„Roter“ Wasserstoff Notwendiger Pragmatismus für die Energiewende

Französisches Kernkraftwerk Fessenheim: Beim westlichen Nachbarn will man Wasserstoff auch mit Atomstrom herstellen. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Olaf Scholz befürwortet, dass Wasserstoff für die Stahlproduktion auch mit französischem Atomstrom hergestellt werden soll. Eine pragmatische Idee, von der die Energiewende profitieren könnte, meint Hauptstadtkorrespondent Tobias Heimbach.

Berlin: Tobias Heimbach (toh)

Wasserstoff gilt als ein Schlüssel zum Energiesystem der Zukunft. Damit sollen Lastwagen angetrieben, Stahl verarbeitet und Kraftwerke befeuert werden. Entscheidend ist allerdings die Frage, wie der Wasserstoff gewonnen wird. Angestrebt wird, ihn mit Sonnen- oder Windkraft zu erzeugen. Dann ist er CO2-neutral, man spricht von „grünem“ Wasserstoff. Das Problem: Insbesondere vom grünen Wasserstoff gibt es viel zu wenig. Außerdem ist er sehr teuer. Es ist in etwa so, als würde das Einstiegsmodell eines Elektroautos 250 000 Euro kosten. Das wird sich wohl kaum schnell durchsetzen. Und so kommt auch die Wasserstoffwirtschaft nicht in Gang.

 

Deswegen ist es sinnvoll, dass Kanzler Olaf Scholz (SPD) sich bei der Frage, woher der Wasserstoff stammen soll, pragmatisch zeigt. „Es ist nicht entscheidend, ob von Tag eins an grüner Wasserstoff genutzt wird“, sagte Scholz zur Produktion CO2-freien Stahls. Man könne auch französischen Atomstrom zu Herstellung nutzen.

Denn die Wasserstoff-Farbenlehre kennt noch andere Töne. Den „roten“ Wasserstoff zum Beispiel, der mithilfe von Atomkraft gewonnen wird. Dieser ist nicht ganz so klimafreundlich wie der „grüne“, aber es ist eine der besten vorläufigen Alternativen. Es ist sinnvoll, den mit Atomstrom gewonnenen „roten“ Wasserstoff als Brücke zu nutzen, bis genug „grüner“ verfügbar ist.

Deutsche Atomkraftwerke abschalten, aber französischen Atomstrom nutzen – zeigt das nicht den Widerspruch der deutschen Energiewende? Ja, durchaus. Deutschland hätte lieber zuerst weitere Kohlekraftwerke abschalten und länger die deutlich klimaschonenderen Atomkraftwerke am Netz halten sollen. Doch nun ist es zu spät. Und ein Wiedereinstieg wirtschaftlich nicht sinnvoll. Nun gilt es, zumindest jetzt pragmatisch zu handeln.

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