Rosenkohl aus Kernen Die weiße Fliege macht dem Kohl zu schaffen

Die frühere Rosenkohl-Botschafterin Ronja Haap aus Kernen-Rommelshausen Foto: Michael Käfer

In unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind: Rommelshausen gilt als Hochburg des Rosenkohls. Das Anbaugebiet in Kernens Teilort gehört zu den Top 5 in der Republik. Doch der Platz ist in Gefahr

Ein Unentschieden scheidet aus. Es gibt nur ja oder nein, dafür oder dagegen. Entweder man isst ihn mit wonnigem Vergnügen – oder man kann mit dem Geschmack rein gar nichts anfangen. Rosenkohl spaltet die Welt: Für die einen wie den Verfasser dieses Textes ist es schon immer eine Leibspeise, von der man nicht genug kriegen kann und sie in den kalten Monaten zwei oder drei Mal die Woche in verschiedenen Varianten auf dem Teller hat.

 

Bei manchen gilt seit der Kindheit: „Nein, das esse ich nicht“

Die anderen sind seit ihrem meist in der Kindheit verabreichten ersten bitteren Bissen nicht mehr bereit, noch einen weiteren Geschmacksversuch zu wagen. Seit Jahrzehnten gilt deshalb bei ihnen: „Nein, das ist ungenießbar, das mag ich nicht.“

Am Rosenkohl, andernorts auch Kohlsprossen oder Sprossenkohl genannt, scheiden sich die Geister. Eine, die sich mächtig engagiert, dass dieses Wintergemüse doch noch ein paar zusätzliche Verehrer findet, ist Ronja Haap. Die diplomierte Gartenbauingenieurin kennt sich aus in dem Metier, hat im Jahr 2016 ihr Studium an der Hochschule im bayrischen Weihenstephan mit dem Abschluss Bachelor of Science der Fachrichtung Gemüsebau abgeschlossen.

Im Teilort Rommelsausen der Gemeinde Kernen ist sie Juniorchefin des Familienbetriebs Haap, der auf rund 45 Hektar in und rund um den Flecken im Remstal ein abwechslungsreiches Sortiment an Gemüse, Getreide, Kartoffeln und Beerenfrüchten sowie weiteren landwirtschaftlichen Produkten kultiviert. „Wir bauen schon jahrzehntelang Rosenkohl an“, sagt die 33-jährige Mutter zweier Töchter.

2018 zur Rosenkohl-Botschafterin ernannt

Rosenkohl beim Landwirtschaftstag 2021 in Kernen Foto: Gottfried Stoppel

Dass die Expertin gelegentlich im Hofladen in der Waiblinger Straße in Rommelshausen als Rosenkohl-Königin angesprochen wird, kommt nicht von ungefähr, auch wenn der Titel nicht ganz korrekt ist: 2018 wurde sie offiziell zur Rosenkohl-Botschafterin der Gemeinde Kernen ernannt. Die Idee dazu hatte der sogenannte Kernener Kümmerer, Marcel Baars – er ist eine Art Manager, der auf vielfältige Weise bestrebt ist, dass die Remstalkommune in der Außendarstellung gut wegkommt, und dass in der Gemeinde neue Ideen umgesetzt werden.

Vor einigen Jahren stellte er nach einigen Recherchen fest: „Wir gehören zu den Top 5 beim Anbau von Rosenkohl in Deutschland.“ Landwirtschaftliche Betriebe wie von Markus Fischer, Christian Merz, Werner Bucher und eben der Familie Haap zählen dazu.

Dieses Potenzial mit einer Fläche von 15 Hektar und einer Rosenkohl-Erntemenge von 16 Tonnen müsste man doch imagemäßig besser nutzen können, analysierte Baars und leitete eine Kampagne ein. Dazu gehörte „Rokoko“ – ausgeschrieben steht das für „Rosenkohl kochen“. Rommelshausen passt da geradezu ideal dazu, man hätte es also sogar „Rorokoko“ nennen können. Aber das wirkt natürlich nicht so verspielt wie die Erinnerung an die dekorativ-elegante Epoche zwischen 1730 und 1780.

Den „Rokoko-Tag“ gab es drei Mal in Kernen

Vorne das Wintergemüse, hinten der Traktor Foto: Gottfried Stoppel

Drei Mal gab es den „Rokoko-Tag“ im Bürgerhaus Kernen mit Hocketse mit Kochshows, Präsentationen und Rosenkohlmenüs, die vierte Auflage 2021 wurde zum allgemeinen „Landwirtschaftstag“ umgetauft. Stets mittendrin in ihrem grünen Dirndl: Ronja Haap. „Ich sehe mich nicht als Königin, sondern als Botschafterin“, sagte sich schon damals, wenn ihr fälschlicherweise ein Adelstitel nachgesagt wurde.

