Rudersberger Kinobetreiber Der Herr der Ränge

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Heinz Lachmann ist ein Cineast und Wohltäter. Er betreibt sechs Kinos, verleiht Filme und will demnächst auch welche produzieren.

So urban ist Rudersberg: der 50-jährige Unternehmer Heinz Lochmann hat sich in seinem Büro seine eigene Skyline geschaffen. Foto:  Stoppel
So urban ist Rudersberg: der 50-jährige Unternehmer Heinz Lochmann hat sich in seinem Büro seine eigene Skyline geschaffen. Foto: Stoppel
Rudersberg - Heinz Lochmann hat das "Lumpengeschäft" 1974 übernommen. Nein, der Vater war nicht begeistert, als der Sohn ins Kinogewerbe einstieg. Hatte man doch in Rudersberg eine gut gehende Bäckerei, wo der Bub gebraucht wurde. Der Heinz war doch erst 15 und noch mitten in der Lehre! Das mit dem Kino konnte also bestenfalls nebenher laufen. Und so stand Heinz Lochmann morgens um vier in der Backstube, half nachmittags in der Lohnmosterei und kümmerte sich mit seinem Bruder Klaus bis spät in die Nacht um die "Löwenlichtspiele". Immerhin blieb alles in der Familie, denn die "Löwenlichtspiele" gleich neben der Bäckerei hatten Heinz Lochmanns verstorbener Tante Gertrud gehört. Sie hatte das Kino 1956 gebaut. "Mein Vater erbte die Bäckerei, und sie sollte auch was haben. Da eröffnete sie ein Kino." Er weiß noch, dass sie "wunderbaren Nusskuchen" backen konnte. Dass seine Tante besonders filmbegeistert gewesen wäre, daran kann er sich nicht erinnern. Dem Neffen aber stieß sie die Tür ins cineastische Leben auf, eines, das mit "Die Lümmel von der ersten Bank", "Winnetou", "Josefine Mutzenbacher" und dem Klassiker "Ben Hur" begann.

Heinz Lochmann hat noch lange Brötchen gebacken, selbst als er das Kino in Welzheim als zweiten Filmstandort übernommen hatte, stand er morgens noch in der väterlichen Backstube. Heute ist Lochmann der Chef eines eigenen Kinoreichs: Er betreibt Lichtspielhäuser in Rudersberg, Esslingen, Waiblingen, Schorndorf, Biberach und seit neuestem auch in Hamburg. Die Lokalpresse überschlug sich, als Anfang des Jahres wie ein Silberstreif am Horizont der Retter des historischen Passagen-Kinos auftauchte: "Passage gerettet! Schwabe investiert eine Million Euro", schlagzeilte das Hamburger Abendblatt. Das 1913 an der Mönckebergstraße eröffnete Lichtspielhaus wurde ausgebeint, um es mit modernen Standards auszustatten. "Aber natürlich wird alles im Art-déco-Stil eingerichtet. Das plüschige Foyer, das Cineasten so lieben, bleibt selbstverständlich erhalten", versicherte der neue Betreiber der Presse. Am Wochenende ist es eröffnet worden.

Heinz Lochmann fühlt sich wohl in der Rolle des Wohltäters. Nicht, dass er an die große Glocke hängt, wenn er Gutes tut. Für den 50-Jährigen gehört das einfach dazu, nach dem Motto: Wenn es dir gutgeht, sieh zu, dass du es anderen auch gutgehen lässt. Und Lochmann geht es gut, blickt man so in seiner weißen Villa in Rudersberg um sich. Alles ist wie aus einem Guss, ein durchgängiges Design aus Stahl, Glas und Leder verströmt eine Kühle, die in seltsamer Spannung steht zum saloppen Hausherrn. Lochmann spendet Geld für einen Mann, der an Leukämie erkrankt ist, oder für die Bibelliga, die weltweit missioniert. Besonders gläubig sei er aber nicht. "Und ein Gutmensch bin ich auch nicht." Tja, was dann?

Ein gutes Händchen mit Oscar-Film bewiesen


Auf jeden Fall versteht es Lochmann, Geschäfte zu machen. Seine Lichtspielhäuser werfen gutes Geld ab. Dabei kriselte die Branche in den vergangenen Jahren. Lochmann hat indes Ende 2008 seinen Traumpalast in Schorndorf erweitert und ausgebaut. Er agiert antizyklisch, und er kann sich auf sein zweites Standbein verlassen: Immobilien. Er steht nicht gleich mit dem Rücken zur Wand, wenn eines seiner kostspieligen Experimente schiefgeht. "Mieten kommen immer rein, regelmäßig."

Vor drei Jahren ist Lochmann ins Verleihgeschäft eingestiegen. "Drei Freunde" heißt die Firma, die er allein betreibt: Er deichselt sie vom Keller seiner Rudersberger Villa aus. Das Büro im Souterrain erinnert an einen spleenigen Hobbyraum: Die bemalten Wände zeigen ringsum eine Skyline à la Fritz Langs Klassiker "Metropolis". Die Wolkenkratzer tragen die Namen seiner Kinos: Traumpalast, Sternenplast, Dick. Auch Tochter und Sohn, der Lieblingsitaliener sowie der VfB haben in dieser Stadt ihren eigenen Wohnturm. "Und im Dunkeln leuchtet das alles!"Dank Phosphorfarbe.

