Rommel-Museum Genug von den Militaristen aus aller Welt

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Das Rommel-Museum in Herrlingen ist, zusammen mit der Grabstätte des Feldmarschalls, ein Fixpunkt skurriler Heldenverehrung. Die Stadt Blaustein plant jetzt eine neue Ausstellung unter Einbeziehung auch jüdischer örtlicher Vergangenheit.

In Herrlingen wird Rommel, dem Panzergeneral Foto: Bäßler (2), dpa
In Herrlingen wird Rommel, dem Panzergeneral Foto: Bäßler (2), dpa

Blaustein - De Totenmaske Erwin Rommels ist echt. Auch die eine oder andere ­militärische Karte aus Nordafrika, die den Feldzug des deutschen Generalfeldmarschalls und die Jahrzehnte danach überstand. Ansonsten hat das, was im Rommel-Museum von Herrlingen (Alb-Donau-Kreis) zu sehen ist, wenig zu tun mit dem Leben und Sterben des Generalfeldmarschalls. Nicht die unter Glas ausgestellten Wüstenuniformen, und schon gar nicht der Orden „Pour le Mérite“, um den Rommel nicht nur im Feld, sondern später am Schreibtisch durch vielerlei Briefe und Eingaben kämpfte. Die meisten gezeigten Stücke seien schlicht Militaria aus dem Zweiten Weltkrieg oder Nachbildungen, sagt der Blausteiner Stadtarchivar Manfred Kindl.

Besucher werden darüber aber im Unklaren gelassen. Oder, je nach Lesart, sogar gezielt in die Irre geführt. Sicher gilt das für den Rommel-Gedenkstein am Rand eines steilen Verbindungswegs vom einstigen Herrlinger Rommel-Wohnhaus hinauf in den Ort Wippingen. „Hier wurde Gfm. ­Erwin Rommel am 14. 10. 1944 zum Freitod gezwungen! Er nahm den Giftbecher und opferte sich, um das Leben seiner Familie vor den Schergen Hitlers zu retten“, steht in Blech graviert. Ganze Busladungen mit Besuchern aus Übersee kämen hierher, um vor Ehrfurcht niederzusinken, sagt der Stadtarchivar Manfred Kindl.

Es stimmt, Rommel, der verdächtigt wurde, in die Attentatspläne auf Hitler eingeweiht gewesen zu sein, ist zum Gifttod gezwungen worden. Doch wo, darüber gibt es keinerlei Aufzeichnung, keinen Zeugenbericht, nicht die geringste Quelle. „Dort, wo der Stein steht, war es jedenfalls nicht“, sagt der Historiker Kindl überzeugt. Die Stelle an der Straße sei viel zu einsehbar gewesen. Die Platzierung des Gedenksteins sei früher wohl das Ergebnis einer stillen Übereinkunft zwischen den Rathäusern von Herrlingen und Wippingen gewesen.

Die Rommels lebten nur zwei Jahre in Herrlingen

Im Oktober 1943 übersiedelte Rommel mit seiner Familie von Wiener-Neustadt nach Herrlingen, weg von der heranrückenden Sowjetarmee. Auch der Sohn Manfred Rommel lebte so für knapp zwei Jahre in dem Anwesen etwa 15 Kilometer von Ulm entfernt. Heute ist es in Privatbesitz. Rommel wurde nach seinen Suizid auf dem Herrlinger Friedhof beigesetzt, die ­Familie zog erneut fort.

Ende der 50er Jahre, erzählt der Archivar Kindl, habe ein Herrlinger Gemeinderat begonnen, Nachlassstücke zu Erwin Rommel zu sammeln. Ein Herrlinger Ortsvorsteher, zugleich Bundeswehrreservist, eröffnete 1989 auf der Grundlage dieser Sammlung das Rommel-Museum in einem Obergeschoss der Villa Lindenhof in Herrlingens Ortsmitte. Das altehrwürdige, von Vereinen genutzte Herrschaftshaus, erbaut vom Unternehmer Max Robert Wieland, gehört heute der Stadt Blaustein. Bald füllten seltsame Zustiftungen die Sammlung: Wimpel, Ölbilder oder ein Holzpanzer.

Heldenverehrung im Gästebuch

„Ich komme mit dem Rommel-Mythos nicht zurecht“, sagt Kindl – und das hat auch mit dem Museumspublikum zu tun. Im Gästebuch stehen die Namen von Bundeswehrreservisten und Weitgereisten. „To a Great Hero of World War II“, schreibt ein Besucher aus den USA. „He was my Military Hero of all the time“, vermerkt ein Besucher aus Pune in Indien. Noch toller geht es an den Todestagen Erwin Rommels an dessen Grab zu, und am tollsten an den runden Jahreszahlen. Vertreter des Verbandes Deutsches Afrika-Korps salutieren dann am Grab, Veteranen, ehemalige englische Soldaten und zunehmend junge nationalgesinnte Personen. 2004, anlässlich Rommels 60. Todestags, zog sich die Rathausverwaltung von der Veranstaltung zurück. Das Museum, die Totenfeiern, das alles sei mehr und mehr anschlussfähig auch für Rechte und Populisten, sagt der Ulmer Historiker Andreas Lörcher, der Leiter der Denkstätte Weiße Rose. Eine autoritäre Denkweise werde in Herrlingen auf verfälschende Weise mit dem NS-Widerstand verknüpft und legitimiert, mit Rommel als vermeintlichem ­Widerstandskämpfer im Mittelpunkt.

Lörcher gehörte zu einer Expertenkommission, die im städtischen Auftrag Vorschläge zur Umgestaltung des Museums vorgelegt hat. Am 18. Juli wird sich der Blausteiner Gemeinderat mit der Konzeption und Finanzierung befassen. Das Museum sei Teil einer Neuplanung für die ganze Lindenhof-Villa, sagt die Hauptamtsleiterin Anke Jaeger. Die neue Schau solle nicht mehr nur Rommel gewidmet werden, sondern auch wichtigen jüdischen Einwohnern: Anna Essinger zum Beispiel, die von 1926 an bis zu ihrer Flucht ein Landschulheim für bedürftige Kinder in Herrlingen unterhielt. Die neue Schau, die auch die Schrecken des Krieges nicht ausklammert, sei hoffentlich auch für Schulklassen geeignet und entspreche modernen Bildungsansprüchen, sagt Kindl. Der Holzpanzer und die Blechorden kämen in eine noch zu schaffende Devotionalienkammer, denn: „Wegschmeißen kann man sie ja nicht.“

Zukünftig sollen auch Schulklassen kommen können