Rückblick Stuttgarter Ballett So war die Saison 24/25 im Stuttgarter Ballett

Ordentlich was los bei „Anna Karenina“: John Neumeiers Ballett bot Tanzstoff für viele Beteiligte und Miriam Kacerova als Titelheldin. Foto: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett

Ein roter Teppich zum Auftakt, ein kurzweiliger Klassiker zum Ausklang: Die Saison des Stuttgarter Balletts hatte wenig Neuigkeitswert, war dafür aber höchst unterhaltsam.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Zwei Handlungsballette in sechs Vorstellungen: In der letzten Woche der Saison gab das Stuttgarter Ballett noch einmal alles. Doch wer glaubte, dass seine Tänzerinnen und Tänzer nach elf arbeitsintensiven Monaten aus dem letzten Loch pfeifen müssten, konnte sich in einer der „Don Quijote“-Shows eines Besseren belehren lassen. Und der Begriff aus dem Unterhaltungsgeschäft ist bewusst gewählt: Große Spielfreude von den Solisten bis in die hinterste Reihe verwandelte den Klassiker in einen enorm kurzweiligen Tanzabend.

 

Show-Effekte bot diese Spielzeit tatsächlich einige. Roter Teppich vor dem Opernhaus und Hollywood-Atmosphäre drinnen bei der Premiere von Joachim A. Langs Kinofilm „Cranko“, falsche Lacrosse-Spieler und Sensen-Bauern sowie ein echter Traktor auf der Bühne für John Neumeiers Version von „Anna Karenina“: das waren die Hingucker einer Saison, in der das Stuttgarter Ballett mehr damit beschäftigt war, die Früchte früherer Anstrengungen zu ernten als Neues auszusäen.

Vittoria Girelli in bestem Licht

So gab es statt des üblichen Uraufführungsabends im Schauspielhaus unter dem Titel „Nacht/Träume“ ein Wiedersehen mit vier Stücken, die alle in der Intendanz von Tamas Detrich für das Stuttgarter Ballett entstanden waren. Der Blick in den Rückspiegel lohnte zum einen, weil er das Reifen von Tanztalenten zu Bühnenpersönlichkeiten wie im Zeitraffer zeigte; Mackenzie Brown, Henrik Erikson und Matteo Miccini sind da nur drei Beispiele. Zum anderen und vor allem rückte die Retrospektive die besonderen choreografischen Qualitäten von Vittoria Girelli erneut in bestes Licht. Weil die Halbsolistin mit einer größeren Aufgabe in der nächsten Spielzeit aus „Nacht/Träume“ erwachen durfte, geht der Verzicht auf Neues zwar in Ordnung, ist aber dennoch schade.

In Stuttgart Entstandenes nochmal zu überprüfen, dazu lud auch der Abend „Novitzky/Dawson“ ein. Diesen Fokus vermisste man leider bei der Verbeugung vor Hans van Manen. Gern hätte man in der Auswahl „Fünf für Hans“ eines seiner in den 1980er Jahren fürs Stuttgarter Ballett choreografierten Stücke wie „Corps“ oder „Shaker Loops“ wiedergesehen, um die lokale Inspiration im Dialog mit anderen Stücken Hans van Manens zu erkunden.

Rekordverdächtige Auslastungszahl

Eine Auslastung von 99,5 Prozent beweist den kurzen Draht des Stuttgarter Balletts zu seinem Publikum. Das verlor auch bei vermeintlich sperrigen Themen wie „Mahler mal drei Meister“ nicht das Vertrauen – und wurde dafür mit Emotionen und Erkenntnissen beschenkt. Die moderne Ökonomie Kenneth Macmillans, die Coolness, mit der Maurice Béjart über Geschlechtergrenzen hinwegtanzen lässt, die lang herbeigesehnte Versöhnung des Publikums mit Crankos Totalitarismus-Abrechnung „Spuren“: der Mahler-Abend hatte das Zeug zum Geheimtipp der Saison, seine drei Stücke fügten sich zu einer beeindruckenden (Ballett)-Geschichtsstunde, die Brücken bis in die Gegenwart schlug. Getanzt wurde, wie in der ganzen Spielzeit, in mitreißender Bestform.

