Souverän ging die 63-Jährige so mit einer Entscheidung um, die allenthalben als elegant verpackte Teil-Entmachtung gewertet wurde. Sie verliert im Vorstand die Zuständigkeit für den Vertrieb, die sie erst vor gut zwei Jahren zusätzlich übernommen hatte. Künftig solle sie sich wieder „voll und ganz“ um den Bereich Personal und Recht kümmern, verkündete der neue EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos nach dem Plazet des Aufsichtsrats.
Tausende neue Mitarbeiter werden benötigt
Das dürfte weder die Idee noch der Wunsch von Rückert-Hennen gewesen sein, aber begründen lässt es sich allemal. Im Personalbereich steht der Energiekonzern vor gewaltigen Herausforderungen: Bis zum Jahr 2026 sollen mehr als 9600 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden, bis 2030 muss angesichts des demografischen Wandels gar die Hälfte der heute 28 000-köpfigen Belegschaft ausgetauscht sein. Nur wenn sich die nötigen Fachkräfte finden, kann die EnBW ihre großen Pläne für die weitere Energiewende samt Milliarden-Investitionen verwirklichen.
Der Abschied vom Vertriebsressort dürfte die ehrgeizige Juristin indes stärker treffen, als sie zu erkennen gibt. Für sie war das neue Aufgabenfeld eine Chance, auch nach außen stärker in Erscheinung zu treten. Gerne erzählte sie, dass ihr das Verkaufen und der Kundenkontakt gleichsam im Blut lägen: Schon als junges Mädchen habe sie im Geschäft ihres Vaters in Leverkusen mitgeholfen – und ihre Freude am Unternehmertum entdeckt. Ihre Botschaft: Wer so früh in die Verantwortung genommen werde, den schrecke so schnell nichts.
Große Baustellen auch im Vertrieb
Doch auch der Vertrieb erwies sich als höchst herausfordernd. Probleme beim Heimspeicher-Hersteller Senec in Leipzig belasteten den Mutterkonzern EnBW mit hunderten Millionen Euro: Nachdem einzelne Geräte explodiert waren und in der Folge alle gedrosselt wurden, erhalten die Kunden nun kostenlos die neuesten Module. Als Vollprofi und alter Hase soll Vize-Vorstandschef Thomas Kusterer die Restrukturierung begleiten, ehe Senec dann in die Zuständigkeit des künftigen Vertriebsvorstandes Dirk Güsewell fällt.
Auch der rasante Ausbau des E-Lade-Netzes, noch vorangetrieben unter dem früheren EnBW-Vorstandschef Frank Mastiaux, bleibt eine große Aufgabe: allmählich sollten sich die enormen Investitionen auszahlen.
Die Doppelzuständigkeit von Rückert-Hennen wurde auch deshalb zusehends kritisch gesehen, weil im Personalbereich ebenfalls nicht alles rund lief. Insgesamt wird ihr da hohes Engagement bescheinigt. Gelobt wird etwa ihr Einsatz für mehr Diversität im Konzern, die ihr ein großes Anliegen sei, oder ihre Rolle als Verhandlungsführerin der Arbeitgeber bei Tarifverhandlungen; zuletzt wurde da rasch und geräuschlos ein für alle Seiten akzeptabler Abschluss erzielt. Doch im vorigen Jahr eskalierte eine Krise um ihre engste Vertraute, die auch für sie gefährlich zu werden drohte.
Engste Mitarbeiterin verlässt die EnBW
Die Bereichsleiterin für Strategie und Transformation, eine Weggefährtin schon von früheren Stationen, hatte sich in der EnBW zusehends unbeliebt gemacht. Ihre Devise lautete zwar „Der Mensch im Mittelpunkt“. Doch ihr Führungsstil wurde teilweise als wenig empathisch und abgehoben empfunden, viele Beschäftigte fühlten sich von ihren Vorhaben überrollt. Schließlich wandte sich der Betriebsrat an den damaligen Konzernchef Andreas Schell: man sehe keine Möglichkeit mehr, mit der Managerin zusammenzuarbeiten. „Auf eigenen Wunsch“ verließ sie am Ende die EnBW, heute ist sie als Beraterin tätig.
Damals wurde öfter gefragt, ob sich Rückert-Hennen wohl halten könne – trotz ihres vorzeitig bis 2027 verlängerten Vertrages. Ihr Verhältnis zu Schell galt als angespannt, bis heute halten sich im Konzern – offiziell dementierte – Gerüchte über eine erfolglose Mediation. Schließlich verließ Schell unter erheblichem Druck die EnBW, offiziell wegen Differenzen über die künftige Ausrichtung. Tatsächlich soll er sich als Branchenfremder bis zuletzt schwer getan haben, im Vorstand wuchs das Unverständnis über ihn.
Entmachtung ist Gesprächsthema im Konzern
Mit dem neuen EnBW-Chef Stamatelopoulos, hört man, sei in dem Gremium wieder der alte, kollegiale Geist eingekehrt. Auch Rückert-Hennen hat offenbar einen guten Draht zu ihm, was ihr die Abgabe des Vertriebsressorts erleichtert haben mag. In der Belegschaft ist die Entmachtung natürlich ein großes Gesprächsthema, nicht nur bei der Versammlung neulich. Doch so oft und ausführlich sich die Vorständin im Berufsnetzwerk Linked-in äußert, gerne zu Fragen von Leadership, Veränderungen oder dem Ende „geradliniger Berufsbiografien“ – ihr persönlicher Karrieredämpfer war dort noch kein Thema.