Romsdalseggen Die „schönste Wanderung“ Norwegens

Von Gabriele Kiunke 

Von den Einheimischen wird er seit Jahrhunderten erklommen. Sein großes Potenzial erkannte aber erst die örtliche Tourismusmanagerin, die nun ihren Hausberg, den Romsdalseggen, vermarktet.

Eine grandiose Landschaft: die Bergwelt in West-Norwegen. Foto: Gabriele Kiunke 11 Bilder
Eine grandiose Landschaft: die Bergwelt in West-Norwegen. Foto: Gabriele Kiunke

Åndalsnes - Als Gott die Erde schuf, fing er in Åndalsnes an, einem kleinen Städtchen inmitten einer wunderschönen Bergwelt. Und weil er so lange dort verweilte, musste er den Rest in aller Eile schaffen, damit er bis Sonntag fertig wurde. So schildert der norwegische Autor Jo Nesbø in seinem Kriminalroman „Der Feldermausmann“ seine Heimat, ein weitverzeigtes Universum aus unzähligen Fjorden, Bergen und Tälern. Sie wirkt so, als habe hier jemand die Vorlagen für eine Landschaft geschaffen. So steil müssen Berge sein, mit glatten, steinernen Flanken, gesäumt von Grün oder glasklarem Fjordwasser. So eng und tief ein Tal, mit verstreuten Bullerbü-Gehöften.

Doch um Touristen anzulocken, reicht eine wunderbare Natur allein meist nicht. Besser sind Etiketten und Auszeichnungen, die Außergewöhnliches oder Einzi gartiges einer Region herausstellen. Die höchste Seilbahn, die steilste Straße, der sauberste Strand. Auch Åndalsnes wirbt mit einem besonderen Attribut, das vor allem auf Aktivurlauber zielt: hier erwartet einen „Norwegens schönste Wanderung“.

Das 2800-Einwohner-Städtchen am Romsdalsfjorden selbst hat touristisch wenig zu bieten. Es ist aber als Ausgangspunkt für einen Tagesausflug bei Kreuzfahrttouristen beliebt, die sich von hier zum berühmten Trollstigen, einer Passstraße, kutschieren lassen. Bevor sie dann wieder auf einem Giga-Dampfer einchecken, könnten sie einen Stopp am Hafen nutzen, um ein ungewöhnliches Gebäude kennenzulernen: das vor einem Jahr eröffnete Bergmuseum mit seinem spitzförmigen Turm und der braun-weiß gesprenkelten Fassade. Eine multimedial ansprechend aufbereitete Ausstellung informiert über die Geschichte, aber auch die Gefahren des Bergwandern. In der angegliederten Kletterhalle kann der sichere Umgang mit Seil und Karabiner geübt werden.

Die Wanderer strömen in Scharen

Dass sich der kleine Ort ein Bergmuseum geleistet hat, zeigt, wie erfolgreich die Vermarktung dessen war, was naturgegeben in Åndalsnes schon immer da war, aber nie richtig beworben wurde. Der wie ein fetter Bernhardiner im Rücken der Stadt liegende Hausberg namens Romsdalseggen.

Von den Einheimischen wird er seit Jahrhunderten erklommen. Sein großes Potenzial erkannte aber erst die örtliche Tourismusmanagerin, eine umtriebige Mittfünfzigerin, die auch nach einem langen Arbeitstag – „ich hatte heute 3000 Keuzfahrttouristen in meinem Büro“ – so strahlt, als freue sie sich schon auf mindestens ebenso viele von den Berichten der deutschen Journalistengruppe hergelockte Wanderer.

Hilde Bakke nennt die Tour über den Romsdalseggen ihr „fünftes Kind“ und als ehrgeizige Mutter förderte sie ihren Nachwuchs mit allen Mitteln. Dafür ist Eltern bekanntlich nichts zu teuer. Es gab neue Schilder an der Strecke, Broschüren, Kartenmaterial. Und schließlich auch keine Scheu vor dem Superlativ, auch wenn man sich inmitten so vieler prächtiger Berge schon fragt, warum ausgerechnet Hildes Baby das schönste sein soll. In jedem Fall verfehlt das Marketing seine Wirkung nicht. Die Wanderer strömen in Scharen auf den Romsdalseggen, bis zu 40 000 seien es in dieser Saison, was in den kurzen norwegischen Sommern bedeutet, das sich durchschnittlich rund 500 Aktive pro Tag auf einer nur 10 Kilometer langen Strecke tummeln, vor allem an sonnigen Tagen.

Das Programm hat Hochalpinformat

Los geht es in einem knapp 400 Meter hoch gelegenen Seitental, zu dem aus man sich am besten in früher Stunde mit einem der ersten Hotelbusse bringen lässt. Bis zum höchsten Punkt (1222 m) sind es dann rund 800, zum Endpunkt in Åndalsnes mehr als 1000 Höhenmeter. Ein forderndes Programm im Hochalpinformat, dabei erreichen die Gipfel mit ihren 1000er Marken allenfalls Voralpenniveau. Auch die Landschaft gleicht dem Hochgebirge. Kahl, baumlos und steinreich. Der Pfad windet sich über viel Geröll nach oben. Über manche Felsbrocken muss geklettert werden – das kostet Kraft und Zeit.

Der Vorsprung durch den frühen Aufbrauch ist schnell passé. Von hinten drängeln munter quasselnde Norweger, die behende, flink und mühelos vorbei klettern. Unglaublich dieses Tempo, „wir sind das halt von klein auf trainiert“, kommentiert Torunn Dyrkorn, Touristmanagerin von Visit Northwest, die Kondition ihrer Landsleute. Die deutschen Wanderer, auch nicht untrainiert, schauen staunend und schnaufend zu.

Auf dem Grat des Romsdalseggen angelangt, ist das sich bietende Panorama grandios. Die ganze Bergwelt Westnorwegens breitet sich um einen herum und in der Ferne liegen die Fjorde. Nun geht es einige Kilometer weiter auf dem Grat entlang, bis – da hat der Abstieg schon begonnen – der beeindruckendste Punkt erreicht ist: eine über Åndalsnes schwebende Aussichtsbrücke mit Blick auf den Romsdalsfjorden.

Stau auf der Aussichtsbrücke

Hier staut es sich wie im Feierabendverkehr am Stuttgarter Kreuz. Jeder will ein Foto mit sich und dem spektakulären Panorama im Rücken, natürlich so, dass es aussieht, als sei man allein. Kurioserweise scheint das unausgesprochener Konsens zu sein, denn die Wanderer warten brav in der Schlange, so dass jeder alleine oder mit Partner nach vorne kann. So suggeriert wenigstens das Foto Ruhe und Einsamkeit.

Vielleicht hat Hildes Mann auch so eine Erinnerung. Er war der einzige in Åndalsnes, der sich über den Besucheransturm nicht freute, weil er die Einsamkeit auf dem Berg immer genossen habe. „Schau, was du gemacht hast“, habe er gesagt, erzählt Hilde und lacht. Für die Tourismusmanagerin sind es noch längst nicht genug Wanderer. Sie möchte als nächstes eine Gondel auf den Romasdalseggen bauen. Denn dann könnten auch die Kreuzfahrttouristen schnell mal für ein Foto hochfahren. „Der Romsdalseggen ist ein Wirtschaftsfaktor“, sagt Hilde. Wer alleine sein will, für den gebe es ja noch 500 andere Wanderwege. Viele davon sicher mit einer ähnlich spektakulären Aussicht.