Rückkehr ausgeschlossen Ein junger Russe erzählt von seiner Flucht

Mit der Invasion der Ukraine ändert sich alles für Alexej. Foto: IMAGO/Wirestock

Ein neues Land, eine fremde Sprache und eine Vergangenheit, die ihn nicht loslässt: Der gebürtige Russe Alexej Makarov muss alles zurücklassen, um ein neues Leben zu beginnen. Über seine Reise ohne Rückkehr.

Die Tasse Tee in seinen Händen wärmt Alexej Makarow an diesem kalten Morgen nur wenig. Er blickt auf die verschneiten Straßen seiner neuen Heimat, doch in Gedanken ist er in Russland – dem Land, das er einst geliebt hat. Seinen aktuellen Aufenthaltsort möchte er aus Selbstschutz nicht verraten. „Der Begriff ‚Flucht‘ fühlt sich nicht richtig an. Ich war zuerst ein Tourist, doch als die Situation in Russland immer schlimmer wurde, blieb mir keine Wahl.“ Diese Worte klingen fast nüchtern, doch der Blick des jungen Mannes verrät, wie sehr ihn diese Entscheidung geprägt hat.

 

Alexej Makarow, Mitte 30, wächst in einem kleinen Dorf im Ural auf. Später zieht er nach Moskau, wo er sich ein Leben aufbaut – erfolgreich, wie er selbst sagt. Doch auch in der scheinbaren Sicherheit der Großstadt spürt er die Unruhe. „Man wusste, dass es gefährlich ist, sich offen zu äußern. Ich kannte einige, die die Regierung kritisierten, aber es waren wenige. Die Angst war zu groß, die Konsequenzen zu schwerwiegend“, erzählt der gebürtige Russe nachdenklich.

Mit der Invasion der Ukraine ändert sich alles. „Irgendwann konnte ich nicht mehr schweigen.“ Seine Worte der Kritik in sozialen Medien und seine Verbindung zu Menschen, die den Krieg offen als solchen benennen, bleiben nicht unbemerkt. Seine Reichweite auf Instagram wächst stetig. Die Stimmung um Alexej Makarow wurde immer bedrohlicher. „Plötzlich war man nicht mehr nur ein Kritiker, sondern ein Verräter.

„Es war eine harte Zeit, aber sie hat mir auch gezeigt, wie wichtig Freiheit ist“

Alexej Makarow entscheidet sich, Russland zu verlassen. Anfangs war es nur ein Urlaub, ein vorübergehendes Entkommen aus der drückenden Enge. Doch bald wird klar, dass eine Rückkehr nicht mehr zur Diskussion steht. Seine öffentliche Kritik am Kreml hatte ihn ins Visier der Behörden gebracht. „Ich wusste, wenn ich zurückgehe, bin ich nicht sicher.“ Er erinnert sich an die ersten Wochen in einem Auffanglager, dessen genauer Ort zum Schutz seiner Person nicht genannt werden soll. „Das waren Momente, die ich nie vergessen werde. Die Enge, die Kälte, das Warten. Es war eine harte Zeit, aber sie hat mir auch gezeigt, wie wichtig Freiheit ist.“ Alexej Makarow hat seine Familie, seinen Job und seine Freunde in Russland zurückgelassen. Seine geliebte Katze muss bei Freunden untergebracht werden. Der Kontakt zu ihnen ist spärlich, belastet durch die Angst vor Überwachung. „Jedes Gespräch könnte uns beide in Gefahr bringen“, sagt er.

Dennoch bleibt er aktiv. Über Social-Media-Kanäle spricht er über seine Erfahrungen, äußert weiterhin Kritik und beschreibt die Situation in seiner Heimat. „Es wäre einfacher, zu schweigen“, gibt er zu. „Aber ich sehe, was passiert, und ich kann dabei nicht still bleiben.“ Die Entscheidung, im Reiseland zu bleiben, hatte auch finanzielle Konsequenzen. „Ich hatte keinen Zugang mehr zu meinen Konten, keine Möglichkeit, mein Leben zu finanzieren. Alles, was ich hatte, musste ich hinter mir lassen.“ Trotzdem fühlt er sich freier als je zuvor.

Seine Heimat existiert nicht mehr

„Meine Heimat wurde mir genommen“, sagt Alexej Makarow, während er aus dem Fenster blickt. „Russland, das Land, das ich liebte, existiert so nicht mehr. Es wurde durch ein System ersetzt, das Menschen einschüchtert und Freiheit nimmt.“ Für Alexej Makarow ist der Gedanke, eines Tages zurückzukehren, ein ferner Traum: „Wenn sich das System ändert, wenn die Gesetze, die Freiheit ersticken, abgeschafft werden – dann vielleicht.“ Diese Aussage lässt ihn müde lächeln, denn bis dahin bleibt ihm seine Stimme.

Seine Botschaft an die Menschen in Deutschland ist eindringlich. „Stellt euch vor, euer Zuhause wird in einen Albtraum verwandelt, und ihr könnt nichts dagegen tun. Das ist meine Realität“, verdeutlicht der junge Mann mit brüchiger Stimme. Alexej Makarows Geschichte zeigt nicht nur die persönliche Tragödie eines Mannes, der alles zurücklassen musste. Sie ist auch ein Zeugnis für Mut und Widerstand in einer Zeit, in der Schweigen oft einfacher wäre.

Anmerkung: Der Name und persönliche Daten wurden zum Schutz der Identität geändert. Dieser Text erschien erstmals in der MediaKompakt – Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing der Hochschule der Medien Stuttgart

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