Rubrik „Glasers Perlen“ Fahren wie geschmiert

Von Peter Glaser 

Nie mehr Stau: Bisher versahen Schmiermittel ihren Dienst im Motor. Jetzt gibt es ein Öl, das gleich den ganzen Straßenverkehr flutschen lassen soll, berichtet der StZ-Kolumnist Peter Glaser.

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Stuttgart - Stau ist der Albtraum aller Autofahrer. Man erreicht das genaue Gegenteil dessen, wozu man im Auto sitzt: Statt schneller voranzukommen, steht man. 35 Stunden haben deutsche Autofahrer laut einer Studie im Jahr 2013 durchschnittlich im Stau verharrt. Mit modernster Technik wird gegen das Übel angearbeitet. Google testet sein selbstfahrendes Auto, auch Fahrzeugbauer wie Daimler sind auf den Zug aufgesprungen (zu dem die Autoflotte einmal werden soll). Alle sehen in der Technik nicht zuletzt eine Möglichkeit, von unzulänglichen menschlichen Fahrern verursachte Staus zu verringern.

Für den, der reinen Herzens ist, geht es aber auch wesentlich einfacher. Schon ab drei Dollar ist im Netz ein Fläschen „Road Opener Oil“ zu bekommen, ein orangefarbenes Gebräu, das laut Hersteller Verkehrsstaus beseitigt. Es kommt, nicht ganz unpassend, aus Los Angeles, der Stau-Hauptstadt Amerikas. Das Produkt ist ein klassisches Beispiel für „Snake Oil“ – Schlangenöl. Der Begriff stammt von einem Mittel, das chinesische Arbeiter beim Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahn in Amerika gegen Muskelschmerzen benutzten und das auch Schlangengift enthielt. Fahrende Händler, die Wundermittel anboten, kaperten die Bezeichnung, bis sie schließlich zum Inbegriff für Medizin wurde, die nicht wirkt. (Heute steht der Begriff für Software, die kaum Funktionalität hat, aber von bombastischen Marketingversprechen umweht ist.)

„Es ist alles im Kopf“, sagt der Hersteller

Manche Online-Empfehlung zum Road Opener Oil liest sich wie ein Dialog aus einem Groschenroman. „Wo soll ich es drauftun?“ – „Auf den Motor. Auf die Räder. Und, zum Teufel, einen Tropfen auf deine Ohrläppchen.“ Das mit dem Roman ist nicht so weit hergeholt. In den Siebzigerjahren tauchte eine neue Gattung von Magie-Büchern auf, zu denen man die beschriebenen Zaubermittel auch kaufen konnte – meist von denselben Leuten, von denen auch die Bücher stammten. Die mit Abstand fleißigste Autorin dieses Genres, Dorothy Spencer, die unter dem Pseudonym Anna Riva schrieb, verkaufte neben ihren Büchern äußerst erfolgreich auch magische Öle, Räucherwerk und allerlei Pülverchen für okkulte Praktiken.

In den Neunzigerjahren wurde ihre florierende Firma International Imports von dem Esoterik-Großhändler Indio Products in Los Angeles übernommen. „Es ist alles im Kopf“, sagt Marty Mayer, dem Indio Products gehört, über den flüssigen Verkehrsbeschleuniger. Der 69-Jährige lässt in seiner Fabrik, einem Betonkasten in einem Gewerbegebiet, „magisches Öl“ in 500-Liter-Margen produzieren. Mayer glaubt nicht an Zauberei. Er ist der weltgrößte Händler für esoterische Produkte und hat rund 7000 Hilfsmittel vom magischen Haushaltsreiniger über Armaturenbrettheilige bis hin zu den wunderlichsten Ölen im Programm. Neben dem Gleitmittel für den Straßenverkehr gibt es noch über 800 weitere ölige Machtmittelchen: Neben Essenzen, die Erfolg, schnelles Geld oder Schutz vor Feinden verheißen, sind etwa auch ein „Komm-zu-mir“-Öl oder ein „Tu-was-ich-sage“-Öl zu haben.

Inhaber Marty Mayer lebt 27 Kilometer von der Produktionsstätte entfernt in La Cañada, einer Vorstadt im Norden von Los Angeles. Mit dem Auto sind es 30 Minuten – bei fließendem Verkehr. Er hört sich nicht so an, als ob er sein eigenes Anti-Stau-Öl benutzen würde. Es seien ihm schon Freundschaften in die Brüche gegangen, sagt Mayer, weil er „beim Essen etwas davon erwähnt“ habe, was er beruflich so mache. Inzwischen äußert er sich dazu nicht mehr spezifisch. Wenn ihn jemand fragt, sagt er: „Ich habe eine Kerzenfabrik.“ Dass sich Kerzen in Teufelsgestalt für schwarze Magie eignen, behält er für sich.

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