Rückbau nach dem Ausstieg Wie wird ein Atomkraftwerk zerlegt?

Steht vor dem Rückbau: Atomkraftwerk Neckarwestheim. Foto: dpa/Uwe Anspach

Atomstrom wird in Deutschland nicht mehr produziert. Nun beginnt der Rückbau der Reaktoren. Das ist teuer, langwierig und nicht ohne Tücken.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

In Deutschland stehen knapp drei Dutzend Ruinen von erheblicher Brisanz: Kernkraftwerke außer Betrieb. Die Demontage hat vielerorts schon begonnen. Es wird aber noch Jahrzehnte dauern, bis die Hinterlassenschaften des Atomzeitalters aus der Landschaft verschwunden sind.

 

Wie geht es weiter? Von den 36 ehemaligen Kernkraftwerken in Deutschland sind laut Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) erst drei vollständig demontiert. Bei 27 hat die Stilllegung begonnen. Mit dem Abschalten der letzten drei Meiler am 15. April läuft dort die sogenannte Nachbetriebsphase: Brennelemente werden aus den Reaktoren entfernt und zunächst in einem Wasserbecken deponiert, wo sie abkühlen. Eine Stilllegung ist für sämtliche zuletzt noch Strom produzierenden Anlage beantragt, aber nur für das AKW Neckarwestheim auch bereits genehmigt. Erst wenn diese Genehmigung vorliegt, kann mit dem Abbau begonnen werden.

Dabei fallen radioaktive Reststoffe und kontaminierte Teile an. „Nur wenige Prozent der Gesamtmasse eines Kernkraftwerks müssen als radioaktiver Abfall entsorgt werden“, sagt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Je Reaktor bleiben etwa 5000 Kubikmeter problematisches Material übrig, was der Kapazität von 65 Containern entspricht, wie sie im Gütertransport verwendet werden („Iso-Container“ mit einer Standardlänge von 40 Fuß, also gut 12 Metern). Insgesamt kommen so mehr als 150 000 Kubikmeter an schwach und mittelradioaktiven Abfällen und 27 000 Kubikmeter an hoch radioaktivem Müll zusammen.

Wie lange dauert der Rückbau?

Experten rechnen mit mindestens zehn Jahren für die Demontage. In einem Bericht an die Bundesregierung von November 2022 wird das Ende der Stilllegungsphase für insgesamt 15 der abgeschalteten Meiler in die zweite Hälfte der 2030er Jahre terminiert. Der 1974 abgeschaltete Reaktor im bayrischen Niederaichbach ist die erste komplett demontierte Atomanlage in Deutschland. Dort hat der Rückbau fast 20 Jahre gedauert. Weltweit wurden laut World Nuclear Status Report bisher 204 Atomanlagen stillgelegt. Lediglich bei zehn ist der Rückbau abgeschlossen.

Mit dem Rückbau sämtlicher deutscher Anlagen ist das Atomzeitalter hierzulande aber noch lange nicht beendet. Bislang gibt es noch kein Endlager für hoch radioaktive Abfälle. So lange verbleiben diese provisorisch in den Zwischenlagern an den jeweiligen Standorten. Ursprünglich sollte bis 2031 ein Platz für das Endlager gefunden werden. Betriebsbereit wäre dieses erst 2050 gewesen. Bis 2080 hätte es gedauert, bis alle Abfälle dort eingelagert sind. Jetzt wird sich allein schon die Standortsuche voraussichtlich um mehr als 30 Jahre verzögern.

Welche Risiken gibt es?

Heikel ist der richtige Umgang mit radioaktivem Material. Einige Arbeitsschritte müssen aus Sicherheitsgründen mit ferngesteuertem Gerät, andere vorsichtig in Handarbeit von entsprechend geschützten Fachkräften erledigt werden. Alles Material, was vom AKW-Gelände abtransportiert wird, muss zuvor von der Atomaufsichtsbehörde freigegeben werden. Freigegebene Stoffe dürfen eine Strahlendosis von 10 Mikrosievert pro Jahr nicht überschreiten. Die Strahlenbelastung aufgrund natürlicher Radioaktivität liegt in Deutschland durchschnittlich bei 2100 Mikrosievert pro Jahr. Durch Material aus abgewrackten Kernkraftwerken entsteht laut der für nukleare Entsorgung zuständigen Bundesbehörde „eine sehr kleine zusätzliche Exposition“ durch AKW-bedingte Radioaktivität.

Was kostet das?

Die Kosten des Rückbaus werden von Experten auf eine bis 1,2 Milliarden Euro pro Atomkraftwerk geschätzt. Die Demontage ist auch deshalb so teuer, weil es viele Sicherheitsauflagen gibt. Viele Bauteile müssen aufwendig dekontaminiert und gereinigt werden, bevor sie weggeschafft werden können. Schon die Präparation des Geländes für die Abrisstruppe ist je nach den örtlichen Verhältnissen kompliziert. Deshalb vergehen zum Teil erst einmal Monate, wenn nicht Jahre keineswegs mit Abbau, sondern mit dem Aufbau der für die Demontage benötigten Vorrichtungen.

Wer zahlt?

Für die Finanzierung des Abbaus sind die Betreiber der stillgelegten Kraftwerke zuständig. Das sind die Stromkonzerne EnBW, RWE, Eon und Vattenfall. Sie müssen dafür Rücklagen bilden und darüber jährlich an den Bund berichten. Nach dem aktuellen Bericht von Ende 2022 hat die EnBW 4,5 Milliarden Euro für die Demontage der Meiler in Obrigheim, Philippsburg und Neckarwestheim angespart, Eon 7,9 Milliarden, RWE 5,7 Milliarden und Vattenfall 1,7 Milliarden Euro. Dazu kommen 400 Millionen Euro von den Stadtwerken München, die am AKW Isar 2 beteiligt sind. Insgesamt belaufen sich die „Rückstellungen für Rückbauverpflichtungen“ auf gut 20 Milliarden Euro. Davon sind acht Milliarden Euro für den Nachbetrieb reserviert, 5,5 Milliarden für die eigentliche Demontage und 6,7 Milliarden für die Bearbeitung der Reststoffe und die Verpackung des Atommülls. Für dessen Lagerung muss wiederum der Bund aufkommen. Er hat dafür laut Bundeswirtschaftsministerium 24,1 Milliarden Euro in einem Fonds angespart.

Weitere Themen