Rückkehr der Wölfe Die Gewehre bleiben im Schrank

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Rund 60 Jäger hören sich die wissenschaftliche Sicht auf die bevorstehende Rückkehr des Wolfes an. Wie sie ihn gern empfangen würden, bleibt unausgesprochen.

Bisher lebt nur ein Wolf in Baden-Württemberg, vielleicht sind es zwei. Foto: dpa
Bisher lebt nur ein Wolf in Baden-Württemberg, vielleicht sind es zwei. Foto: dpa

Herrenberg - Zwar war er nicht in Griechenland, aber Peter Sürth ist sicher: „Das waren keine Wölfe, das waren Hunde.“ Als Beweis für den Umkehrschluss würde er ausschließlich einen DNA-Test akzeptieren. Sürth spricht von dem noch immer schwelenden Streit, welche Tiere im September vergangenen Jahres in Nordgriechenland eine Touristin getötet haben. Wer behaupte, dass es Wölfe waren, sei entweder ahnungslos oder lüge, gleich ob der Gerichtsmediziner oder die Presse. „Das kommt ja öfter mal vor“, sagt Sürth.

Womit einmal mehr an diesem Abend unvereinbare Meinungen aufeinanderprallen. Rund 60 Jäger sind gekommen, um die Erkenntnisse des Wissenschaftlers über Wölfe zu hören. Wozu braucht Baden-Württemberg den Wolf? Das fragen sie etliche Male. Wie sie die Räuber empfangen würden, bleibt unausgesprochen. Sie dürfen wildernde Hunde schießen. Sie dürfen Reh und Wildschwein schießen. Warum keinen Wolf? Das fragen sie sehr wohl. Der Abschuss kann 50 000 Euro kosten. Also bleiben die Gewehre im Waffenschrank. Der Naturschutzbund fordert auch ein Verbot, Hunde zu schießen. Nicht um der Hunde willen, weil ein Jäger einen Hund mit einem Wolf verwechseln könnte.

Drei von vier Deutschen freut die Rückkehr der Wölfe

Die Grundsatzfrage „stellt sich nicht, die Wölfe kommen so oder so“, sagt Sürth. Der Mensch habe kein Recht, gleich welchem Tier ein Leben in der Natur zu verwehren. Diese Meinung teilt er mit drei von vier Deutschen. Ohnehin hält Sürth die Rückkehr der Räuber nur für eine organisatorische Frage. Die Tierhaltung im Freiland sei ein Problem, ja. „Wir haben Strukturen entwickelt, die nicht zum Wolf passen“, sagt er, „wir müssen unter Umständen das ganze Konzept ändern.“

Sürth hat einst Wildtiermanagement studiert. Das Fach beschäftigt sich mit der Frage, wie Mensch und Tier gedeihlich nebeneinander leben können. Sürth beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Wölfen. Einen hat er mitgebracht, als Foto auf Holz, in Lebensgröße. Es ist ein Rüde, aufgewachsen in Gefangenschaft. Mit ihm an der Kette ging Sürth gar spazieren. Der Kern seiner Botschaft ist: Für Menschen sind die Räuber ungefährlich. Angriffe seien möglich, aber so selten, dass sie im Grundrauschen der allgemeinen Lebensrisiken unhörbar bleiben. Sürth klatscht in die Hände und zischelt. „Das ist Pseudovertreiben“, sagt er, die erfolglose Art, einen Wolf zu verscheuchen. „Ein Rumäne nimmt eine Harke und rennt auf ihn los.“ Dann verschwinde der Wolf.

Wölfe in der Stadt sind in Rumänien Alltag

Sürth zeigt einen Filmausschnitt. Die österreichische Biologin Gudrun Pflüger hockt in Kanada auf einer Wiese. Ein Wolfsrudel umzingelt sie, riecht an ihr, stupst sie, ohne jedes Zeichen von Angriffslust. Diese Begegnung „hat ihr geholfen, ihr schweres Schicksal zu ertragen“, vermerkte das ZDF als Schlusswort zur Szene. Pflüger litt an Krebs, inzwischen ist sie geheilt. Einen anderen Film hat Sürth selbst aufgenommen. Ein Wolf streunt durch die Stadt, am hellen Tage. Die Fußgänger sehen sich nicht einmal um. Es ist die rumänische Stadt Brasov, zu deutsch Kronstadt, das Zentrum eines Ski- und Wandergebiets. 250 000 Menschen leben in ihr, mehrere Wolfsrudel in den umliegenden Wäldern. Dass die Raubtiere über die Straßen traben, auf der Suche nach Fressbarem oder schlicht, um Umwege zu vermeiden, ist Alltag. „Sie waren nie eine Gefahr“, sagt Sürth.

Ein Wolfsrudel beansprucht 200 Quadratkilometer Fläche als Revier. Womit im Kreis Böblingen drei Rudel heimisch werden könnten. Platz und Nahrung fänden sie reichlich. Mehr als ein Drittel der Fläche ist Wald, mehr als 40 Prozent nutzen Landwirte. Sürth rechnet vor, dass ein Rudel etwa 550 Wildtiere pro Jahr reißt. Umgerechnet auf die Fläche, schießen die Jäger ziemlich genau doppelt so viele.

„Irgendwann haben wir genug Wölfe, wo ist die Grenze?“ Das will Claus Kissel wissen, der Kreisjägermeister. „Das sehe ich auch so“, sagt Sürth, „wenn die entsprechende Population erreicht ist, wird der Schutzstatus herabgesetzt.“ Dann könnten die Jäger ihre Gewehre aus den Waffenschränken holen. Bisher lebt in Baden-Württemberg ein Wolf, vielleicht sind es zwei. Darüber, welche Population angemessen ist, wird heute schon gestritten.