Rottweils Megaturm Aussicht auf „halb Baden-Württemberg“

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Man sieht halb Baden-Württemberg und an guten Tagen auch die Alpen: Am Wochenende feiert die Stadt Rottweil die offizielle Eröffnung des Thyssen-Aufzugtestturms

Noch sind die Arbeiten an der Außenhaut aus Glasfasermembran nicht abgeschlossen. Der Stoff sei wie ein leichtes Negligé, so der Architekt, und soll  später beleuchtet werden. Foto: dpa 7 Bilder
Noch sind die Arbeiten an der Außenhaut aus Glasfasermembran nicht abgeschlossen. Der Stoff sei wie ein leichtes Negligé, so der Architekt, und soll später beleuchtet werden. Foto: dpa

Rottweil - Die Lifttür schließt sich, der Panoramaaufzug hebt ab, die Häuser ringsum werden kleiner und kleiner. So schnell können 25 Stundenkilometer sein. Nach 30 Sekunden öffnet sich die Schiebetür. Die Ohren sind zu, doch es weitet sich der Blick – auch an diesem Tag, an dem aus dichten Wolken der Regen fällt. „Man sieht halb Baden-Württemberg“, sagt Klaus Strohmeier, der Projektleiter der Baufirma Züblin, die den 246 Meter hohen Aufzugstestturm für Thyssen-Krupp auf das Berner Feld bei Rottweil gestellt hat: Im Tal mäandert der junge Neckar. Ein Intercity fährt auf der eingleisigen Gäubahn über Brücken und durch Tunnel. Wie eine Modelleisenbahn.

Albrand, Schwarzwald, Heuberg – am Vortag habe man sogar die Alpen gesehen, behauptet eine Mitarbeiterin von Thyssen-Krupp, die an diesem Tag Journalisten aus dem ganzen Land, aus Bayern und sogar vom „Economist“ aus London begrüßt. Zum Beweis zeigt sie ein Handyfoto, auf dem untrüglich Eiger, Mönch und Jungfrau zu erkennen sind.

Aufzugssysteme für die Megastädte der Zukunft

Den Stuttgarter Fernsehturm sehe man natürlich auch. Der hat seine Rolle als höchster Ausguck des Landes ausgespielt. Eigentlich hat die Firma Thyssen-Krupp den Rottweiler Turm gebaut, um darin innovative Aufzugssysteme für die Megastädte der Zukunft zu testen, schnellere und mit mehreren Kabinen in einem Schacht. Doch mit 232 Metern liegt die Aussichtsplattform höher als die des Fernsehturms (150 Meter) und auch höher als jede andere in Deutschland. Wer zu Fuß geht, muss 1617­ Treppenstufen bewältigen, doppelt so viele wie im Ulmer Münsterturm. Eine Viertelstunde habe der sportlichste Kollege dafür gebraucht, sagt jemand. Doch wozu gibt es zwölf Aufzugsschächte?

Man habe ein neues Wahrzeichen für die Stadt, die Region und das ganze Land geschaffen, sagt der Rottweiler Oberbürgermeister Ralf Broß (parteilos). Den Turm hat er längst in die Stadtsilhouette einarbeiten lassen, die seine Briefbögen ziert. Andreas Schierenbeck, der Chef der Aufzugssparte von Thyssen-Krupp, sieht es ähnlich. Ihn mache froh, dass es möglich gewesen sei, das 40-Millionen-Euro-Projekt frist-und budgetgerecht und auch noch in Deutschland realisieren zu können. „Wir hatten die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben“, erinnert er sich.

Die Bürger haben das Projekt mitgetragen

Dass der Turm mit der offiziellen Eröffnung der Aussichtsplattform an diesem Wochenende auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist somit auch ein Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber der Rottweiler Bevölkerung. Anderswo scheitern Großprojekte an Bürgerprotesten. Da habe er sich gewundert, mit welcher Sachlichkeit sich die Rottweiler das Turmprojekt vorstellen ließen, erinnert sich der Planer Werner Sobek an die ersten Bürgerversammlungen im Jahr 2012. Der Stuttgarter Architekt hatte sich Mühe gegeben und sich dafür entschieden, dem Turm eine Außenhaut aus einem Glasfaserstoff „wie ein hauchdünnes Negligé“ überzuwerfen. Das gefiel. Doch auch sonst hätten die Bürger mit viel Interesse für technische Details den Ausführungen gelauscht. Irgendwann sei dann aber doch die Frage gekommen: „Was haben wir eigentlich davon?“

Die zunächst genannte Zahl von gerade mal fünf neuen Arbeitsplätzen reichte als Antwort nicht aus. Inzwischen sind es mehr als 40 Ingenieure, die im Testturm ihren Dienst tun. Doch das ließ sich damals nicht absehen. So wurde noch während einer Bürgerversammlung die Idee geboren, den Turm zum Nutzen der Stadt zum landesweiten Besuchermagneten auszubauen. Dass dies die richtige Entscheidung war, zeigte sich schon während der Bauzeit. An schönen Wochenenden zählten die Verantwortlichen bis zu 3000 Schaulustige. „Wir mussten eine Besucherplattform aufbauen, um den Ansturm in die richtigen Kanäle zu lenken“, sagt der Bauleiter Strohmeier. Nun rechnet die Stadt mit jährlich 100 000 zusätzlichen Tagesgästen. Bisher sind es in der ältesten Stadt des Landes 1,2 Millionen im Jahr.

Weitere Vorhaben schließen sich an

Für den Rathauschef Broß ist der Bau des Testturms aber auch der Auftakt für eine Vielzahl weiterer Projekte. So möchte ein privater Unternehmer die Altstadt über eine 800 Meter lange Fußgängerhängebrücke mit dem Testturm verbinden. Im März segnete die Bevölkerung die Planungen in einem Bürgerentscheid ab. In der vergangenen Woche stimmte der Gemeinderat für eine Bewerbung um die Ausrichtung einer Landesgartenschau. Schließlich zeigte sich die Bevölkerung auch offen für ein unbequemes Projekt: den Bau eines neuen Großgefängnisses, was zumindest Arbeitsplätze bringt. Die Diskussionen über den Testturm hätten etwas ausgelöst und den Boden bereitet, glaubt Broß.

Als es wieder hinuntergeht, betrachtet Andreas Schierenbeck die Regentropfen, die so schnell sind wie der Aufzug seines Unternehmens. „Da meint man, dass die Zeit stehen bleibt“, sinniert er. Der Oberbürgermeister nickt abwesend. Mit einer Zeit, die stehen bleibt, kann er momentan wohl nicht allzu viel anfangen.