RTL verabschiedet sich aus der Formel 1 Spagat zwischen Show und Todesrisiko

Die Hochzeit der Formel 1: Experte Niki Lauda, Ferrari-Star Michael Schumacher und RTL-Moderator Florian König (v. li.) unterhalten sich vor dem Saisonauftakt 2005 in Melbourne. Foto: imago/Thomas Melzer
Die Hochzeit der Formel 1: Experte Niki Lauda, Ferrari-Star Michael Schumacher und RTL-Moderator Florian König (v. li.) unterhalten sich vor dem Saisonauftakt 2005 in Melbourne. Foto: imago/Thomas Melzer

RTL steigt nach 533 Rennen aus der Berichterstattung der Formel-1 aus – der Einstieg von Mick Schumacher im nächsten Jahr spielte dabei keine Rolle. Moderator Florian König erinnert sich.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Eine Doku über Mick Schumacher hat RTL zu Beginn des Monats im Fernsehen präsentiert; der Sohn von Rekordweltmeister Michael Schumacher rast in der Fahrspur des Vaters in die Formel 1. Fast zeitgleich hatte das Aston-Martin-Team, das aus Racing Point hervorgeht, bestätigt, dass der 21-Jährige im nächsten Jahr den Namen Schumacher erneut in die Formel 1 trägt. Aber der Fernsehsender RTL, der Michael Schumacher in den 1990ern medial großgemacht und im Windschatten des Kerpeners von dessen riesiger Popularität profitiert hat, der ist nicht mehr akkreditiert, wenn Mick Schumacher sein Formel-1-Debüt im März 2021 gibt. „Das wäre ein klassisches RTL-Thema, wenn Mick dann endgültig in die Fußstapfen seines Vaters tritt“, sagt Florian König, der seit 1996 als Moderator beim Kölner Sender in den Fahrerlagern vor der Kamera steht und mehr als 400 Große Preise vor Ort erlebt hat. Er weiß es nicht genau, „ich habe kein statistisches Faible“, sagt der gebürtige Tübinger.

Topquote waren 15,41 Millionen Zuschauer

Beim Großen Preis von Abu Dhabi am Sonntag (14.10 Uhr/RTL) senkt sich für den deutschen Formel-1-Haussender die Zielflagge, von 1984 bis 1988 übertrug RTL 38 Rennen live, von 1991 bis 2020 sind es insgesamt 533 Grand Prix ohne Unterbrechung. Im Juni hatten die RTL-Bosse entschieden, im Wettbieten um die TV-Rechte nicht mehr mitzusteigern. Es sei wirtschaftlich nicht vertretbar. Quoten und Marktanteile gehen zurück, aktuell pendeln sie sich bei etwa gut vier Millionen Live-Seher im Schnitt ein, der Marktanteil lag 2019 bei 23 Prozent. 2015 war ein Betrag von etwa 50 Millionen Euro für die Rechte pro Jahr aufgerufen worden, damals wollte RTL maximal 35 Millionen Euro hinlegen. Wenn die Senderchefs in einer Glaskugel erkannt hätten, dass Schumacher junior 2021 kommt, wären sie dann übers Schmerzlimit gegangen? „Das ist hypothetisch“, sagt RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer, „wir haben Micks Aufstieg intensiv begleitet und wussten, dass er ein heißer Formel-1-Kandidat sein würde. Aber wir haben die Entscheidung davon unabhängig getroffen.“

Die Traumquoten, die sein Vater den Kölnern beschert hat, dürften Bestmarken für die Ewigkeit sein – anders als die einst als kaum einholbar apostrophierten Formel-1-Rekorde des siebenmaligen Champions. Am 26. Oktober 1997 sahen 15,41 Millionen Menschen zwischen Flensburg und Oberstdorf das Saisonfinale in Jerez, in dem der Kerpener den Rivalen Jacques Villeneuve von der Strecke rammte und disqualifiziert wurde. Die Saison 2001, „Schumi“ wurde zum vierten Mal Weltmeister, war die beste mit 10,44 Millionen TV-Fans im Schnitt. „Mit RTL und Schumacher ist die Formel 1 aus dem Dornröschenschlaf erwacht“, erzählt König, „wir sind auf einer wahnsinnigen Welle gesurft.“

Fingerspitzengefühl bei Bianchis Unfall

Der Moderator ist dankbar für die Erlebnisse, besonders für die Zeit, die er mit Niki Lauda als Experten an seiner Seite bei Berichten und Analysen verbringen durfte. Es herrschte strikte Arbeitsteilung: Der Journalist stellte Fragen und war für die Unterhaltung zuständig, der ehemalige Rennfahrer erklärte das Wieso, Weshalb und Warum. „Der Niki“, sagt König über die 2019 verstorbene Formel-1-Legende, „war einerseits ein etwas kauziger, sehr direkter Typ. Andererseits war er sehr humorvoll und äußerst unkompliziert, weil Konflikte nie schwelten, sondern Differenzen schnell ausdiskutiert wurden.“ Lauda war von 1996 bis 2017 an Königs Seite, Christian Danner berichtet seit 1998 als Co-Kommentator mit RTL-Mann Heiko Waßer. Als ein Topmodel die Zielflagge beim Rennen 2018 in Kanada eine Runde zu früh geschwenkt hatte, meinte der Ex-Pilot: „Ich habe gesagt, man soll halt einen Profi hinstellen und keinen Kleiderständer. Dafür haben wir einen riesigen Anschiss bekommen.“ Doch die Formel 1 ist zur prickelnden Show auch ein riskantes Geschäft mit dem Tod. König war sich dessen stets bewusst und hat sich aufs Bauchgefühl verlassen, die richtigen Worte zu finden – so auch beim schweren Unfall von Jules Bianchi in Suzuka 2014, an dessen Folgen der Franzose 2015 starb. „Es wurde gleich nach dem Crash gemunkelt, Bianchi sei tot“, erzählt König, der künftig die Fußball-Sendung „Doppelpass“ bei Sport 1 moderiert, „ich habe Mutmaßungen nie über den Sender geschickt, ich habe stets offizielle Quellen abgewartet. Das gebietet der Respekt.“

Am Sonntag fällt kurz nach 15.30 Uhr die Zielflagge, nach den Analysen ist für RTL Schluss. 2021 startet nur der Bezahlsender Sky. „Die Formel 1 wird vermutlich an Bedeutung verlieren und an Strahlkraft einbüßen“, vermutet Bolhöfer, „wenn sie hinter der Bezahlschranke verschwindet.“ Diese Saison liegt der Schnitt bei Sky bei 475 000 Fans pro Rennen. Mick Schumacher allein als Zugpferd für die PS-Gemeinde dürfte nicht ausreichen.

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