Rucksackreisende Karin Merkle aus Stuttgart Mit 66 allein durch Südamerika

Am Ziel ihrer Träume: Karin Merkle im März 2019 vor der peruanischen Ruinenstadt Machu Picchu. Den Huayna Picchu im Hintergrund erklimmt sie auch. Foto: Karin Merkle

So wie Karin Merkle reisen viele: In jungen Jahren mit dem Rucksack, später mit Familie auf Campingplätzen. Was bei Merkle anders ist: Im Ruhestand schnallt sie wieder den Rucksack um.

Lokales: Alexander Ikrat (aik)

Stuttgart - „Wenn man alleine reist, ist man automatisch aufgeschlossener“, sagt Karin Merkle. Mit 66 Jahren ist sie zur Rucksacktouristin geworden.

 

Frau Merkle, Sie waren vier Monate in fünf südamerikanischen Ländern mit dem Rucksack unterwegs, drei davon auf sich alleine gestellt. Sind Sie für solche Scherze nicht zu alt? (Anm.: Karin Merkle ist während ihrer Reise 66 Jahre alt geworden.)

Ich habe schon erstaunte Blick geerntet, als ich meinen Plan im Familien- und Bekanntenkreis aussprach, und es wurden auch einige Bedenken geäußert, nach dem Motto „Südamerika ist doch gefährlich“. Aber letztlich hat fast alles geklappt, und alleine zu reisen ist auch von Vorteil.

Inwiefern?

Ich habe unheimlich leicht Leute kennengelernt. Wenn man alleine reist, ist man automatisch aufgeschlossener. Rucksackreisende sind ohnehin sehr offen und ticken auch ähnlich. Da kommt man schnell zueinander.

Unter einem Rucksackreisenden stelle ich mir eine Studentin oder einen Studenten Mitte 20 vor, der mit wenig Geld in der Tasche neue Länder kennenlernen will.

Ich kann mir zwar die eine oder andere Annehmlichkeit leisten, die sich der Student vielleicht nicht leisten kann, aber ich muss auch mit einem überschaubaren Budget auskommen. Meine Unterkünfte haben meist zwischen zwölf und 20, höchstens 30 Euro gekostet, Bad und Frühstück inklusive.

Was für Annehmlichkeiten?

Na ja, der Traveller mit ganz kleinem Budget würde eher 20 Stunden Bus fahren, um nur zehn Euro für den Transfer zu bezahlen, während ich mich für den 45-Euro-Flug entscheide. So ging es mir etwa, als ich in Bolivien von Santa Cruz nach Sucre wollte.

Gefährlich wurde es auf Ihrer Reise nie?

Meinen Super-GAU habe ich in Santiago de Chile erlebt, als ich noch mit zwei Bekannten aus Stuttgart unterwegs war. Ich wurde leichtsinnig und habe in einem Restaurant meine Bauchtasche abgelegt, die prompt gestohlen wurde. Meine Kamera, mein Handy, zwei von drei Kreditkarten und ein wenig Bargeld waren weg. Hinterher konnte ich mir das Ganze auch noch auf dem Video einer Überwachungskamera ansehen.

Das Handy dürften Sie am meisten vermisst haben . . .

Klar, da war meine ganze Vorbereitung drin, die Buchungsdetails für fast alle Unterkünfte, der Zugang zum Internet . . .

Was haben Sie gemacht?

Ich habe mir ein gebrauchtes Handy gekauft, mit einer SIM-Karte. Die Kreditkarten hatte ich gleich sperren lassen und von meiner Bank zu Hause eine Ersatzkarte beantragt. Mein Bruder hat diese dann zusammen mit meiner deutschen Ersatz-SIM-Karte in die deutsche Botschaft nach La Paz geschickt, wo ich als Nächstes hinwollte. Das Ganze war sehr nervenaufreibend.

Klingt ziemlich professionell, wie Sie Schaden begrenzen . . .

Ich hatte Glück, weil mir eine chilenische Freundin aus Santiago half, die ich noch aus meiner Studienzeit kannte, als ich 1978 als Assistenzlehrerin in London gearbeitet hatte. Und in La Paz traf ich eine weitere Freundin, die mir auch sehr geholfen hat, vor allem, da mein Spanisch trotz zweier Jahre Volkshochschule leider recht bescheiden ist. Bis ich die Ersatz-Kreditkarte in La Paz entgegennehmen konnte, dauerte es elf Tage.

Wünscht man sich in einer solchen Situation manchmal nach Hause?

Das stand nie zur Debatte, man wächst an solchen Problemen. Schließlich habe ich mir mit der Reise einen Traum erfüllt.

Wie sah der aus?

Ich habe zum Beispiel, seit ich mit 20 ein Foto der Ruinenstadt Machu Picchu gesehen hatte, davon geträumt, nach Peru zu reisen. 45 Jahre später klappte es endlich.

