InterviewRuder-Olympiasieger Richard Schmidt über die Sorge vor dem Coronavirus „Wir alle haben große Angst“

Für Richard Schmidt (2.v.li.) sind die Olympischen Spiele das Größte Foto: imago/Elmar Kremser
Für Richard Schmidt (2.v.li.) sind die Olympischen Spiele das Größte Foto: imago/Elmar Kremser

100 Tage vor Beginn der Sommerspiele in Tokio spricht Ruder-Olympiasieger Richard Schmidt über die ständige Sorge vor dem Coronavirus, das zermürbende Warten auf die Impfung – und darüber, warum Olympia trotzdem das Größte ist.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Stuttgart - Olympia in Tokio rückt näher. Trotz der Verlegung um ein Jahr werden die Wettkämpfe ganz im Zeichen der Coronapandemie stehen. Das weiß auch Richard Schmidt (33), der seit 2008 ohne Unterbrechung Mitglied des Deutschlandachters ist – so lange wie kein anderer der aktuellen Besetzung.

Herr Schmidt, in 100 Tagen beginnen die Sommerspiele in Tokio – spüren Sie überhaupt so etwas wie Vorfreude?

Ich bin sehr froh, dass die Spiele aller Voraussicht nach überhaupt stattfinden. Wir alle wissen aber auch, dass es ganz andere Spiele werden, dass nichts mehr so sein wird, wie wir es bisher kannten.

Was erwarten Sie von den Spielen?

Bis vor der Pandemie bin ich davon ausgegangen, dass es mit die besten Spiele überhaupt werden – perfekt organisiert und mit toller Stimmung. Zumindest Letzteres wird wegfallen. Trotzdem glaube und hoffe ich, dass es die Japaner schaffen, wundervolle Spiele auf die Beine zu stellen.

Dennoch gibt es viele, die es befürworten würden, die Spiele aufgrund der weltweiten Pandemie abzusagen.

Diese Diskussionen kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich bin zwar kein Experte, aber ziemlich sicher, dass wir begreifen sollten, dass man mit dem Virus irgendwie leben muss. Das geht nur mit Hygiene und Impfungen. Wenn wir die Spiele jetzt noch einmal verschieben oder gar absagen würden, könnte man womöglich nie wieder Großveranstaltungen durchführen.

Für Sie sind es bereits die vierten Olympischen Spiele. Was haben Sie – neben den Medaillen – von Ihren drei bisherigen Teilnahmen mitgenommen?

In Peking 2008 war ich noch ganz jung, da war alles neu und total beeindruckend. Die vielen Sportler, mit denen ich erstmals auf Augenhöhe im olympischen Dorf gewohnt habe – das war wahnsinnig aufregend. Die Spiele in London 2012 waren dann in jeder Hinsicht großartig, vom Sportlichen über die Organisation bis hin zur fantastischen Stimmung. In Rio schließlich war es 2016 anders, da ist vieles drunter und drüber gegangen. Trotzdem sind Olympische Spiele das Größte, egal wo sie stattfinden.

Wie sehr belasten die momentanen Unsicherheiten und Einschränkungen vor allem jene Athleten, die noch keine Spiele erlebt haben und der Teilnahme in Tokio seit Jahren alles unterordnen?

Es ist eine komplette Katastrophe. Da zerplatzen Träume. Bei vielen war die ganze Lebensplanung auf Tokio ausgerichtet. Olympia ist für uns existenziell wichtig, auch finanziell. Man denkt als Zuschauer ja gerne: Als Leistungssportler hat man ein schönes Leben, Erfolg und Geld. Was die Leute nicht sehen: wie viel harte Arbeit dahintersteckt, sieben Tage die Woche. Parallel dazu müssen wir unsere berufliche Karriere vorbereiten. Wir sind keine Fußballer mit vollen Konten. Unser Leben endet nicht mit der sportlichen Karriere – dann geht’s erst richtig los.

Sie wollten ursprünglich nach Olympia 2020 ins Berufsleben einsteigen.

