Rückblick: USA 1918-29 Das Zeitalter des Jazz

Das Jazzensemble von Bix Beiderbecke in Chicago 1925 Foto: imago/Kharbine Tapabor

Die 1920er Jahre in den USA gelten als goldene Ära der Jazzmusik. Woher kam und wie behauptete sich der Musikstil, der vor einem Jahrhundert von New Orleans und Chicago aus Europa eroberte?

Chicago - Der junge US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald schrieb 1920 elf Kurzgeschichten, die zwei Jahre später als „Tales of the Jazz Age“ erschienen sind. „Zeitalter des Jazz“ nennt man in Amerika seither die Epoche nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und vor dem Schwarzen Freitag, der 1929 eine gewaltige Weltwirtschaftskrise auslöste.

 

Wenn man sich mit der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt, fällt auf, dass jedes Jahrzehnt von tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen geprägt ist, die Brüche und kulturellen Stilwandel zur Folge hatten. Besonders augenfällig wird das beim Jazz. Wobei man hier zwischen dem Jazz made in USA und dem europäischen Jazz unterscheiden sollte.

Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg wurde New Orleans 1917 zum Kriegshafen. Der überbordende Amüsierbetrieb der Stadt wurde auf Anweisung von Präsident Wilson „wegen moralischer Gefährdung der Truppe“ kurzerhand eingestellt. Das bedeutete nicht nur das finanzielle Ende von zahlreichen Damen des horizontalen Gewerbes, sondern auch von Hunderten von schwarzen und weißen Jazzmusikern. Die zogen scharenweise nach Chicago, die windige Stadt am Michigan See, wo Ragtime und Dixieland sich mit dem Blues der Großstadt einließen. Eine Verbindung, die alle folgenden Jazzstile beeinflussen sollte.

In Chicago wurden die ersten Schallplatten mit New-Orleans-Jazz aufgenommen

Es begann die Zeit der Soli, der Chorusse, wie die Jazzer sagen. Hier – und nicht in New Orleans – wurden die ersten Schallplatten mit New-Orleans-Jazz für das immer populärer werdende Grammophon aufgenommen. Der Kornettist King Oliver war hier Bandleader, und sein Schüler Louis Armstrong gründete in Chicago die legendären „Hot Five“ und „Hot Seven“. Viele Leute hielten sich nicht an das herrschende Alkoholverbot der Prohibition, und die Mafia riss das Geschäftsleben immer mehr an sich. Es ging hoch her – wie das in der Filmkomödie „Manche mögen’s heiß“ von Billy Wilder gezeigt wird. Der coole Trompeter Bix Beiderbecke stieg in Paul Whitmans Bigband ein – der Stuttgarter Jazzklub Bix ist nach ihm benannt. Duke Ellington dominierte mit seinem Jazzorchester die Szene, George Gershwin führte seine „Rhapsody In Blue“ auf, und ein mysteriöses Genie namens Thelonius Monk faszinierte mit seinem löchrigen und spannenden Klavierspiel die Jazzfans.

In Deutschland sang unterdessen Richard Tauber „Ich küsse Ihre Hand Madame“, die laszive Marlene Dietrich, von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, schwärmte vom „Schönen Gigolo“. Dank Radio und Schellackplatten begann nun auch im vom Versailler Friedensvertrag und einer Hyperinflation gebeutelten Deutschland ein wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Aufschwung. Die Lufthansa wurde gegründet, Insulin und Penicillin wurden erfunden, der Dieselmotor entwickelt, Einstein erhielt den Nobelpreis, Joyce schrieb „Ulysses“, Kafka „Der Prozess“, die ersten Comics mit Titelfigur Tarzan erschienen, Surrealismus und Dadaismus mischten die Kunstszene auf, Schönberg komponierte Zwölftonmusik, Dix malte in altmeisterlicher Technik sein „Tryptichon“, das Bauhaus revolutionierte die Architektur, im Kino liefen Murnaus „Nosferatu“, Chaplins „Goldrausch“ und mit Alan Croslands „ Der Jazzsänger“ der erste kommerzielle Tonfilm.

Die Menschen wollten sich nach dem Krieg wieder amüsieren

Die Menschen hatten genug vom Elend des Kriegs und wollten – auch wenn die meisten arm waren – sich austoben und Spaß haben. Sie standen auf Charleston, Foxtrott oder Shimmy und tanzten nicht bloß in Berlin die Nächte durch, sie rauchten mit langen Zigarettenspitzen, und manche(r) puderte sich die Nase. Da kam der Jazz, den Konservative naserümpfend ablehnten, gerade recht.

Deutschland hatte nach der Nazizeit in Sachen Jazz Nachholbedarf. Beim Tanztee im Berliner Esplanade oder im Stuttgarter Excelsior, wo Lale Andersen Seemannslieder sang und Joachim Ringelnatz anstößige Gedichte vorlas - überall vibrierte die Luft von swingenden Jazz-Tunes. Selbst klassische Komponisten wie Paul Hindemith oder Kurt Weill nahmen Jazz in ihre Tonsprache auf.

Und heute? Nach siebzig Jahren Demokratie und Frieden sagen achtzig Prozent der Deutschen, es gehe ihnen gut oder sogar sehr gut. Die restlichen zwanzig Prozent verderben in den sozialen Medien mit ihrer Unzufriedenheit und ihrem Hass die Stimmung im Land. Es ist verständlich, dass in der Unübersichtlichkeit einer globalisierten Welt konservative Werte wie Familie, Heimat und Vaterland Zuspruch gewinnen. Das ist auch gut so. Doch zeigt sich überall da, wo Populisten an der Macht sind, dass demokratische Institutionen geschwächt und bürgerliche Freiheiten ausgehöhlt werden. Die Weimarer Republik, die in der Katastrophe eines weiteren Weltkrieges endete, der gut fünfzig Millionen Menschen das Leben kostete, sollte allen hierzulande eine Lehre sein.

Der Jazz wiederum, der sich inzwischen populären Musikformen wie Pop, verschiedenen ethnischen Stilen, Electro, Avantgarde oder Fusion geöffnet hat, trägt zur Vielfalt unseres gesellschaftlichen Lebens bei. In Klubs und Jazzkeller, zu großen und kleinen Festivals strömen Menschen, um zusammen eine gute Zeit zu haben. Dabei lernen sie – fast wie von selbst – präzises Hören und selbstständiges Denken.

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