War das traumhaft? Machu Picchu gilt eher als überlaufen . . .

Viele Touristen hetzen da durch. Die fahren von Cusco mehrere Stunden mit Bus und Bahn nach Aguas Calientes, hetzen durch die Ruinenstadt und sind abends schon wieder zurück. Ich war vier Nächte in Cusco, vier weitere in Ollantaytambo und zwei in Aguas Calientes. Ich war morgens in der Ruinenstadt, wenn noch nicht so viele Touristen da sind, bin auf den Huayna Picchu gestiegen, habe außerhalb der Ruinen eine Pause gemacht und bin später, als die Massen da waren, noch mal hinein. Dort habe ich es mir auf einem Stein gemütlich gemacht und den Anblick der Ruinenstadt voll ausgekostet.

Klingt, als hätten Sie sich heimisch gefühlt?

Das ist der Unterschied zwischen Massentourismus und Individualtourismus. Der Individualtourist kann seine Reise vielleicht bewusster genießen, ist aber letztlich auch ein Mosaiksteinchen in der Massenbewegung, er ebnet dem Massentourismus sogar häufig erst den Weg. Ich sehe das durchaus zwiespältig . . .

Wie war das auf den Galapagos-Inseln?

Ähnlich. Die meisten Touristen kommen mit Kreuzfahrtschiffen: Fahren morgens in den Hafen und nachmittags wieder raus. Ich konnte mir zwei Wochen für zwei Inseln nehmen und habe mich gefühlt, als lebte ich im Zoo – mit Seelöwen, Iguana-Leguanen und Pinguinen um mich herum. Da war es sogar in Ordnung, dass ich meinen Geburtstag alleine in einem Restaurant feiern musste. Ich habe mir ein schönes Sushi-Menü gegönnt.

Sind Sie ein Einzelgänger?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin schon in den 80er Jahren mit einem Freund als Backpacker durch Südostasien gereist. Später mit Familie haben wir uns eher auf Campingplätze in Europa konzentriert, vor allem in Frankreich. Leider ist mein Mann 2011 gestorben, er ist auch leidenschaftlich gereist. Aber ich kann nicht auf Dauer alleine zu Hause rumsitzen.

Haben Sie sich in Südamerika öfter mit anderen zusammengetan?

Einen der beiden Bekannten, mit denen ich in Buenos Aires und Patagonien unterwegs war, habe ich beim Skifahren in den Dolomiten kennengelernt. Die übrigen drei Monate hatte ich alleine zwei Monate lang minutiös vorbereitet und fast alle Unterkünfte vorher gebucht. Da ist man nicht mehr so flexibel, um sich anderen anzuschließen. Außerdem sind nur ganz, ganz wenige in meinem Alter unterwegs, wenn dann sind es Ehepaare. Ich habe aber sehr viele mit Mitte 30 kennengelernt, die es gut fanden, was ich mache, die meinten, ihre Mutter könnte das nie . . .

Teilten Sie Zimmer mit anderen?

Nur in unserer Gruppe am Anfang. Wenn man alleine reist, muss man ja auf sein Zeug aufpassen, und im Alter muss man vielleicht auch nachts öfter raus und möchte Fremde dann auch nicht stören.

Haben Sie etwas Besonderes geleistet?

Das können auch andere gut machen. Obwohl ich blond bin, wurde ich nicht ständig angesprochen, man wird schon mit Respekt behandelt. Wenn man Touren in die Wildnis macht, sollte man sich Gruppen anschließen, man sollte als Frau abends nicht alleine unterwegs sein und sich nicht sexy anziehen. Dann geht das alles.

Was hat Sie der Spaß gekostet?

Für vier Monate habe ich rund 8000 Euro ausgegeben, alle 15 Flüge eingeschlossen.

Überkommt einen da nicht Flugscham?

Mir ist bewusst, dass man das kritisch sehen kann. Aber mich interessiert die Welt zu sehr, als dass ich zurückstecken könnte. Radeln an der Donau hebe ich mir für später auf.

Zur Person Karin Merkle

1953 am 13. April wird Merkle in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur studiert sie Anglistik und Romanistik an der Universität Stuttgart.

1982 wird Merkle Lehrerin für Englisch und Französisch zunächst in Lorch (Ostalbkreis) später am Fanny-Leicht-Gymnasium in Stuttgart-Vaihingen und nach zehn Jahren Kinderpause im Jahr 2000 am Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen. Im August 2018 wird sie pensioniert.

2011 stirbt ihr Mann, ebenfalls Lehrer, mit dem sie gern und viel reiste.Karin Merkle hat eine Tochter (29) und einen Sohn (26). Sie lebt in Vaihingen.

Mehr zu ihrer Reise findet sich in ihrem Blog.

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