Ruderklassiker „Oxford – Cambridge“ Eine Stuttgarterin bei der berühmtesten Regatta der Welt

An diesem Sonntag gilt es für Carina Graf (links) und deren Cambridge-Teamkolleginnen. Foto: privat

In der Sillenbucherin Carina Graf rudert erstmals eine Stuttgarterin beim Klassiker zwischen Oxford und Cambridge mit. Hinter sich hat die 28-Jährige ein hartes Auswahlverfahren – am Ende mit einer sportlichen Sensation.

Für ein deutsches Nachrichtenmagazin handelt es sich sogar um „das wichtigste Sportereignis des Jahres in Großbritannien neben dem Wimbledon-Finale“. Und an diesem Sonntag um 17 Uhr ist es jedenfalls wieder soweit: In London erfolgt der Startschuss zum 76. „Boat Race“ der Frauen-Ruderteams zwischen den Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge – begleitet von 250 000 Zuschauern an der Strecke und bis zu 15 Millionen vor den Fernsehern. Eine Stunde später sind über die 6,8 Kilometer auf der Themse dann die Männer dran. Deutsche Ruderinnen hat es in der langen Geschichte dieses Traditionswettbewerbs durchaus schon gegeben. Aktuell aber wird in Carina Graf aus Sillenbuch erstmals überhaupt eine Stuttgarterin dabei sein.

 

„Natürlich wollen wir die Serie von zuletzt fünf Siegen in Folge für unsere Uni nicht abreißen lassen, aber für mich ist es schon eine ganz besondere Ehre, überhaupt ein Teil dieser Mission zu sein“, sagt Carina Graf. Ein bisschen nervös sei sie schön, dennoch versuche sie, „das Ganze zu genießen“. Die Vorbereitung auf die berühmteste Ruderregatta der Welt hat für die die ehemalige Schülerin des Evangelischen Heidehofgymnasiums im Stuttgarter Osten schon im September 2022 begonnen. Gut 70 Sportlerinnen aus den insgesamt 31 Colleges der Cambridge-Universität haben sich für den monatelangen, harten Auswahlprozess beworben. Übrig blieben acht, die einen der Plätze im „blauen Boot“ erhielten – darunter Graf.

Sechs Stunden Training am Tag

Vor einem Jahr war die schwäbische Medizinphysikerin, die aktuell Doktorandin im Bereich Neurowissenschaften ist, bereits für das Reserveboot, die sogenannten Blondies, ausgewählt worden. Diesmal hat sie sich mit Trainingseinheiten von bis zu sechs Stunden am Tag den großen Traum erfüllt. Erst seit knapp drei Wochen weiß Carina Graf, dass sie innerhalb des Cambridge-Achters mit Teamkolleginnen aus England, Irland, Kanada und den USA die Position der Bugfrau, also ganz hinten im Boot, einnehmen wird.

„Manchmal ist das alles schon eine Qual, die einen an körperliche Belastungsgrenzen führt. Es ist aber auch eine ganz besondere Erfahrung, und genau dafür habe ich das jetzt schon zweimal sehr gerne und mit viel Spaß auf mich genommen“, sagt die 28-Jährige, die 2022 teamintern noch das Nachsehen unter anderem gegen drei ehemalige Ruder-Olympiateilnehmerinnen hatte. Dass sie sich nun gegen WM- und EM-Starterinnen durchgesetzt hat, darf getrost als sportliche Sensation bezeichnet werden. Zumal: Graf ist eine Quereinsteigerin, die erst 2018 während ihrer damaligen Studienzeit im kanadischen Vancouver überhaupt zum Rudern fand.

Betreuung wie im Profibereich

„Ich war schon immer sehr sportlich und allgemein athletisch gut ausgebildet, das hat mir bei meinen späten Anfängen geholfen“, sagt die 1,78 Meter große Modellathletin, die in Deutschland nie Mitglied eines Rudervereins war oder an Wettkämpfen teilgenommen hat. Stattdessen versuchte sie sich als Fußball-Torhüterin, im Volleyball, beim Klettern und als Schwimmerin in der DLRG. „Das Schöne am Rudern ist, dass man als Anfänger sehr schnell große Fortschritte machen kann. Beim Erlernen der Technik haben mir aber auch meine wissenschaftlichen Grundlagen aus meinem Beruf als Physikerin weitergeholfen“, sagt Graf. Als reine Amateursportlein musste sie dabei zwar auf finanzielle Hilfe verzichten, organisatorisch ist das Frauenteam der Uni Cambridge aber rund um die Uhr optimal betreut. „Wir haben hauptamtliche Trainer, arbeiten mit Sportwissenschaftlern zusammen und haben sogar Ernährungsberater wie im Profibereich“, berichtet Graf.

Sollte es am Sonntag für das Frauenteam der Himmelblauen zum 47. Sieg bei der großen Rivalität reichen (Oxford steht bei 30), dann wird die Stuttgarterin ausschließlich mit Genugtuung, Ehre und einem Moment Ruhm belohnt. „Im Vorfeld kann man nie genau einschätzen, wie unsere Chancen sind, weil die Besetzung der Boote jedes Jahr anders ist. Aber wir haben eine gute Taktik und gut trainiert und sind optimistisch. Alles für himmelblau! Go Cambridge!“, sagt Carina Graf, die während des 18 bis 20 Minuten dauernden Rennens ihren Bruder und ihre Eltern als Unterstützung im Publikum dabei haben wird.

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