Roman von Sally Rooney So gut ist „Schöne Welt, wo bist du“
Heiß erwartet und weltweit zur gleichen Zeit veröffentlicht: „Schöne Welt, wo bist du“ von der jungen Bestseller-Autorin Sally Rooney. Lohnt die Lektüre des neuen Romans?
Heiß erwartet und weltweit zur gleichen Zeit veröffentlicht: „Schöne Welt, wo bist du“ von der jungen Bestseller-Autorin Sally Rooney. Lohnt die Lektüre des neuen Romans?
Stuttgart - Her mit dem schönen Leben! Dieser Satz war vor einigen Jahren in Stuttgart auf diverse Häuserwände gesprayt zu lesen. So frech fordernd würden die Heldinnen von Sally Rooney vermutlich ihr Begehren nie formulieren. Wie schon der Titel ihres dritten Romans nahe legt: „Schöne Welt, wo bist du“.
Eher eine Frage also, wenn überhaupt. Denn das Komma ist da, wo es hingehört, doch das Fragezeichen fehlt. Der Satz wirkt melancholisch resignierend vor sich hin gemurmelt, dass es schon toll wäre, wenn es sie gäbe, die schöne Welt, die Wahrscheinlichkeit aber für gering gehalten wird.
Sally Rooney, Jahrgang 1991, wird als Stimme einer Generation bezeichnet – einer ziemlich gebildeten oder einer, die sich dafür hält. Es sind fast durchweg junge Intellektuelle, die mehr denken als handeln, über den schlechten Zustand der Welt sinnieren, wenn sie nicht gerade todunglücklich verliebt sind und ihrem Glück selbst im Weg stehen.
Und sie geizt nicht mit literarischen Anspielungen. So entzückt schon der Titel des Buches, das von der „New York Times“ als „eines der meisterwarteten Bücher des Jahres 2021“ bezeichnet wurde und an diesem Dienstag weltweit gleichzeitig erscheint, mit Verrätselung. Zumal die literarisch gebildeten Leserinnen und Leser wissen, es ist ein Zitat: Friedrich Schiller, „Die Götter Griechenlandes“ (alle anderen erfahren davon im Nachwort).
Wer es kennt, weiß, dass die Autorin hier nicht einfach ihre Belesenheit demonstriert. Der Roman ist tatsächlich eine re-écriture, eine Überschreibung, eine Ausformulierung der Stimmung des Gedichts von 1788.
Die Welt bei Schiller ist schon transzendental obdachlos, kennt keine Götter mehr, die alles heile machen, der kleine Mensch muss sich selbst um sein Glück kümmern. Einst gab es keinen „finstren Ernst und trauriges Entsagen“ – „glücklich sollten alle Herzen schlagen“. So ein Dasein wünscht sich Sally Rooneys Erzählerin auch für ihre Heldinnen.
Die sind seit Collegezeiten beste Freundinnen: Eileen, die für wenig Geld für ein staatlich subventioniertes Literatur-Magazin arbeitet. Und Alice, der Rooney einige biografische Daten geliehen hat: berühmte und reich gewordene Schriftstellerin aus Irland, die auch gern ausführlich über Sex schreibt, deren Werk verfilmt wurde (bei Rooney ist das „Normale Menschen“) und die nach einem Literaturstipendium in New York wieder zurück in Irland ist und an ihrem nächsten Roman arbeitet.
Rooney beginnt ihren Text allerdings gänzlich unlyrisch. In einem geradezu soziologisch nüchternen Ton, sich strikt auf die rein äußerlichen Aktionen der handelnden Figuren konzentrierend, schildert die Erzählerin das erste – desaströse – Date von Alice und einem jungen Mann namens Felix, der beruflich in einem Lager Pakete sortiert.
Mit der Zeit gibt die Erzählerin dann doch wieder einiges über das komplizierte Seelenleben der Figuren preis, und ja, auch auf Sexszenen zwischen diesen – wie in den beiden ersten Romanen so interessanten wie sensiblen Figuren – verzichtet sie nicht. Sei es zwischen Alice und Felix, sei es zwischen Eileen und Simon, Eileens Freund seit Jugendtagen.
Und ohne das Ende zu verraten, gestaltet die Erzählerin deren Liebesgeschichten so, dass man sich ein Happy End schon sehr wünschen würde und entsprechend mitleidet, wenn sie gerade mal wieder aneinander vorbeilieben oder ihrem Glück mit falscher Coolheit oder Feigheit selbst im Weg stehen.
Doch vor allem ist der dritte Roman von Sally Rooney eben eine Hommage an die Literatur selbst. Nicht nur Schiller geistert durch den Roman. Auch Tolstoi. Nur wegen der Lektüre eines seiner Romane macht der hochbegabte Simon auf dem Bauernhof von Eileens Vater ein Praktikum: „Ich glaube, zu der Zeit hatte ich gerade ,Anna Karenina’ zu Ende gelesen. Und ich wollte auf einem Bauernhof arbeiten, um so wie Levin sein zu können. Er hat doch diese tiefschürfenden Einsichten, während er mit einer Sense das Gras mäht oder so.“ Und Jane Austen (Eileen und Simon haben ein ähnliches Beziehungsproblem wie Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy in „Stolz und Vorurteil“).
Und nicht zuletzt der Jubilar des Jahres: Marcel Proust. Alice und Eileen schreiben sich häufig Emails, in denen sie über die Welt, das Klima und die Übel des Kapitalismus lamentieren. Und darüber, was Literatur kann und was nicht. Der Erzähler in Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ findet, dass man mit einem realen Menschen nie so sehr mitleiden kann wie mit einer Romanfigur. Rooney lässt es ihre Heldin Alice so formulieren: „eine mitfühlende Bindung an rein fiktionale Figuren (...) ist eine Möglichkeit, die tiefe Komplexität des Menschseins zu verstehen“.
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Diese für manche Leserin, manchen Leser womöglich herzlos erscheinende These könnte Ansporn für die Komposition dieses dritten Textes von Sally Rooney gewesen sein.
So kann Sally Rooney ihre literarische Klugheit ausspielen und zugleich den Roman so konzipieren wie ein antikes Theaterstück (oder einen klassischen Hollywoodfilm) – Drama oder Komödie, das wird hier nicht verraten. Damit hat sie auch die Möglichkeit, im großen Stil derart emotionale Himmel- und Höllenfahrten zu kreieren und sich an den Rand des Landes Kitsch zu wagen, dass die Leserinnen und der Leser Herzklopfen bekommen.
Jedenfalls wird es Millionen von Menschen auch mit „Schöne Welt, wo bist du“ so ergehen wie der US-Schauspielerin Sarah Jessica Parker, die über das Debüt von Sally Rooney, „Gespräche mit Freunden“, auf Instagram schrieb, sie habe das Buch in einem Tag gelesen.
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Info
Das Buch
Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du. Aus dem Englischen von Zoe Beck. Claassen-Verlag, 352 Seiten, 20 Euro
Die Autorin
Sally Rooney wurde 1991 geboren und lebt in Dublin. 2017 erschien ihr Debüt „Gespräche mit Freunden“. Ihr zweiter Roman „Normal People“ (deutsche Fassung: „Normale Menschen“) ist verfilmt worden, die Autorin schrieb das Drehbuch zur gleichnamigen TV-Serie.