Rückkehr in Schule und Kita Experten und Politiker sind gespalten

Von red/dpa 

Welche Rolle spielen Kinder im Corona-Infektionsgeschehen? Die Fachwelt ist gespalten. Während manche Länder schon den Regelbetrieb planen, mahnt der Gesundheitsminister zur Vorsicht.

Berlin - Der Streit über die Wiederöffnung von Schulen und Kindergärten in der Corona-Krise verschärft sich. Immer mehr Bundesländer planen inzwischen eine schrittweise Rückkehr zum Regelbetrieb - obwohl es bisher keine gesicherten Erkenntnisse über die Ansteckungsgefahr gibt, die von Kindern ausgeht.

„Die Wahrheit ist, dass wir aktuell eine Studienlage haben, die keine echten Schlüsse zulässt, inwieweit Kinder zur Verbreitung des Virus beitragen“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn der „Augsburger Allgemeinen“. „Da gibt es sehr unterschiedliche Bewertungen - und das macht es besonders schwer, politische Entscheidungen zu treffen.“

Spahn: Fast täglich neue Erkenntnisse über Coronavirus

Spahn wies darauf hin, dass es fast täglich neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Virus gebe. Das zwinge auch die Politik, Einschätzungen zu verändern und Maßnahmen anzupassen. „Besonders schwierig sind die Bereiche Kindergarten und Schule“, sagte er.

Lesen Sie hier: Studie – Kitas sind keine Virenschleudern

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, hatten alle Bundesländer Mitte März Schulen und Kitas geschlossen. Inzwischen werden der Schulbetrieb und die Betreuung in den Kitas überall schrittweise wieder hochgefahren, eine einheitliche Linie gibt es aber nicht.

Schleswig-Holstein zum Beispiel hatte am Mittwoch entschieden, dass dort alle Grundschüler schon vom 8. Juni an wieder zur Schule gehen sollen - und zwar ohne Abstandsregeln. Die Kitas sollen Anfang Juni von der Notfallbetreuung in den eingeschränkten Regelbetrieb gehen können. Bis zum Beginn der Sommerferien am 29. Juni sollen die Kitas wieder landesweit zu 100 Prozent ausgelastet sein.

Gewerkschaften sehen Gefahr für Erzieher und Lehrer

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht dadurch die Gesundheit von Erzieherinnen und Lehrkräften gefährdet. Man halte die Pläne für verfrüht, sagte die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke. Je größer die Gruppe, desto größer sei die Gefahr für die Gesundheit der Pädagogen: „Bürgerinnen und Bürger sollen weiterhin untereinander 1,5 Meter Abstand halten. Für 25 Kinder in oft zu kleinen und nur schlecht zu belüftenden Grundschulklassen soll das aber nicht gelten. Was für ein Widerspruch!“, kritisierte Henke.

Aus unserem Plus-Angebot: Kita-Öffnung – ein fälliger Schritt

Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, warnte davor, den Schulbetrieb bereits jetzt wieder voll aufzunehmen. „Das setzt nämlich ein völlig neues Hygiene- und Gesundheitsschutzkonzept voraus, das man nicht so einfach aus dem Hut zaubern kann“, sagte Meidinger der „Passauer Neuen Presse“.

Wenn man auf Abstandsregeln verzichten und alle Schüler in den Präsenzunterricht zurückholen wolle, würden Atemschutzmasken im Unterricht, umfassende Testungen, kleine Lerngruppen während des gesamten Schultags und regelmäßige Lüftungen notwendig. „Das derzeit geltende Hygienekonzept der Kultusministerkonferenz müsste komplett überarbeitet werden“, so Meidinger.

„Wir bekommen es womöglich mit einer verlorenen Generation zu tun“

Das Deutsche Kinderhilfswerk warnte hingegen vor gravierenden Folgen für Kinder und Jugendliche, wenn Schulen und Kitas nicht bald wieder vollständig öffnen sollten. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Kollateralschäden auswachsen“, sagte Präsident Thomas Krüger der „Welt“. Das Fehlen der gewohnten Lehr- und Lernumgebung sei ein schwerer Eingriff in die Lebenswelt und die Grundrechte der Kinder, der auch ihre psycho-soziale Entwicklung beeinträchtige.

Zu befürchten seien außerdem spätere Nachteile auf dem Arbeitsmarkt: „Wir bekommen es hier, wenn wir nicht schnell den Weg der vollständigen Öffnung von Schulen und Kitas gehen, womöglich mit einer verlorenen Generation zu tun“, sagte Krüger.

Die Linke bekräftigte ihre Forderung, noch vor der Sommerpause zu einem Gipfeltreffen im Kanzleramt einzuladen. „Ein wesentliches politisches Ziel der kommenden Wochen sollte es sein, dass mit dem Ende der Sommerferien bundesweit Schulen und Kitas ihren Regelbetrieb wieder aufnehmen können“, sagte Fraktionschef Dietmar Bartsch der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.




Unsere Empfehlung für Sie