Krimikolumne

Ross Thomas: Der Mordida-Mann Grüße auch von Felix Krull

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Ein bizarrer libyscher Oberst fährt einen gefährlichen Kurs gegen die Imperialisten in Washington. Ein geschrumpftes Terror-Quintett geht seiner Arbeit nach, üble Ex-Agenten und ein Wirtschaftskrimineller sind auch mit von der Partie. Da kann nur einer die Kohlen aus dem Feuer holen: der „Mordida-Mann“ von Ross Thomas.

Ross Thomas war gewiss kein Misanthrop. Dabei hätte angesichts seiner vielen kleinen und großen Schurken jeden Grund dazu gehabt. Foto: © Patricia Williams / Alexander Verlag Berlin
Ross Thomas war gewiss kein Misanthrop. Dabei hätte angesichts seiner vielen kleinen und großen Schurken jeden Grund dazu gehabt. Foto: © Patricia Williams / Alexander Verlag Berlin

Stuttgart - Wenn es einen Autor gibt, der ein festes Abo bei Killer & Co. hat, dann ist das Ross Thomas (1926 bis 1995). Keiner konnte wie er Krimis und Thriller auf gleichbleibend hohem Niveau schreiben, ohne dass er je am Fließband stand. Im Gegenteil: die Präzisionsinstrumente seiner Manufaktur liefen niemals leer, mit gleichbleibender Lust dachte er sich Geschichten aus und erfüllte seine Personen mit Leben. Wo andere – und zwar beileibe nicht nur triviale Vielschreiber wie Karl May – ihr komplettes OEuvre mit fünf, sechs identischen Hauptcharakteren bestückten, ist Ross Thomas noch in jedem seiner Romane etwas Neues, Eigenes eingefallen. So auch im Mordida-Mann.

Ein Terrorist namens Bernt Diringshoffen

Vor allem Schurken zeichnete Thomas liebevoll-bösartig, einschließlich der Namen, die er ihnen gab. Wer sonst hätte sich einen internationalen gesuchten Terroristen aus Hamburg ausdenken können, der, ein paar Jahre früher geboren, bei der SS Karriere hätte machen können und auf den Namen Bernt Diringshoffen hörte?

Dieser Diringshoffen ist 1981 Mitglied der gemischtgeschlechtlichen „Amboß-Fünf-Bande“, deren Kopf Gustavo Berrio-Brio, genannt Felix, gleich zu Beginn des Buches so spektakulär wie unauffällig entführt wird. Die Libyer unter einem gewissen Oberst Mourabet (den in realiter tatsächlich erst 2011 verblichenen Gaddafi hat Thomas drei Jahrzehnte früher zu den himmlischen Jungfrauen geschickt) meinen, es steckten die Amerikaner dahinter, und besorgen sich ein Faustpfand, um den Mann wieder freizukriegen. Dieses Faustpfand ist ein gewisser Bingo McKay, der Bruder des amtierenden US-Präsidenten.

Was Anfangs weder die eine noch die andere Seite ahnt: der unglückliche Felix hat seine Entführung nicht überlebt, weil die Täter ein Sedativum verwendet hatten, dessen Nebenwirkungen, so Thomas, in Fachkreisen „als ,unerwünscht’ bezeichnet wurden“.

Privatier mit Steuersorgen

In dieser Situation kann nur einer helfen: Chubb Dunjee, hochdekorierter Vietnam-Veteran, kurzzeitig Kongressabgeordneter, dann Mordida-, also Schmiergeldmann in Mexiko und nun Privatier in Lissabon - mit schmelzendem Bankkonto und einem gewissen Problem mit der US-amerikanischen Bundessteuerbehörde. Über ross-thomas-typische verschlungene Wege wird Dunjee engagiert und macht sich tatsächlich ans Werk.

Es ist wieder mal eine reine Lust, wie Thomas diesen Fall von vorne bis hinten aufbaut, wie er Typen und Typinnen einführt, wie er Dialoge zum Leuchten bringt und immer wieder hübsche Details einstreut. Zum Beispiel, wenn er Dunjee offizielle Schriftstücke mit „Arsène Lupin“ oder noch besser mit „Felix Krull“ unterschreiben lässt. Das zeigt, so ganz beiläufig, in welcher Liga dieser überaus intelligente und kreative Autor gespielt hat.

Ross Thomas: Der Mordida-Mann. Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel, Alexander Verlag Berlin, 328 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 9,99 Euro