Rotlicht in Stuttgart Hilfe beim Weg aus der Armutsprostitution

Von Von Heidemarie A. Hechtel 

Mit Bella raus dem Elend der Armutsprostitution: In dem neuen Projekt werden Frauen, die vorwiegend aus Osteuropa stammen, beim Ausstieg aus dem Stuttgarter Rotlichtviertel beraten.

Im Städtle schaffen viele Frauen unter unwürdigen Bedingungen an. Foto: Lg/Willikonsky
Im Städtle schaffen viele Frauen unter unwürdigen Bedingungen an. Foto: Lg/Willikonsky

Stuttgart - Sie kommen meist aus Südosteuropa, sind mittellos, ohne Job und Wohnsitz und sehen in der Prostitution den einzigen Ausweg: Um diesen Frauen beim Ausstieg zu helfen, riefen vor einem Jahr der Caritasverband für Stuttgart, der Verein Lagaya, der Verein zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen, und die Werkstatt Parität gemeinsam das Kooperationsprojekt Bella ins Leben.

Eine der Frauen, die diese Hilfe in Anspruch genommen hat und die heute auf dem Weg zurück in ein Leben ohne Straßenstrich und Freier ist, ist Toni. Die 34-Jährige kommt aus Bulgarien und ist Mutter von zwei Kindern. Als EU-Bürgerin konnte sie im August letzten Jahres problemlos nach Stuttgart reisen. Ohne ein Wort Deutsch war an einen Job nicht zu denken, für eine soziale Leistung lag keinerlei Berechtigung vor. Aber Familie und Kinder zuhause sind auf die finanzielle Unterstützung angewiesen. Toni sah keine andere Alternative als die Prostitution. Zuerst auf der Straße im Leonhardsviertel, dann dort in einem Laufhaus. Eher von der miesen Sorte, dolmetscht Violeta Hristova-Mintcheva, Diplom-Psychologin und bei Lagaya engagiert. Dennoch kostete das Zimmer 130 Euro am Tag.

Ohne Pass haben die Frauen keine Chance

Dieses Beispiel, sagt Maria Nestele vom Caritasverband, zeige deutlich die Probleme dieser Frauen. „Sie sind nicht gemeldet, leben in der Anonymität, haben keine Krankenversicherung, sind völlig orientierungslos und oft schwer traumatisiert.“ Dafür müssten sie gar nicht zu den so genannten Zwangsprostituierten zählen, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Deutschland gebracht, überwacht und eingesperrt werden und ohne Pass keine Chance zur Flucht haben.

„Sie sagen, sie seien freiwillig hier, aber dahinter steht der Zwang, die Existenz der Familie und der Kinder zu sichern.“ Toni hat schon nach ein paar Monaten Hilfe beim Projekt Bella gesucht. Dieses gut funktionierende Netzwerk, das im vergangenen Jahr 105 Frauen beraten hat, wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie die Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP) gefördert. Es ist es auf drei Jahre begrenzt und verfügt über einen Gesamtetat von 464 000 Euro. „Wir gehen meist auf die Frauen zu, aber es sind viele Gespräche nötig, bis sie zum Ausstieg aus der Prostitution bereit sind, denn sie sind misstrauisch und kennen aus ihrer Heimat keinerlei Sozialarbeit“, schildert Charlotte Brunner ihre Erfahrungen. Sie ist als Streetworkerin im Café La Strada tätig, das vor gut 20 Jahren als Refugium für die Prostituierten in der Jakobstraße eröffnet wurde, und betreut eine Wohnung der Caritas, die mit drei Plätzen als Übergangsbleibe nach dem Ausstieg zur Verfügung steht. Davon brauche man mehr.

Eine Aussteigerin arbeitet jetzt als Reinigungskraft

Toni war von sich aus zum Ausstieg bereit. Nun hat sie einen Arbeitsplatz als Reinigungskraft und ein Zimmer in der betreuten Wohngemeinschaft Wilma: die Voraussetzung, um das Prozedere von Leistungsanträgen in Gang zu setzen. Wie geht es ihr heute? Gut, sagt sie und betont, wie wohl sie sich jetzt in Stuttgart fühle. Sie will hier bleiben, Deutsch lernen und, obwohl ohne Ausbildung, einen besseren Arbeitsplatz finden. Und vor allem ihre Kinder, 11 und 6 Jahre alt, so bald wie möglich nachholen. Auf den Strich oder ins Laufhaus führe für sie kein Weg mehr zurück.