Von „Schwanensee“ über „Nussknacker“ bis „Romeo und Julia“: Nach einer an Handlungsballetten nicht armen Saison hat an ihrem Ende jeder und jede in der Kompanie sichtbar verinnerlicht, dass auch das kleinste Detail volle Aufmerksamkeit braucht, damit sich alle Teile zu lebendiger Kunst addieren. Perfektioniert wurde die zum Erbgut des Stuttgarter Balletts gehörende Praxis auch am Neuzugang „Anna Karenina“. John Neumeiers 2017 uraufgeführtes Tolstoi-Ballett bot nicht nur eine dramatische Paraderolle für Miriam Kacerova, sondern Tanzstoff für viele Beteiligte, dazu flotte Szenenwechsel und eine verblüffend moderne Musikauswahl.

Bei „Anna Karenina“ wirkt vieles illustriert statt erfühlt

Spannend ist vor allem der Vergleich mit John Crankos Erzählweise, in der Gefühle, Tanz und Musik einander harmonisch bedingen, sogar vertiefen. In „Anna Karenina“ dagegen bremsen theatrale Gesten und sperrige Bewegungen die Wucht des Dramas aus; statt erfühlt wirkt vieles nur illustriert. Ein hausgemachtes, neues Handlungsballett ist immer ein Risiko. Doch dieser Mut hätte den Stuttgartern besser gestanden als die Hamburger Leihgabe.

Zum Saison-Finale gab’s mit „Romeo und Julia“ Hausgemachtes und viele Abschiede, der Intendant selbst spielte das Blumenmädchen: Mackenzie Brown gehört zu den Scheidenden; die Erste Solistin tanzt fortan nur noch als Gast in Stuttgart. Sträuße gingen zudem an Clemens Fröhlich, der seine Tänzerkarriere in der Rolle des Paris beendete, und an Musikdirektor Mikhail Agrest, dessen Vertrag nicht verlängert worden war. Auch der Dirigent, mit eigenwilliger Tempi-Forcierung den Tanzenden nicht immer ein verlässlicher Partner, gab alles und sorgte für ein versöhnliches Finale, seine Blumen reichte er großzügig ans Orchester weiter.

Info

Sommerpause?
Einige Mitglieder der Kompanie trotzen den Ferien und sind auf internationalen Bühnen aktiv, so zum Beispiel Rocio Aleman in Athen, Anna Osadcenko und Jason Reilly in Palermo, Friedemann Vogel in Rom. Fabio Adorisio begleitet das Workshop-Sommerprogramm, das die Cranko-Schule in New York auf Initiative der Organisation A.S.E. Global Bridges für den Tanznachwuchs anbietet.

Preis
Friedemann Vogel war zum Ende der Ballettsaison auf Capri, wo ihm am 26. Juli der Capri Danza International Award verliehen wurde. Mit dieser Auszeichnung werden Künstlerpersönlichkeiten gewürdigt, die durch außergewöhnliche Interpretationen und eine herausragende Bühnenpräsenz die Welt des Tanzes bereichern.

Neustart
Am 20. September wird das neue Stuttgarter Ballett Annual in der Stadtbibliothek präsentiert, am 21. September laden die Staatstheater Stuttgart zum Theaterfest ein. Tanzend startet das Stuttgarter Ballett mit einer Gruppe von Ersten Solistinnen und Solisten beim New Yorker Festival „Fall for Dance“ am 26. und 27. September in die neue Saison, die ganze Kompanie vom 8. bis 12. Oktober mit „Onegin“ auf Gastspiel in Washington. Die ersten Vorstellungen in Stuttgart gibt es ab 19. Oktober mit „Anna Karenina“.

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