„ Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Nachdenklich schaut Martin Weigl in die Ferne, als ob er Erlebtes Revue passieren ließe. Ist er doch nicht nur seit 2013 Pfarrer der evangelischen Januariuskirche Erdmannhausen mit seiner Frau, Pfarrerin Annegret Weigl. Er ist auch Leiter der Notfallseelsorge im Landkreis Ludwigsburg. Das Amt übernahm er im November 2020 von seinem Vorgänger Pfarrer Ulrich Gratz. „Ein wichtiger Dienstauftrag“, so der 45-Jährige.
Denn die Notfallseelsorge Baden-Württemberg ist ein Angebot der Erzdiözese Freiburg, der Diözese Rottenburg-Stuttgart und den Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg, um Menschen in einer akuten Krisensituation und außergewöhnlichen Gefühlslagen beizustehen, eingebunden in die Einsätze von Rettungsdiensten, Feuerwehren und Polizei. Im Landkreis Ludwigsburg besteht es seit dem 1. Januar 2000. Mindestens zwei Notfallseelsorger und Notfallseelsorgerinnen sind rund um die Uhr einsatzbereit, die Integrierte Leitstelle (ILS) alarmiert sie. „Wir werden nach dem Rendezvous-System dazu geholt“, sagt Weigl.
Hintergrund: 1988 nach der Flugschaukatastrophe von Ramstein wurden kirchliche Einrichtungen gebeten, Opferangehörige und Zeugen seelsorgerisch zu betreuen. Es sollte indes bis 2010 dauern, bis bundesweit die Notfallseelsorge „von der Initiative zur Institution“ wurde, nach einem „Konsensus-Prozess“ zwischen Bundesamt für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe (BBK) und Hilfsorganisationen. Die beiden großen Kirchen in Baden-Württemberg hatten von 2004 bis 2008 eine Konzeption erarbeitet – verbindliche Standards für Ausbildung, Ausstattung, Arbeit der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) und Mitwirken in Führungsstäben.
Wie oft werden der Notfallseelsorger und sein Team gerufen?
Martin Weigl betont: „Ich bin nur eine Person. Ausschlaggebend sind die Ehrenamtlichen. Menschen, die neben ihrem Beruf und in ihrer Freizeit helfen, von Familie oder Freunden oder Festen weggerufen werden, um anderen bei tragischen Ereignissen beizustehen.“ 65 Leute sind in seinem Team, rücken aus zu 240 bis 290 Einsätzen pro Jahr – das kultursensibel. „Wir haben auch muslimische und interkulturelle Gruppen“, freut sich Weigl. Und beschreibt, was es braucht, um bei der Notfallseelsorge mitzuarbeiten: Psychische Belastbarkeit und ein Alter von mindestens 25 bis maximal 65 Jahren.
Wie wird man Notfallseelsorger?
„Eine Verlängerung ist in Ausnahmen bis 70 möglich.“ Alle absolvierten die gleiche Ausbildung: 100 Lehreinheiten zu je 45 Minuten sowie eine Hospitation in Bruchsal, der Akademie Hochschule der Polizei in Freiburg Böblingen oder an der Landesschule des Deutschen Roten Kreuzes in Pfalzgrafenweiler.
„Bei der Hospitation merkt man, ob man dafür geeignet ist, lernt abzuschätzen, was man aushält. Da ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst sein und auch mit uns oder den Lieben zuhause zu reden.“ Es seien ja Menschen in Ausnahme- und Krisensituationen, die man betreue, während oder nach dem Einsatz von Feuerwehr, Rettungskräfte und/oder Polizei. Letztere informiere beispielsweise meist Hinterbliebene über den Suizid von Angehörigen. „Da werden wir hinzugerufen. Oder auch zu anderen plötzlichen Todesfällen.“
Wie geht man schlimmen Unfällen um?
Doch nicht alle Ereignisse hätten mit Tod zu tun. Manche Unfälle gingen auch glimpflich aus. Glück sei, wenn Rettungskräften eine Reanimation gelinge. Für Angehörige, Unfallzeugen, aber auch Ersthelfer da zu sein, die das Erlebte verarbeiten müssten, das bedeute auch, sich in die Situation und Menschen einzufühlen, zuzuhören, zu reagieren, zu reden oder einfach mal die Hände zu halten. „Schmerz, Angst und Sorge mit aushalten – bei Bedarf weitergehende Hilfe anstoßen, psychologische oder auch aus dem Freundeskreis. Das ist immer anders“, sagt Weigl. „Essentiell ist das soziale Netz, das muss greifen.“ Das gilt auch für die Notfallseelsorger selbst. Für sie wird einmal monatlich eine Supervision in der Gruppe angeboten. „Das ist Standard. Man kann man auch jemand außerhalb des Systems dazuholen, etwa in einem anonymen Kontext, um Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.“
Schließlich gehe es um Selbstfürsorge, darum die Dinge im Einsatz zu lassen, sie nicht mit nach Hause, gar in den Schlaf zu nehmen. Wenn der Stress zu groß werde oder es ein Thema sei, das triggere, dann könne man Mitarbeitende aus dem Einsatz nehmen. Weigl schildert, wie er zu einem plötzlichen Kindstod gerufen wurde, nachdem er gerade selbst Vater geworden war. „Das war hart, zuhause habe ich gleich nach unserer Tochter geschaut. Du siehst, wie schnell sich Dinge ändern, von einer Sekunde zur anderen großes Glück zum Unglück wird“, so der gebürtige Rosenheimer. Einst wäre er fast Mediziner geworden. Dann entschied er sich doch dafür, in Tübingen Theologie zu studieren, traf dort seine Frau. Sein Ziel damals wie heute: einen sinnvollen Beruf ausüben, der mit allen Lebenslagen und Altersstufen zu tun hat. „Jeder kann was zur Gemeinschaft beitragen – und ich wollte schon früh Teil davon sein und zu Lösungen beitragen.“
Dafür braucht es Energie. Wie füllt Martin Weigl seine Batterien auf? „Hobbys sind wichtig. Ich lese viel, trinke mal ein gutes Glas Wein, mache Sport. Und Kameradschaft hilft.“ Weigl ist Gruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr Erdmannhausen. Er lacht: „Passt zur Notfallseelsorge.“