Ronja von Rönne im Stuttgarter Merlin Ein Phänomen – mit und ohne Bubikragen

Autorin, Moderatorin, Bloggerin: Ronja von Rönne Foto: imago
Autorin, Moderatorin, Bloggerin: Ronja von Rönne Foto: imago

Ronja von Rönne hat im ausverkauften Merlin Texte gelesen und mit dem Publikum geplaudert. Der Abend zeigt: Hinter dem Hype um die 26-jährige Autorin und Moderatorin steckt mehr als ihr Alter und ihr gutes Aussehen.

Stuttgart und Region: Julia Bosch (jub)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - An diesem Freitagabend trägt Ronja von Rönne keinen Bubikragen. Zu ihrer Lesung im Kulturzentrum Merlin im Stuttgarter Westen erscheint sie ohne ihr Markenzeichen. Zu den weißen Turnschuhen und der schwarzen Jeans trägt sie ein gestreiftes Shirt. Doch immerhin die Haare sind zu dem typischen Ronja-von-Rönne-Dutt gebunden, aus dem ein paar Strähnen herausfallen. Wer über Ronja von Rönne spricht, gelangt meist viel zu schnell zu ihrem Aussehen. Oft wird der gerade einmal 26-jährigen Autorin, Journalistin und Moderatorin vorgeworfen, sie habe nur deshalb Erfolg, weil sie jung und schön sei. Doch damit macht man es sich zu leicht.

Ronja von Rönne tauchte im Februar 2015 in der öffentlichen Wahrnehmung auf, als sie für die „Welt“ den Artikel „Nutte oder erfolglose Schauspielerin?“ schrieb und darin berichtete, wie wenig glamourös es tatsächlich bei der Berlinale abläuft. Noch mehr Aufsehen erregte sie im April 2015 mit einem antifeministischen Text, in dem sie erklärte, dass der Feminismus langweilig geworden sei und sie selbst viel lieber egoistisch statt feministisch wäre. Ihr eigenes Glück sei ihr wichtiger als Gleichheit. Als sie später für genau diesen Artikel den Axel-Springer-Preis bekommen sollte, erklärte sie, dass sie nicht mehr hinter dem Text stehe und die Auszeichnung deshalb nicht annehmen wolle.

Zwei Jahre lang schrieb sie für die Tageszeitung „Die Welt“, im vergangenen Jahr wechselte sie zur Wochenzeitung „Die Zeit“. Seit einem guten Jahr moderiert sie die Arte-Sendung „Streetphilosophy“, außerdem hat sie zwei Bücher veröffentlicht – 2016 ihren Debütroman „Wir kommen“, ein Jahr später die Textsammlung „Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben“.

Lieber Deckenburrito auf dem Sofa spielen oder zur Mahnwache?

Sie spricht und schreibt über alles Mögliche: Oft geht es um ihre eigene Suche nach dem wahren, aufregenden Leben, aber auch um Depressionen, Rechtspopulismus, Berlin, Prominente oder den Skiurlaub mit ihrem Freund und Autorenkollegen Tilman Rammstedt. Diesen Text liest sie auch im Merlin. Und wenn Ronja von Rönne beschreibt, wie sie ihren Freund zum ersten Mal auf die Skipiste mitnimmt, wie er alle drei Meter im Schnee liegt und sie selbst zur gleichen Zeit durch den Tiefschnee fliegt, dann kann sich darin fast jeder wiederfinden – entweder in ihrer Rolle oder in der ihres unglücklichen Freundes auf dem Übungshügel.

Und plötzlich klingen solche Alltäglichkeiten nicht mehr so tragisch und langweilig, sondern klug und zum Lachen. Doch die 26-Jährige kann nicht nur witzig: Wenn sie von dem Ohnmachtsgefühl spricht, das sie überkommt, wenn sie Nachrichten liest, dann geht einem das irgendwie nahe, auch wenn es keine tiefgründigen Gedanken sind. Aber man weiß, was sie damit meint, wenn sie zum Beispiel den inneren Konflikt beschreibt, der entsteht, weil sie nicht weiß, ob sie sich lieber als Deckenburrito auf dem Sofa verkriechen oder eben doch mal zu einer Mahnwache gehen oder zumindest ein Nachbarschaftsfest organisieren soll.

Ronja von Rönne ist auch deshalb erfolgreich, weil sie das Gefühl von Nahbarkeit vermittelt. Viele Texte sind in der ersten Person erzählt, was im klassischen Journalismus selten vorkommt, aber gerade deshalb so gerne gelesen wird. Sie berichtet zumindest scheinbar ganz ungefiltert von ihren Depressionen, ihrer Einsamkeit und den Stimmen in ihrem Kopf, wenn sie einen Text schreiben soll und es nicht schafft.

Das alles ist freilich auch eine große Inszenierung. Viele Texte werden bebildert mit Fotos von ihr selbst, meist nachdenklich oder mit einer Zigarette im Mund, selten lächelnd, manchmal mit einem Raben auf der Schulter. Trotzdem: Es ist nicht nur das Aussehen und die Inszenierung. Vielmehr ist Ronja von Rönne der jungen, breiten Masse eben viel näher als ein von Feuilletonisten gefeierter ­Autor.

Sie antwortet auf alle Fragen

Diese scheinbare Nahbarkeit zieht sie auch bei ihrer Lesung im Merlin durch: Nach rund anderthalb Stunden Vorlesen, Witze-Erzählen und Plaudern will Ronja von Rönne wissen, welche Fragen das Publikum noch an sie hat. Sie antwortet auf alles: welche Studiengänge sie abgebrochen hat (Jura, Theaterwissenschaften und Publizistik) oder warum sie ausgerechnet in Berlin lebt. Auf die letzte Frage fällt ihr keine rechte Antwort ein, aber das macht nichts, denn von den 120 Gästen fällt auch niemand eine vernünftige Antwort ein, warum sie in Stuttgart leben.

Nach der Lesung bildet sich eine Schlange an dem Pult, wo Ronja von Rönne ihre Bücher verkauft und Autogramme verteilt. Ausverkauft war die Lesung mit 120 Besuchern sowieso; einige haben sogar auf der Treppe Platz genommen, um dabei sein zu können. Und trotz gehöriger Skepsis im Vorhinein muss man sagen: Es hat sich gelohnt. Zumindest versteht man nun etwas besser, warum Ronja von Rönne so einen Hype auslöst. Und ist selbst vielleicht ein bisschen Fan geworden.




Unsere Empfehlung für Sie