswillig sei. Ein Freund hat ihm dann einen Job in Deutschland vermittelt. Bei einer Zeitarbeitsfirma war er. Die hat ihn an einen Subunternehmer in der Autozuliefererbranche vermittelt. Roman hat für eine Umzugsfirma Möbel geschleppt oder geputzt. Weil er eine Beschäftigung hatte, konnte er seine Familie nachholen und bekommt finanzielle Unterstützung. Weil er krank wurde, verlor er seine Arbeit. Aber sein ehemaliger Chef hat ihm einen neuen Job in Aussicht gestellt.
Das ist wichtig. Bleiben darf und Unterstützung bekommt nur, wer eine Beschäftigung hat. „Es ist nicht leicht, als Roma Arbeit zu bekommen“, übersetzt die Dolmetscherin seine Worte aus dem Rumänischen. Vieles versteht Roman, manches kann er auf Deutsch sagen. Gelernt hat er das durch learning by doing. „Die großen Arbeitgeber setzen Deutschkenntnisse voraus“, sagt er. Zudem würden viele Roma nicht regelmäßig zur Arbeit kommen, „die Arbeitgeber haben kein Vertrauen zu rumänischen Roma“. Roman erklärt, er leide unter dem schlechten Ruf. „Alle werden in einen Topf geworfen.“ Das ist auch seine Sorge in dem Haus, in dem er wohnt. Er habe Angst, dass seine Familie dort rausgeworfen werde. Der Hausmeister wisse ja nicht, wer putze und wer nicht.
Roman und seiner Familie bleibt nur der Blick nach vorne. „Im Leben musst du alles irgendwie tragen“, sagt er. Irgendwann werde es besser. Das Wichtigste sei die Gesundheit. Was er sich wünsche? Dass er wieder Arbeit finde und dass seine Kinder in die Schule gehen können. Aber das Heimweh zur Familie in Rumänien ist natürlich auch da. Die Oma, sagt Maria, solle ihren kleinen Enkel bald sehen.