Rotary Clubs Stuttgart und Lyon Partnerschaft trotzt Weltkriegen und Erbfeindschaft

Die Rotarier aus Stuttgart vor dem Gerichtsgebäude von Lyon bei einem Besuch im Jahr 2018 Foto: Rotary Club
Die Rotarier aus Stuttgart vor dem Gerichtsgebäude von Lyon bei einem Besuch im Jahr 2018 Foto: Rotary Club

Die Kooperation zwischen den Rotary Clubs Stuttgart und Lyon 70-feiert jähriges Bestehen. Erste Beziehungen gab es sogar schon von 1930 an.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Man kam sich auf halbem Wege entgegen. Das ist fast schon symbolisch für die Partnerschaft zwischen dem Rotary Club (RC) Stuttgart und dem Rotary Club Lyon, die seit 70 Jahren besteht und deren Jubiläum nun gefeiert wurde: In Riquewihr im Elsass. Mit 20 Stuttgarter und 25 Lyoner Rotariern, die den deutlich längeren Weg von der Rhône ins Departement Haut-Rhin auf sich genommen hatten.

Die Geburtsstunde im Jahr 1951 macht diese Partnerschaft zu einem Meilenstein auf dem Weg nach Europa. „Der Zweite Weltkrieg, eine der Urkatastrophen Europas, war gerade sechs Jahre vorbei und Frankreich als Erbfeind verschrien“, schreiben Wolfgang Dannhorn und Alexandra Hartmann, der ehemalige Präsident vom RC Stuttgart und seine Nachfolgerin, in ihrem Vorwort in der Jubiläums-Festschrift. Genauso wenig willkommen war der Deutsche in Frankreich. Umso mehr blicke man, so Dannhorn und Hartmann, mit Stolz und Demut auf diese 70 Jahre währende Clubfreundschaft zurück, „in der es nicht nur um persönliche, immer sehr bereichernde Beziehungen geht, sondern die Begriffe Völkerfreundschaft und Völkerverständigung mit Leben erfüllt werden“.

Delegationen der Deutschen und Franzosen zufällig im selben Hotel

Diese Partnerschaft hat eine Vorgeschichte, die ins Jahr 1930 zurückreicht und mindestens ebenso erstaunlich ist. In diesem Jahr fand in Den Haag die erste europäische Regionalkonferenz von Rotary statt. Denn die Service-Organisation, 1905 in Chicago, USA, gegründet, hatte 1921 in Europa mit ersten Clubs in Frankreich Fuß gefasst, Deutschland folgte 1927. Zufällig wohnten die Delegationen der Deutschen und der Franzosen im selben Hotel. Und dort kam es zwölf Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zu ersten Annäherungen. Aus unverbindlichem Small Talk sei ein Gedankenaustausch geworden, der im Beschluss mündete, einen deutsch-französischen Ausschuss zu gründen, das „petit comité“. Dessen Mitglieder wollten Brücken bauen. In Stuttgart an der Spitze Robert Haußmann, der Rotary den „Bindestrich zwischen den Nationen“ nannte, und Otto Fischer. Prompt wurden beide wegen „unnationalen Verhaltens und ungeziemender Nähe zu Frankreich“ von Rotariern aus Köln und Frankfurt angegriffen.

Aufgelöst, um der Gleichschaltung durch das Nazi-Regime zuvorzukommen

Unbeirrt organisierten beide 1931 in Stuttgart ein deutsch-französisches Treffen, an dem 80 Franzosen teilnehmen, und Staatspräsident Eugen Bolz, Oberbürgermeister Karl Lautenschlager und der französische Generalkonsul Henriet Gäste beim Gala-Abend waren. Höhe- und vorläufiger Endpunkt der Freundschaftsbesuche hin und her und der Arbeit des petit comité war die Rotary World Convention in Nizza, wo sich 400 deutsche und französische Rotarier an langen Tafeln zu einem festlichen Essen trafen. Noch im gleichen Jahr lösten sich die Rotarier auf, um der Gleichschaltung durch das Nazi-Regime zuvorzukommen. „Mögen unsere Freundschaft und unsere Ideal bleiben, dann wird nicht alles verloren sein“, schrieb damals der französische Rotary Governor Minotte.

1951 wurden die Kontakte erneut aufgenommen

Dann kam der Zweite Weltkrieg. Dennoch ging der Wunsch in Erfüllung, denn das Terrain war vorbereitet. 1951 wurden die Kontakte erneut aufgenommen und eine Kooperation vereinbart. Initiator war der Rotarier Felix Rollet aus Lyon, der bei der Resistance gekämpft hatte und nun Robert Haußmann in Stuttgart als kongenialen Partner fand. Nach ersten gegenseitigen Besuchen rissen die Bande, geknüpft aus der Überzeugung, als Europäer denken und handeln zu müssen, nicht mehr ab. „Wir treffen uns zweimal im Jahr, unternehmen gemeinsame Reisen, und immer geht es um den Austausch von Informationen und Meinungen, die auch ganz unterschiedlich sein können, zum Beispiel bei der Kernkraft“, so Hans-Joachim Kay vom RC Stuttgart. Gemeinsam unterstützt werden Ausbildungsprogramme in moderner Landwirtschaft für Jugendliche in Gambia als Chance, Armut zu überwinden.

320 Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Rotarier-Clubs

Inzwischen, so Kay, hat der RC Stuttgart den europäischen Radius viel weiter geschlagen: Nach Lausanne, Turin, Barcelona und jetzt auch Edinburgh, was als wichtiger Schritt nach dem Brexit gilt. Der europäischen Jugendförderung widmet sich das Youth Opportunity Programme, das einen deutsch-französischen Lehrlingsaustausch mit der Gutenbergschule für Druck und grafisches Gewerbe organisierte. Jetzt schnuppern junge Berufstätige des Stuttgarter Bäckerhandwerks und der Pasta-Herstellung in Turin in die Backstuben der anderen.

Partnerschaften sind heute eine Selbstverständlichkeit, 320 bestehen mittlerweile allein zwischen deutschen und französischen Rotarier-Clubs. Den Boden dafür bereitet haben Stuttgart und Lyon.




Unsere Empfehlung für Sie