Verewigt sind in dem Wandgemälde auch die Filme, die Lochmann auf den deutschen Markt gebracht hat. Der erste war 2008 eine Dokumentation über den österreichischen Sänger Falco. Der Film floppte, und hängen blieb für Lochmann bloß das lange Haar: Die Beschäftigung mit dem österreichischen Musiker hatte bei ihm eine anarchisch-sinnliche Saite zum Klingen gebracht. "Mit 20 Jahren war ich spießig. Da wäre ich nie mit langen Haaren rumgelaufen. Ich hab das jetzt irgendwie Falco zu verdanken, obwohl der die Haare ja kurz trug." Das zweite Projekt war 2009 "Die Bucht", ein Ökothriller über die grausame Treibjagd auf Delfine, die jedes Jahr im japanischen Ort Taiji abgehalten wird. Die engagierte Dokumentation erhielt einen Oscar. Lochmann erzählt gerne, wie er nach dem Screening in Las Vegas auf den Regisseur zuging und ihn fragte, ob der Film denn schon einen deutschen Verleih habe. Lochmann hatte Lunte gerochen. Jetzt wollte er nicht mehr bloß im Kinosessel Platz nehmen, sondern selbst mitmischen.

Ein Freund warnte ihn: Ein erschütternder Film mit einem so traurigen Schluss werde kein Publikumserfolg. Der Kinomann aus Rudersberg entschied, dass er dann eben selber ein Happy End dazubastelt: "Ich hab überlegt, ich fahre mit meinem Sohn da runter nach Taiji, kaufe den Fischern ein paar Delfine ab und lasse die frei. Dann filmen wir das Ganze und hängen das hinten an den Film an." Die beiden sind tatsächlich nach Japan geflogen, doch wegen des Medienrummels, den der Film im Vorfeld verursacht hatte, wurde die Delfinjagd abgeblasen. Vermutlich hätte Lochmanns selbst gestricktes Happy-End ohnehin niemals Eingang gefunden in die Filmgeschichte.

Ein Hauch von Ben Hur im Remstal


Nach diesem Aufgalopp folgten die ersten beiden kommerziellen Erfolge: Lochmann hatte die deutschen Rechte an "Verblendung" und "Verdammnis", den Verfilmungen der gleichnamigen Bestseller von Stieg Larsson, gekauft. Im Juni kommt der letzte Teil dieser Krimitrilogie, "Vergebung", in die Kinos. Zum Herbst hat Lochmann dann ein bitteres Sozialdrama aus Deutschland am Start. Ein Kassenschlager werden "Die Entbehrlichen" wohl nicht, dafür können sie mit einem Qualitätssiegel aufwarten - der Film erhielt beim Max-Ophüls-Festival einen Verleihförderpreis.

Im Grunde könnte es jetzt so weiterlaufen, doch bei Lochmann kommt offenbar schon wieder Langeweile auf. Er liebäugelt damit, selbst einen Film zu produzieren. "Ich rücke eben immer weiter an die Quelle des Kinos heran." Auf die Frage, welcher Stoff ihm denn für eine Verfilmung vorschwebe, geschieht etwas Ungewöhnliches: Lochmann hüllt sich in Schweigen.

Träufelt man ihm aber das Stichwort "Ben Hur" ins Ohr, spult Lochmann wie auf Knopfdruck den ganzen Film ab. Der harte Hund in Sandalen hat es ihm angetan, es muss damals schon Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Er hat den Film als Bub bei Tante Gertrud gesehen. In einem seiner Kinos lief er jahrelang als Dauerbrenner in einer Matineevorstellung.

Lochmann ist ins Filmgeschehen eingetaucht, rekapituliert, wie es zwischen Judah Ben Hur und Messala zur Frontstellung kommt, skizziert die Szenen mit Gesten. Eine imaginierte Walze aus Wüstensand wälzt sich durch das schicke Wohnzimmer. Die hohen Fenster spiegeln sich in den blanken kubischen Möbeln, ebenso ein Bild von Marilyn Monroe, die lasziv von der Wand herablächelt. Doch wir stecken mitten in der Zeit, als Jesus lebte. Angekettet rudert Judah im Bauch eines Schiffes, verdammt in alle Ewigkeit. Heinz Lochmann rudert, sein tomatenrotes Oberhemd verkrumpelt am Ärmel. Es sieht schlecht aus für Judah.

Eine Katze schlendert durch die offene Terrassentür hinaus ins Freie. Judah ist inzwischen losgekettet und auf dem Weg zum Showdown beim Wagenrennen gegen Messala. Er ist beseelt von Rache. Lochmanns Augenbrauen tanzen. Seine Frau streckt den Kopf zur Tür herein: "Du weißt, dass wir um sieben wegmüssen?" Das Ende des Films, sagt Lochmann, könne man eh nicht erzählen. Der Wüstensand hat sich verkrümelt. Marilyn blickt schläfrig. Sie steht nicht auf Männer in Sandalen.

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