Roßwälden stärkt seine Identität als Dorf Lust auf Heimatkunde

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Eigentlich ist Heimatkunde aus der Mode gekommen. In Ebersbach-Roßwälden sieht das anders aus: seit zehn Jahren wird hier geforscht – mit überraschenden Ergebnissen.

Der  Pfarrhof der  evangelischen Dorfkirche ist eine von 20 Stationen auf dem Historischen Rundweg, der die Roßwäldener Geschichte erlebbar macht. Foto: Archiv/Horst Rudel
Der Pfarrhof der evangelischen Dorfkirche ist eine von 20 Stationen auf dem Historischen Rundweg, der die Roßwäldener Geschichte erlebbar macht. Foto: Archiv/Horst Rudel

Ebersbach-Roßwälden - Alle vier Wochen stecken in Roßwälden Frauen und Männer die Köpfe zusammen und tauschen sich über die Ortsgeschichte aus. Und das schon seit zehn Jahren. Stammtisch Heimatkunde Roßwälden nennt sich die bunte Truppe, die ihren runden Geburtstag an diesem Donnerstag um 19 Uhr mit einem besonderen Treffen feiert. Dazu hat sie im Roßwäldener Rathaus eine kleine Ausstellung aufgebaut, und die Stammtischler erzählen den Besuchern, was sie im Spannungsbogen von Dorf- und Weltgeschichte bereits alles erforscht haben.

Katharina Kepler wurde als Hexe verunglimpft

Spannend liest sich beispielsweise die Geschichte von Katharina Kepler, der der Stammtisch einen Gedenkstein im evangelischen Pfarrhof gewidmet hat. Die Mutter des Mathematikers und Astronomen Johannes Kepler, der man wegen angeblicher Hexerei den Prozess gemacht hat, lebte einige Zeit bei ihrer Tochter Margarete, die mit dem aus Roßwälden gebürtigen Pfarrerssohn Georg Binder verheiratet war. Vermutlich ist die Seniorin 1622, ein halbes Jahr nach ihrer Freilassung, in Roßwälden gestorben und begraben worden, wie Walter Zwickers Recherchen ergeben haben.

Zwicker gehört zusammen mit dem früheren Ortsvorsteher Theodor Mayer sowie Alfred Unger und Ernst Schempp zu den Gründungsvätern des Stammtischs, zu dem sich inzwischen 15 bis 20 Dorfbewohner einmal im Monat treffen.

Der Historische Rundweg macht Lust auf Geschichte

„Unsere Nachkommen sollen erfahren, was früher in Roßwälden alles los war“, bringt Sybille Hiller, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Interessensgruppe kümmert, den selbst verordneten Forschungsauftrag auf einen Nenner. Welche Feste wurden früher gefeiert, wo wurde Wein angebaut, und was haben die Kinder eigentlich gespielt, lauten einige der Fragen.

Eine Menge Antworten liefert der Historische Rundweg Roßwälden, den der Ortschaftsrat und der Stammtisch als Broschüre herausgegeben haben. Mit im Boot saß der Ebersbacher Stadtarchivar Uwe Geiger, der die Zusammenarbeit als Glücksfall bezeichnet. Geiger hatte viele Sachverhalte recherchiert und mit dem Stammtisch Heimatkunde abgestimmt. „Hier wird aus innerem Antrieb und mit viel Herzblut geforscht“, lobt Geiger. Die Impulse aus Roßwälden versteht er als große Unterstützung seiner eigenen Arbeit zur Ortsgeschichte.

Die Forschung stärkt die Identität der Dorfbewohner

Ähnlich bewertet das der Kreisarchivar Stefan Lang, der seinen Besuch zum Jubiläumsabend angesagt hat. Solche örtlichen Aktivitäten, die leider etwas aus der Mode gekommen seien, könne man gar nicht hoch genug einschätzen. Hier werde Geschichte zum Anfassen lebensnah erklärt, lobt der Historiker. Das funktioniere in einer eingeschworenen Dorfgemeinschaft wie in Roßwälden vorbildlich und stärke die Identität und den Zusammenhalt. Und es hält den Geist in Bewegung, stellt Sybille Hiller fest, die sich gern engagiert, weil sie mit vollem Herzen Roßwäldenerin ist.

Interessiert haben sich die Heimatkundler auch für die Geschichte der ehemals fünf Gasthäuser im Ort. Und damit die letzte Dorfwirtschaft, das traditionelle Beggahaus, auch bekannt als Bäckerei Rau samt Café und Weinstube, eine Zukunft hat, treffen sich die Geschichtsbegeisterten nach dem Forschen dort noch zum gemütlichen Beisammensein – allerdings ganz ohne Stammtischemblem. Das ist eigentlich untypisch für Roßwälden, denn andere Stammtischgruppen kommen dort im Zeichen einer goldenen Brezel oder einer Handarbeit mit Ministricknadeln zusammen. Vom Stammtisch Heimatkunde sei wohl noch niemandem etwas Passendes dazu eingefallen, vermutet Hiller und verweist auf das doch noch recht jugendliche Alter der Zusammenkunft.