In ihrer Zeit im diplomatischen Dienst für den Rosenkohl war sie zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen, etwa auf den Fildern zur Messe CMT (Caravan, Motor, Touristik), auf dem landwirtschaftlichen Hauptfest auf dem Cannstatter Wasen, um dort Kernen und den Rosenkohl zu repräsentieren. „Ich habe viele nette Gespräche geführt und Kontakte geknüpft, habe auch mit einigen Rosenkohltraumatisierten gesprochen, weil sie schlechte Erinnerungen an das Gemüse in ihrer Kindheit hatten.“ Und selbstverständlich wurden bei den Treffen auch etliche Rezepte ausgetauscht. „Auf der anderen Seite war ich doch auch positiv überrascht, wie viele Menschen dem Rosenkohl wohlgesonnen sind, obwohl sein Image nicht das allerbeste ist, wegen seinem bitteren und kohligen Geschmack.“

Allerdings, die ganz große Zeit des Rokoko in Rommelshausen scheint vorbei, und das hat seine Gründe. Die Werbeaktivitäten in Kernen haben nachgelassen, weil auch die Wichtigkeit in der heimischen Landwirtschaft nachgelassen hat. „Das Rosenkohlfest, in dem ich als Botschafterin ernannt wurde, findet mittlerweile nicht mehr statt“, sagt Ronja Haap.

Die Position in der bundesdeutschen Spitze, nur knapp hinter dem Bronzerang, ist in Gefahr. „Die Anbaufläche des Rosenkohls ist in Kernen in der Zwischenzeit deutlich zurückgegangen, da der Anbau in den letzten Jahren zunehmend schwieriger wurde“, sagt die Landwirtin und nennt allgemein die Witterungs- und Schädlingsprobleme. Das mache in der Zukunft die Wirtschaftlichkeit des Rosenkohls fraglich. Als Hauptproblem und Hauptschädling nennt Ronja Haap „die weiße Fliege“, denn „das ist der Übeltäter des Rosenkohls“, wie sie sagt. Auch, weil die Maßnahmen zur Reduzierung des Schädlings stark begrenzt sind. Dazu kommt die lang anhaltende Hitze, diese schwächt die Pflanze, „und sie begünstigt die Vermehrung der weißen Fliege, die an sich schon eine hohe Population aufweist“.

Der Hauptschädling ist die weiße Fliege

Rokoko: Rosenkohlkochen vor dem Bürgerhaus in Rommelshausen, hier im November 2017. Foto: Gottfried Stoppel

Die Folgen sind für die Betriebe nicht nur im Remstal erheblich. „Der Ertrag fällt dadurch geringer aus, zugleich ist der Aufwand für ein verkaufsfertiges Produkt umso höher“, analysiert die 33-Jährige. Kollegen auch in Kernen hätten bereits aufgrund diesen Herausforderungen den Anbau von Rosenkohl ganz eingestellt.

Ist die anfängliche Rokoko-Fröhlichkeit in Kernen also tatsächlich einem eher pessimistischen Blick in die Zukunft gewichen? Ronja Haaps kurze wie eindeutige Antwort: „Leider ja!“ Dabei ist der Rosenkohl „eine Herzenssache unseres Betriebes, da dieser schon rund 30 Jahre von uns in Kernen angebaut wird; allerdings stellt sich auch für unseren Betrieb die Frage, wie lange wir diesen Herausforderungen standhalten können“.

Es sei eben wie in der gesamten Landwirtschaft: „Es ist nur noch rentabel, wenn der Verbraucher den heimischen Anbau schätzt und regional einkauft, statt zu ausländischen Konkurrenzprodukten zu greifen, die unter ganz anderen Bedingungen, Auflagen und Gesetzen produziert werden.“

Auch beim Obst und Gemüse zählen die inneren Werte

Marcel Baars, der Kernener Kümmerer (hier beim Seifenkistenrennen zur Remstal-Gartenschau im September 2019) hatte die Idee, den Rosenkohl aus Kernen besser zur Geltung zu bringen. Foto: Patricia Sigerist

Qualität und Frische stehen für den Familienbetrieb Haap immer an erster Stelle: „Natürliche Produkte wachsen aber oftmals nicht wie im Bilderbuch. Auch wenn Lebensmittel nicht makellos sind, schmecken diese genauso gut. Und am Ende zählen auch beim Obst und Gemüse die inneren Werte.“

Darum werde beispielsweise krummes, übergroßes, nicht der „Norm“ entsprechendes Gemüse in Rettertüten verpackt, welche über die App „Too good to go“ erworben werden können. „Dabei geht es uns nicht um finanzielle Aspekte, vielmehr möchten wir sensibilisieren, dass auch aus nicht makellosem Gemüse leckere Gerichte zubereitet werden können.“

Mini-Wassermelonen wachsen auch in Kernen

Doch der Rosenkohl ist für die landwirtschaftlichen Betriebe in Rommelshausen nicht alles. „Wir sind experimentierfreudig und probieren gerne Neues aus“, erläutert Ronja Haap. Die Erfahrung habe gezeigt: Nicht alles, was probiert wird, gelingt, aber einen Versuch ist es allemal wert. „Unser Motto: Wieso von weit her kaufen, was auch in Kernen wachsen kann?“ Als Beispiel nennt sie die Mini-Wassermelonen. „Der Anbau klappt nicht nur in Südeuropa, sondern wächst auch in Kernen, das ist eine tolle Ergänzung in unserem Sommersortiment. Viele Kunden können es kaum glauben, dass diese geschmackvollen, saftigen, kernarmen Melonen in ihrem Heimatort wachsen.“

Höher, größer, schneller In unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind.

Weitere Themen