Der Schauspieler Josef Bierbichler hat seinen ersten Roman „Mittelreich" vorgelegt. Seine Figuren leiden bis zum Schluss.
Stuttgart - Das Fräulein Zwittau soll vergewaltigt werden. Die russischen Soldaten stehen um den Tisch herum, einer beginnt, "es auszupacken". Da liegt die Arme nun mit ihrer "glatten, unverbrauchten Haut", mit ihren "zwei kleinen, frommen Brüsten". Josef Bierbichler lässt sich viel Zeit, um zu beschreiben, wie das Fräulein, das "zum Öffnen ladende Geschenkpaket" von den Soldaten präpariert wird, wie sie mit dem Bajonett das Leinennachthemd öffnen. Präzise schildert er, wie dem Opfer "Flüssigkeit aus seinen Augenwinkeln über Schläfen und entlang der Ohrmuscheln fließt und vom Halsgrat tropft". Und dann plötzlich der Wendepunkt. Noch witzeln die Soldaten, bis sie feststellen: "Das Fräulein hat eine Zipfelpritsche", es ist ein Hermaphrodit.
Fast vierhundert Seiten ist der erste Roman von Josef Bierbichler geraten. Ein gewaltiges Werk, das viel Unglück, kuriose und traurige Schicksale bereithält. Vor zehn Jahren trat der Schauspieler erstmals als Schriftsteller an die Öffentlichkeit und präsentierte die Essaysammlung "Verfluchtes Fleisch". Jetzt ist ein veritabler Roman gefolgt: "Mittelreich", in dem Bierbichler einen Bogen schlägt über fast hundert Jahre - vom Ersten bis zum Kalten Krieg, vom Großvater bis zum Enkel, von durch und durch gläubigen Katholiken bis zu "Aufrührern und Traditionsverächtern, von Gottlosen und Kirchenfeinden".
Verzahnung von historischen und kulturgeschichtlichen Ereignissen
Bierbichlers Familiensaga spielt an einem See - und es ist nur ein Gedankenschritt, vom Starnberger See auszugehen, an dem Bierbichler selbst geboren wurde und an dem der 63-Jährige immer noch lebt. "Zum Fischmeister" hieß das Wirtshaus, in dem er groß wurde und das er eigentlich übernehmen sollte, hätte die Schauspielerei ihn nicht fortgezogen. In "Mittelreich" heißt das Gasthaus "Zum Seewirt" - und Bierbichler erzählt chronologisch von denen, die darin lebten: Familie, Knechte, Mägde und Sommergäste.
Es ist beeindruckend, wie souverän Bierbichler diesen großen Bogen spannt und die Vielzahl an Figuren und Schicksalen, an historischen und kulturgeschichtlichen Ereignissen verzahnt und über diese lange Strecke hinweg spannend hält. Es beginnt beim "pseudoherrschaftlichen Haus mit seinen antibäuerlichen Dünkeln", später hängt die Tochter ein Schild ans Seewirtshaus: "Wir sind ein christliches Haus. Juden sind hier unerwünscht." Die Männer ziehen in den Krieg, die Häuser füllen sich mit "kriegsgefangenen Zwangsarbeitern". Es beginnt das "Konkubinat zwischen den ausländischen Kriegsgefangenen und den Kühen der deutschen Bauern".
Bierbichler zu detailverliebt
Bierbichlers Thema ist nicht nur das ländliche Leben, sondern auch die Verdrängung. Viele, so schreibt er, hätten nach dem Krieg auf Gedächtnisverlust bestanden. "Alle waren mit dem Wiederaufbau beschäftigt, und was gewesen war, konnte sich ein jedes selbst ausmalen, wenn es nur wollte." Bald habe die Fragerei ein Ende gehabt: "Man schaute lieber optimistisch in die Zukunft."
Bierbichler verliert sich dabei gern in Details und Beschreibungen, die nicht wirklich nützlich sind. So ist an der neuen Mähmaschine alles aus Eisen - "von den beiden großen Rädern bis zur Deichsel". Auch sprachlich will er hoch hinaus. "Der neue Staat war auch gerade fertig gegründet worden", schreibt er da über die Nachkriegszeit, "Konrad hieß der neue Adolf, und die neue Mark begann nach und nach ein glänzendes Fett anzusetzen." Bierbichler beherrscht sein Werkzeug bestens, aber manchmal scheint er die Sprache allzu sehr auf Originalität drillen zu wollen.
Übersteigerte Szenen zum Schluss
Im letzten Teil kippt die kulturhistorische Familiensaga. Der Semi, der ein Wiedergänger des Autors selbst sein könnte, wird im Internat von einem Geistlichen sexuell missbraucht. Er rächt sich und bringt den Mann um. Als die Mutter stirbt, verübt er mit der Leiche Inzucht. Das sind groteske, ins Surreale übersteigerte Szenen, die zu dem dokumentarischen Ton des Romans nicht recht passen.
Licht und Glück gibt es in der Welt Bierbichlers nicht. Nichts als Düsterkeit, Abgründe, Hadern. Und auch wenn es nach dem Krieg aufwärtsgeht und die Deutschen "sich zügig wieder in den aufrechten Gang zurück verbiegen", bleibt das Leben trostlos. Auch dort, wo es gut werden könnte, schaffen die Figuren sich ihr eigenes Elend. So schicken die Eltern die Kinder ins Internat - und die Seewirtin bleibt einsam und unglücklich zurück. "Sie hatte die zehrende Sehnsucht nach den abwesenden Kindern in sich eingesponnen und sich verpuppt in Arbeit."
Josef Bierbichler: Mittelreich. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 392 Seiten. 22,90 Euro.