Diesen Plan musste ich um ein Jahr verschieben. Corona hat auch für uns Sportler alles auf den Kopf gestellt. Seither geht es nicht mehr allein darum, seine Bestform zu erreichen, sondern vor allem darum, gesund zu bleiben. Unser Kapital ist ein leistungsfähiger Körper. Wenn der nicht mehr funktioniert, ist man schneller draußen, als man schauen kann.

Wie haben Sie persönlich die Coronazeit bisher erlebt?

In meinem Privatleben versuche ich mit meiner Familie seit Beginn der Pandemie, alles auf Eis zu legen und so gut wie alle Kontakte zu vermeiden. Wir haben schon seit längerer Zeit keine Freunde mehr getroffen. Und wenn wir meine Eltern sehen wollen, funktioniert das nur, wenn sie vorher einige Tage in Quarantäne waren und einen Schnelltest gemacht haben.

Beim Rudern sind Kontakte unumgänglich, schließlich sitzen mit Ihnen acht weitere Männer im Boot.

Wir haben unsere Trainingsgruppe verkleinert und müssen uns darauf verlassen, dass jeder maximal vorsichtig ist. Gleichzeitig versuchen wir, auch maximal zu trainieren – so gut es in dieser Situation eben geht. Leider wurden unsere Trainingslager immer wieder kurzfristig abgesagt, was gerade im Winter ein großes Problem darstellt. Die Bedingungen sind denkbar schlecht, wenn der Kanal zugefroren ist, wenn es windet und regnet.

Lag es auch daran, dass der Deutschlandachter bei der EM am vergangenen Wochenende am Ende eingebrochen ist und erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit keine Medaille gewonnen hat?

Das wäre eine Ausrede. Wir waren einfach schlecht vorbereitet und müssen den Rückstand jetzt aufholen. Es ist eine globale Pandemie, mit der auch andere Nationen zu kämpfen haben.

In vielen anderen Ländern sind die Leistungssportler aber bereits geimpft.

Zumindest in Ländern wie den USA, England, Frankreich, Italien, Australien oder Neuseeland. Das sind unsere Konkurrenten. Wir müssen gar nicht drum herumreden: Die haben ganz andere Privilegien und können ihre Vorbereitung viel freier gestalten. Wir können nur versuchen, das Beste aus dieser Situation zu machen. Aber es ist klar, dass unsere Vorbereitung deutlich schwieriger ist, weil wir viel mehr Auflagen haben und uns immer das Risiko begleitet, sich mit dem Virus zu infizieren.

Wie groß ist Ihre Sorge, sich so kurz vor den Spielen noch anzustecken?

Wir alle haben große Angst. Der Sport ist unsere Lebensgrundlage. Für jeden, der sich infiziert, würde es wohl das Aus bedeuten. Daher wollen wird unbedingt und so schnell wie möglich geimpft werden.

Haben Sie schon einen Termin?

Natürlich nicht. Auch wir unterliegen der Priorisierung und warten mit wachsender Ungeduld, dass wir endlich drankommen.

Würden Sie sich wünschen, dass Olympiateilnehmer bevorzugt behandelt werden?

Wir wollen uns nicht vordrängeln. Aber es wird in Deutschland schon seit dreieinhalb Monaten geimpft – und ich hoffe und gehe davon aus, dass die Risikogruppen inzwischen weitgehend geimpft sein müssten. Deshalb hoffe ich, dass die Verantwortlichen möglichst schnell die Zeichen der Zeit erkennen. Man darf eines nicht vergessen: Die Reise nach Japan rückt näher. Wir können mit der ersten Impfung gar nicht mehr so lange warten, sonst wird die Zeit bis zur zweiten knapp.

Wie zermürbend ist das Warten?

Ich glaube, der Frust ist nicht nur bei uns Sportlern groß. Ich kann nicht verstehen, dass bei uns Debatten über Reihenfolgen geführt werden – und gleichzeitig Impfstoff teilweise nicht genutzt wird. Deshalb muss die Impfung so schnell wie möglich für alle freigegeben werden.

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