Werden sich Maschinen einmal gegen ihre Schöpfer erheben? Werden sie sich dafür schämen, von ihnen erschaffen worden zu sein, so wie sich der Mensch schämte, vom Affen abzustammen? Danach sieht es nicht aus, findet der StZ-Kolumnist Peter Glaser.
Stuttgart - Im Jahr 1997 ließ der britische Kybernetiker Kevin Warwick sein aufsehenerregendes Buch „Der Marsch der Maschinen“ mit einem düsteren Zukunftsszenario beginnen: Die Erdbevölkerung werde bereits Mitte des 21. Jahrhunderts von Künstlicher Intelligenz (KI) und überlegenen Robotern beherrscht werden, denen der Mensch bestenfalls noch als Hilfskraft dienen kann.
Im Mai 2014 verfassten vier prominente Forscher – der Physik-Nobelpreisträger Frank Wilczek, der Kosmologe Max Tegmark, der Computerwissenschaftler Stuart Russell und der berühmteste Physiker der Welt, Stephen Hawking – eine Warnung davor, hochintelligente Maschinen als bloße Science-Fiction abzutun: „Eine künstliche Intelligenz erfolgreich in Gang zu setzen, wäre das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte. Bedauerlicherweise könnte es auch das letzte sein, solange wir nicht lernen, wie man die damit verbundenen Risiken vermeidet.“ Wovor fürchten sich diese Leute? Sie haben Angst vor der technologischen Singularität. So bezeichnen Futurologen und Trendforscher den Moment, ab dem eine Maschine sich selbst verbessern kann und ihre Leistungsfähigkeit dramatisch steigert. Und sie haben Angst, dass ein solches System sich gegen seinen Schöpfer wenden könnte.
Was eigentlich ist Künstliche Intelligenz? Intelligenz ist ein Sammelbegriff für die verschiedenen Arten von Informationsverarbeitung, zu denen ein Mensch fähig ist. Einige davon, etwa die Mustererkennung, sind für technische Anwendungen von großem Interesse: zum Beispiel die Fähigkeit, einen Text maschinell zu lesen und möglichst gut zu verstehen. Natürliche Intelligenz ist die Fähigkeit, auf die Welt zu reagieren, indem man nur gerade so viel Information aus dem unendlichen Angebot herausfiltert, wie man braucht, um zu überleben.
Das Ziel: dem Tod ein Schnippchen schlagen
Die Befürchtung, dass Maschinen die Menschheit unterjochen könnten, hat tiefe Wurzeln. Sie hat zu tun mit der Angst – und zugleich der Hoffnung –, dass unbelebte Dinge lebendig werden könnten. Dieser Aberglaube hat seinen Weg bis in die Gegenwart gefunden. Die Vertreter der „Harten KI“ sind davon überzeugt, dass sich in einem Computer irgendwann, irgendwie ein lebendiges Bewusstsein bilden wird. Sie gehen davon aus, dass das Gehirn als Trägersubstanz nicht notwendig ist und der menschliche Geist ebenso gut in einen Computer hochgeladen werden kann. Für Marvin Minsky, einen der Urväter der Idee, ist KI der Versuch, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.
Immer wieder erscheint in der Kulturgeschichte die Vorstellung eines von Menschen geschaffenen künstlichen Wesens. In der jüdischen Literatur taucht im Mittelalter der Golem auf, ein Riese aus Lehm, der Anweisungen folgt. Auch Frankensteins Monster, das durch Elektrizität zum Leben erweckt wird, erinnert in seiner modularen Bauweise an die verschiedenartigen Bestandteile, aus denen das Wissensgebiet der Künstlichen Intelligenz zusammengesetzt ist. Das zentrale Problem der KI ist die Komplexität der Welt. Während ein Mensch im Lauf seines Lebens lernt, ein tiefgehendes Wissen über die ihn umgebende Welt aufzubauen und daraus Erkenntnisse abzuleiten, versuchen es Computer mit einer Mischung aus Dummheit und Geschwindigkeit, dazu noch Faustregeln – sogenannte Heuristiken – und einer Menge anspruchsvoller Mathematik, Stichwort Neuronale Netze.
Das Intelligenteste an einem Schachprogramm aber sind immer noch die Menschen, die es programmieren.