Rotes Kreuz im Kreis wird 150 Jahre alt Auf Hilfsbereitschaft der Bürger angewiesen

Die neue  Rotkreuzzentrale auf dem Flugfeld  bietet auch für die Rettungswache viel Platz. Foto: factum/Archiv
Die neue Rotkreuzzentrale auf dem Flugfeld bietet auch für die Rettungswache viel Platz. Foto: factum/Archiv

Der Böblinger Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes gehört zu den ältesten in Deutschland. Im kommenden Jahr feiert er sein 150-jähriges Bestehen – mit einem Festakt ganz ohne Reden.

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)
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Böblingen/Sindelfingen - Heute ist das Rote Kreuz nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Es ist für viele Menschen so selbstverständlich, dass man nicht glaubt, dafür etwas tun zu müssen“, sagt Michael Steindorfner, der Präsident des Kreisverbands Böblingen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). „Das war nicht immer so. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir einen ganz anderen Stellenwert in der Bevölkerung.“ Nun kämpfen die Retter wie viele andere Hilfsorganisationen um Mitglieder. „Viele Ältere sterben, die Mitgliederzahlen gehen zurück“, so Steindorfner. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sei noch immer groß. Aber heute würden viele Menschen projektbezogen helfen.

„Langfristige Verpflichtungen sind nicht mehr so gefragt“, betont Steindorfner. Doch gerade das Rote Kreuz brauche Helfer, die immer bereit seien. „Das merken wir in Katastrophenfällen“, sagt der Böblinger DRK-Präsident und macht das am Beispiel der Flutkatastrophe in Ostdeutschland vor einigen Jahren deutlich. „Damals meldeten sich viele Helfer spontan. Doch die wussten nicht, wo und wie sie helfen sollten. Dafür braucht es feste Strukturen, wie wir sie haben.“

Diese Strukturen gibt es seit fast 150 Jahren im Kreis Böblingen. Am 6. Juli 1866 wurde im Böblinger Rathaus der erste Ortsverband gegründet. In der Region ist nur das Stuttgarter Rote Kreuz älter, es wurde 1863 ins Leben gerufen – in dem Jahr, das auch als die Geburtsstunde des Deutschen Roten Kreuzes gilt.

Entstanden ist die weltweit tätige Hilfsorganisation 1859 auf den Schlachtfeldern von Solferino im Sardinischen Krieg zwischen Österreich und dem Königreich Sardinien und dessen Verbündeten Frankreich. Henry Dunant erlebte, wie Zehntausende von Toten und Verwundeten auf den Schlachtfeldern lagen, keiner kümmerte sich um sie. Spontan organisierte er ein Behelfskrankenhaus und rekrutierte Helfer aus der Bevölkerung.

Größter Altenhilfeträger im Landkreis

Heute versorgt das Rote Kreuz nicht nur weltweit bei allen Kriegen die Verwundeten und – ganz aktuell – Hunderttausende Flüchtlinge. „Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg unser Aufgabengebiet ausgeweitet“, sagt Steindorfner. Neben dem Rettungsdienst ist die Altenpflege das wichtigste Standbein im Kreis. In die Branche stieg das DRK in Böblingen 1987 ein. „Heute sind wir im Kreis der größte Altenhilfeträger mit elf Heimen und mehr als 600 Plätzen.“ Soziale Dienste sind hinzugekommen: der häusliche Pflegedienst, der Hausnotruf, Fahrdienste, die Notfallnachseelsorge, die Rettungshundestaffel.

In Katstrophenfällen sind die Böblinger Retter auch bundesweit unterwegs. Die erste Bewährungsprobe habe es bei der großen Flutkatastrophe 1962 in Hamburg gegeben. Aktuell engagieren sich die Böblinger in der Flüchtlingshilfe, zum Beispiel im Erstaufnahmezentrum in Ergenzingen (Kreis Tübingen). „Helfen, ohne zu fragen wem.“ Dieses Motto von Henri Dunant gelte heute mehr als je zuvor, betont Steindorfner: „Wir fragen nicht, ob man einem IS-Terroristen helfen darf. Wir tun es.“

Mit der Ausweitung der Arbeitsfelder wuchs die Zahl der Mitarbeiter. Die 1970 bezogene Kreisgeschäftsstelle in Sindelfingen war für 25 Mitarbeiter gebaut worden. Zuletzt arbeiteten dort 180 Menschen – inklusive der Helfer der Rettungswache. Vor einigen Monaten bezogen die Rotkreuzler ihr neues Domizil auf dem Flugfeld.

Das Jubiläumsjahr 2016 will das Rote Kreuz groß feiern. Aber nicht mit vielen Reden – für den Festakt am 6. Juli sind ausdrücklich keine vorgesehen –, sondern mit einer „Kampagne der Menschlichkeit“. „Wir brauchen die Unterstützung der Bevölkerung für unsere Arbeit. Darum wollen wir intensiv werben“, sagt der DRK-Kreisgeschäftsführer Wolfgang Breidbach.




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