Rückblick auf ein Jahr Bandenkrieg Schussserie – Auch nach den ersten Urteilen geht die Banden-Gewalt weiter

Hohe Sicherheitsvorkehrungen begleiten die Prozesse vor dem Landgericht Stuttgart. Foto: Roberto Bulgrin

Schüsse auf offener Straße, ein Handgranatenangriff auf dem Friedhof Altbach und viele weitere Straftaten halten die Region Stuttgart seit über einem Jahr in Atem. Ein Ende der Gewalt zwischen zwei multiethnischen Gruppierungen ist nicht in Sicht.

Es ist ein Gebaren, wie man es sonst nur aus Filmen kennt. Junge Männer, die in der Öffentlichkeit mit Schusswaffen unterwegs sind. Wenn es gut läuft, kommen nur Schreckschusspistolen zum Einsatz. Oft genug sind die Waffen, darunter Maschinenpistolen, echt – und geladen. Seit Sommer 2022 beschäftigt eine Serie der Gewalt die Region. Seitdem sind unter anderem Esslingen, Plochingen, Ostfildern, Altbach, Stuttgart, Göppingen oder Ludwigsburg zu Tatorten der rivalisierenden Banden geworden.

 

Die eine Gruppe wird laut dem Landeskriminalamt dem Bereich Stuttgart-Zuffenhausen/Göppingen zugeordnet, die andere soll ihren Ausgangspunkt in Esslingen/Plochingen haben. Die Polizei geht insgesamt von rund 500 jungen Männern aus, vorwiegend mit Einwanderungsgeschichte. Was sie eint, ist den Ermittlern zufolge ein übersteigerter Begriff von Ehre und toxische Männlichkeit. Kriminalität sei weniger Mittel zum Zweck als vielmehr ihr Lebensstil. Angeheizt wird der Konflikt, bei dem es wohl auch um die Verteidigung vermeintlicher Gebietsansprüche geht, mit Beiträgen in sozialen Netzwerken. Eine große Rolle spielen demnach sogenannte Gangsta-Rapper, die Gewalt, Gefängnis und Korpsgeist glorifizieren. „Die Musik stellt ein verbindendes Element der Angehörigen der Gruppierungen dar, indem sie sich mit den Inhalten identifizieren“, sagt Jürgen Glodek, Sprecher des Landeskriminalamts.

Symbolfigur der einen Gruppe sei der Rapper Eska. Dessen Texte hören sich in seinen Instagramvideos teilweise wie ein Programm an. „Vallah, ein bisschen reden kann reichen. Fäuste, Messer, Schusswaffen. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit“, heißt es etwa. „Selbstverständlich beobachten und bewerten wir die Musik. Sollten hierbei insbesondere strafrechtlich relevante Inhalte bekannt werden, werden diese zur Anzeige gebracht“, so Glodek.

Das Landeskriminalamt gibt die Zahl der Festnahmen mit insgesamt 52 Personen an (Stand 19. Dezember 2023). Die Welle der Gewalt stoppen konnte das bislang genauso wenig wie die von Gerichten bereits verhängten Gefängnisstrafen. „Wir erhoffen uns von den Urteilen, dass diese eine abschreckende Wirkung erzielen. Insbesondere bei den Personen, die sich in der Orientierungsphase ihrer persönlichen Lebens- und Zukunftsgestaltung befinden“, sagt der Polizeisprecher Jürgen Glodek, „den Betroffenen muss klar sein, dass wir nicht müde werden, jede Straftat aufzuklären und dadurch die Grundlage einer möglichen Verurteilung zu schaffen“.

Verfügen die Gruppen über weitere Kriegswaffen?

Schüsse sind zu einem Merkmal dieses Streits geworden, es kamen aber auch diverse andere Waffen zum Einsatz. Sogar Feuer wurde gelegt, zuletzt etwa in einem Burger-Laden in Nürtingen. Bei dem Anschlag auf den Friedhof in Altbach am 9. Juni dieses Jahres während der Beerdigung eines 20-Jährigen wurde eine Handgranate geworfen. 15 Trauergäste wurden verletzt.

Handgranatenwerfer räumt die Tat ein

Vor dem Stuttgarter Landgericht, das unter hohen Sicherheitsvorkehrungen diesen Fall in Stammheim verhandelt, muss sich seit Anfang Dezember der mutmaßliche Granatenwerfer wegen versuchten Mordes verantworten. Der 23-Jährige hat zu Beginn des Prozesses die Vorwürfe über seinen Verteidiger zugegeben. Gegen die fünf Kontrahenten, die zwischen 19 und 21 Jahre alt sind, läuft ein separater Prozess. Sie sollen den 23-Jährigen fast zu Tode geprügelt haben. Die Anklage wirft ihnen versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor. Kurz vor Weihnachten begann vor dem Landgericht zudem die Verhandlung gegen zwei Männer unter anderem wegen versuchten Mordes. Sie sollen im April aus einem fahrenden Auto auf eine Shisha-Bar in der Plochinger Bahnhofsgegend geschossen haben. Sie werden der Gruppierung Stuttgart-Zuffenhausen zugerechnet. Der Angriff hatte – wie bereits die Schüsse im Februar auf einen anderen Wirt – zu Verunsicherung in Plochingen geführt. Die Polizei hatte verstärkt Präsenz gezeigt.

Szenen wie im Wilden Westen

Nach dem Schusswechsel von Esslingen-Mettingen im September 2022, ein Racheakt für eine Prügelei, hat das Stuttgarter Landgericht die vier 20- bis 21-jährigen Angeklagten in diesem Oktober zu Haftstrafen zwischen drei und fast acht Jahren verurteilt. Im November wurde zudem ein 33-Jähriger wegen versuchten Totschlags in vier Fällen zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwältin sprach von Szenen wie im wilden Westen, die sich zwischen Wohnhäusern abgespielt hätten.

Beginn und Höhepunkt der Gewaltserie

Beginn
Als Auftakt für die Schussserie wird der Abend des 20. Juli 2022 vermutet, als in Zuffenhausen der Beifahrer eines Autos auf eine Personengruppe schoss. Die Kugel traf die Eingangstür einer Ladenzeile. Der BMW raste davon und wurde von einem anderen Auto noch verfolgt. Beide blieben spurlos verschwunden.

Friedhofsanschlag
Der Wurf einer Handgranate auf eine Trauergemeinde in Altbach gilt bislang als Höhepunkt der Serie. Sie hat auch deshalb für Aufsehen gesorgt, weil nach Recherchen unserer Zeitung dort auch ein verdeckter Ermittler der Stuttgarter Polizei im Einsatz war, der aber nicht eingegriffen haben soll.

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