Krimikolumne

Ross Thomas: „Protokoll für eine Entführung“ Eisiges Belgrad

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Ross Thomas gehört zu den US-amerikanischen Schriftstellern, die Europa aus eigener Anschauung kannten. In seinem brillanten „Protokoll für eine Entführung“ schickt er seinen Helden Philip St. Ives ins winterliche Belgrad der Tito-Ära.

Sonnenbeschienenes Belgrad im Dezember 2016 – bei Ross Thomas geht es weit weniger romantisch zu. Foto: dpa
Sonnenbeschienenes Belgrad im Dezember 2016 – bei Ross Thomas geht es weit weniger romantisch zu. Foto: dpa

Stuttgart - Über Ross Thomas muss man in dieser Kolumne nicht mehr viele Worte machen. Der US-amerikanische Groß- und Altmeister des hochintelligenten Thrillers gehört zum ewigen Hausschatz von Killer & Co. Und so ist auch „Protokoll für eine Entführung“ ein Stück Literatur, das man den Lesern wärmstens ans Herz legen möchte.

Thomas, der in den 50er Jahren in Deutschland lebte und das AFN-Büro in Bonn aufbaute, schickt in diesem zweiten Philip-St.-Ives-Fall seinen Helden ins Jugoslawien der ausgehenden 60er. St. Ives, bekanntermaßen erfahrener Vermittler in heiklen Sachen, soll den amerikanischen Botschafter aus den Händen seiner Entführer befreien.

Doch die Geschichte hat nicht nur einen Haken: der Diplomat, ein wohlhabender Mann in den besten Jahren, ist einer umwerfend hübschen Jugoslawin verfallen, die ihrerseits den festen Wunsch hat, in ein Kloster einzutreten. Außerdem kennt St. Ives das Entführungsopfer von früher: der Mann hat ihn mal als Reporter gefeuert. Und dann sind da noch eine ganze Reihe sinistrer Gestalten der Tito-Ära, von denen man in der Kälte des balkanischen Winters nicht weiß, was man von ihnen halten soll.

Mit sicherem Strich zeichnet Thomas, wie in Belgrad alles seinen sozialistischen Gang geht (oder auch nicht), wie Männer und Frauen nach Kräften bemüht sind, andere hinters Licht zu führen, wie am Ende doch nicht alles so gut läuft wie erhofft. Im direkten Vergleich zu Romanen wie „Porkchoppers“ oder „Fette Ernte“ ist das „Protokoll“ nicht ganz so politisch, Thomas pflegt hier eher „nur“ den eleganten Thrillerton. Schon allein aber seine – wie stets sehr sparsam eingestreuten – Prisen knackigen Humors heben das Buch weit aus der Masse hervor. Aber das – wie alle Ross-Thomas-Freunde wissen – kann man sich ja immer an drei Fingern ausrechnen.

Ross Thomas: Protokoll für eine Entführung. Ein Philip-St.-Ives-Fall. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspoek. Bearbeitet von Jana Frey und Jochen Stremmel, 264 Seiten, Alexander Verlag Berlin, 14,90 Euro, als E-Book 9,99 Euro