Krimikolumne

Ross Thomas: „Fette Ernte“ Gerettete Kostbarkeiten

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Ross Thomas lebt schon seit bald 20 Jahren nicht mehr. Aber der Alexander Verlag hält das Vermächtnis des großen Amerikaners hoch: er bringt einen um den anderen Thomas in neuer Übersetzung und vor allem ungekürzt auf den Markt – bravo!

Na, wie steht der Weizen? Vor dem Hintergrund dieser ländlichen Frage entwickelt Ross Thomas gewohnt meisterhaft einen lässig-eleganten Großstadtkrimi. Foto: dpa
Na, wie steht der Weizen? Vor dem Hintergrund dieser ländlichen Frage entwickelt Ross Thomas gewohnt meisterhaft einen lässig-eleganten Großstadtkrimi. Foto: dpa

Stuttgart - Es gibt Autoren und es gibt Lieblingsautoren. Es gibt Verlage und es gibt Lieblingsverlage. Und wer diese Kolumne regelmäßig liest, weiß, dass Ross Thomas und sein deutscher Alexander Verlag ganz weit oben auf unserer Beliebtheitsskala stehen.

Seit einigen Jahren versorgen uns Alexander Wewerka und sein Team regelmäßig und zuverlässig mit Thomas & Co., wobei ein ganz besonderes Verdienst in der Tatsache besteht, dass einstmals verstümmelte Meisterwerke endlich ungekürzt auf den Markt kommen. So auch die „Fette Ernte“, die eine ziemlich dünne Brühe gewesen sein muss, als der Ullstein Verlag sie 1975 unter dem Titel „Die Millionenernte“ auf den Markt brachte.

In seinem Nachwort erläutert der Übersetzer Jochen Stremmel, wie und warum „The Money Harvest“ (so der Originaltitel) „in Prokrustesmanier auf knapp die Hälfte zusammengestrichen wurde“. Seine Vermutung: „Der Teufel des Kapitalismus, der den Profit vergrößern möchte, koste es was es wolle, wird es gewesen sein.“ In Zahlen: „Mitte der 70er Jahre durfte kein Krimi in der gelben Reihe umfangreicher als acht Bogen, also mehr als 8 x 16 = 128 Seiten sein.“

Um uns ein Bild davon zu machen, welche Kostbarkeiten den Lesern damals entgangen sind (vom versuchten Rufmord am Autor ganz zu schweigen), listet Stremmel ein paar Vorher-Nachher-Beispiel auf. Es ist unglaublich!

Unglaublich ist auch die bewährte Präzision, mit der Ross Thomas eine Geschichte aus dem politischen Washington vor gut vier Jahrzehnten erzählt. Ein alter Mann, „Crawdad“ Gilmore, Berater von sechs US-Präsidenten, wird vor seinem Haus erschossen. Er war gerade auf dem Weg, um seinem Freund und Anwaltskollegen Ancel Easter von einer großen Schweinerei zu erzählen, die am 11. Juli über die Bühne gehen soll. Sehr viel mehr weiß Easter nicht, und natürlich stellt sich jetzt die Frage, ob Gilmore das Opfer von Auftragskillern wurde. Zusammen mit dem Ermittler Jake Pope und Faye Hix, der Enkelin des Toten, versucht er, Licht ins Dunkel zu bringen. Neben Mördern, Berufspolitikern, Ministerialen und frustrierten Hausfrauen taucht alsbald die Mafia im Karussell auf.

So gelassen und elegant wie Ross Thomas diese verzwickte Geschichte um einen Mordsbetrug an der Warenterminbörse aufbaut, macht ihm das auch heute noch, fast 20 Jahre nach seinem Tod, so schnell keiner nach. In seiner Liga spielen nur ganz, ganz wenige Kollegen – und noch weniger sollten in der Lage sein, mal eben Goethes Faust reinzuschmuggeln, wie Jochen Stremmel in seinem Nachwort ebenfalls verrät.

Ross Thomas: „Fette Ernte“. Roman. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. Erste vollständige Ausgabe in Neuübersetzung. Alexander Verlag, Berlin 2014. 344 Zeilen, 14,90 Euro. Auch als E-Book, 9,99 Euro.