Rote Nasen in Leonberg Ein kurzer Ausbruch aus der Dunkelheit

Von Arnold Einholz 

„Rote Nasen“ besuchen Bewohner des Seniorenzentrums am Parksee.

Die Aufmerksamkeit der Bewohner des Seniorenzentrums gehört ganz Artischocke und Hermeline von Reibekuchen. Foto: factum/
Die Aufmerksamkeit der Bewohner des Seniorenzentrums gehört ganz Artischocke und Hermeline von Reibekuchen. Foto: factum/

Leonberg - Artischocke und Hermeline von Reibekuchen kommen keuchend die Treppen hoch. Sie sind richtig „schwer“ bepackt. Die eine trägt einen kleinen Koffer, die andere eine winzige Gitarre. Sie werden schon erwartet, mit eleganten Tanzschritten und breitem Lächeln nähert sich ihnen eine ältere Dame. Durch die bisher stille Runde geht ein leises Raunen: „Die Clowns sind wieder da!“

Die beiden „Besucherinnen“ sind gelinde gesagt äußerst apart gekleidet. Doch erst ihr Markenzeichen, die knallrote Nase, macht unmissverständlich klar, dass das Seniorenzentrum am Parksee der Samariterstiftung heute Besuch der ganz besonderen Art hat. Als Artischocke (alias Tina Speidel) und Hermeline von Reibekuchen (alias Nathalie Rex) die Gitarre zücken und einen Schlager aus älteren Zeiten anstimmen, geht in machen Augen die Sonne auf. Ein waches Aufblicken der Demenzkranken lässt erahnen, dass die beiden Künstlerinnen die richtige Saite angeschlagen haben.

Lebensenergie durch Humor

Denn Künstlerinnen sind die beiden allemal. Sie gehören zu den rund 60 Artisten bundesweit, die als „Rote Nasen“ sich zum Ziel gesetzt haben, Kranke und notleidende Menschen in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen und ihnen durch Humor neue Lebensenergie und Kraft zu geben. „Stress findet im Kopf statt und die Körperlichkeit der Clowns kann das auflösen“, sagt Tina Speidel. Wie das? „Über Emotionen und Gefühle. Die Musik ist dabei ein guter Träger, so kommen wir an die Menschen ran“, ergänzt Nathalie Rex. „Die Clowns mobilisieren bei den Menschen mit Demenz Kräfte, die weit zurück liegen, und sie arbeiten eng mit den Pflegekräften zusammen“, sagt Reinhard Horstkotte, der künstlerische Direktor von „Rote Nasen“. Der Verein hat seinen Sitz in Berlin.

Doch wie kommt es, dass Clowns im Seniorenzentrum am Parksee auftreten? In dem Haus der Samariterstiftung gibt es die „Rote-Nasen“-Clowns praktisch auf Rezept Finanziert durch die Bosch Betriebskrankenkasse (BKK) treten die speziell ausgebildeten Künstlerinnen und Künstler regelmäßig in der Einrichtung auf. Die Betriebskrankenkasse fördert die Clownvisiten als Präventionsleistung. Möglich macht das eine Rahmenvereinbarung zwischen den BKK-Landesverbänden und dem Verein „Rote Nasen“.

„Damit bestätigen uns die Betriebskrankenkassen, dass die Clownvisiten essenziell für die Pflege sind“, freut sich Reinhard Horstkotte. „Es geht nicht nur darum, den Geist der Bewohner anzuregen, sondern auch darum, sie mobiler zu machen und auch darum, Aggressionen abzubauen“, erläutert Briela Jahn von der BKK Bosch das Engagement.

Zeit und Kommunikation

Die Künstlerinnen, die acht Mal im Monat im Seniorenzentrum präsent sind, nehmen sich Zeit für die Bewohner, sehen und fördern die vorhandenen Ressourcen. „Sie steigen einfach in die Situation ein, nehmen daran teil und bauen eine Kommunikation auf“, sagt der künstlerische Direktor. „Wir verstecken unser Gesicht nicht hinter einer Maske, die rote Nase sagt alles“, so Tina Speidel. „Und wir drängen uns nicht auf. So meinte jüngst eine Bewohnerin, Fasching sei vorbei, und das haben wir respektiert – nichtsdestotrotz hat sie sich beim nächsten Mal gefreut, uns zu sehen “, ergänzt Nathalie Rex.

„Sich auf den Stand der Bewohner zu begeben, sie nicht zu korrigieren, sie anzunehmen, wie sie sind, ist das A und O des Miteinanders“, weiß Libera Demite Rankl. Sie ist Betreuungsassistentin im Seniorenzentrum am Parksee. Das Pflegepersonal bestätige, dass die fröhlichen und einfühlsamen Clownbesuche die Bewohner stärken, sie „wacher werden“ und mehr am täglichen Leben teilhaben. „Bei den Visiten entsteht häufig für kurze Zeit ein offener Kanal und eine Lebensfreude, die man auch Tage danach noch spürt“, sagt die Betreuungsassistentin.

„Ein Segen für unsere Bewohnerinnen“

Das bestätigt auch der Hausleiter Jan Schmitting: „Die Clowns sind ein Segen für unsere Bewohnerinnen und Bewohner!“ Und das würden auch die Angehörigen spüren. „Die fragen, wann denn die nächste Visite ansteht, denn die holt viele aus ihrer häufig dunklen Welt heraus.“ Von dem wohltuenden Einfluss der Clownbesuche ist man auch bei der Samariterstiftung überzeugt. So sollen „Rote Nasen“ in nächster Zeit auch in den Häusern der Samariterstiftung in Nufringen und Zuffenhausen vorbeischauen.

Die Clowns, die immer zu zweit kommen, treten nicht unvorbereitet auf. Es findet eine Übergabe durch das Pflegepersonal statt. Sie haben zudem kleine „Steckbriefe“ zur Person und wissen zum Beispiel Bescheid, was auf gar keinen Fall angesprochen werden darf.