Rückkehr zu G 9 So reagieren Stuttgarter Privatschulen auf die Schulreform

In Baden-Württemberg soll das Abitur nach neun Jahren wieder die Regel werden. Foto: picture alliance/dpa/Silas Stein

Die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in Baden-Württemberg stellt auch die Privatschulen vor Herausforderungen. Wie gehen sie mit der Entscheidung um?

Eigentlich wollte die Freie Evangelischen Schule (FES) in Möhringen von Anfang an ein neunjähriges Gymnasium haben. Doch dafür gab es keine Genehmigung, eine weitere G-9-Modellschule im Privatschulbereich war nicht gewünscht. Also startete die FES mit G 8, inzwischen gibt es Fünft- und Sechstklässler. Sie werden wohl die einzigen sein, die dort nach acht Jahren das Abitur machen. Denn in Baden-Württemberg soll der neunjährige Weg zur allgemeinen Hochschulreife wieder die Regel werden. Das wirkt sich natürlich auch auf die Privatschullandschaft aus. Die Schulleitungen in Stuttgart blicken den nun anstehenden Veränderungen jedoch gelassen entgegen.

 

Momentan seien noch zu viele Punkte offen, um abschätzen zu können, was genau die Schulreform für die FES bedeutet, sagt zum Beispiel der Geschäftsführer Jens Geiger. Larissa Nanz, die Leiterin des allgemeinbildenden Gymnasiums an der FES, ergänzt: „Es steht noch nicht fest, wie das zusätzliche Jahr gefüllt werden soll.“ Wichtig ist für sie die Frage, ob die Schulen damit mehr Möglichkeiten bekommen, ihr Profil zu entwickeln. Und sie wünscht sich, dass die zweite Fremdsprache wieder in der siebten Klasse starten kann. Die FES bietet auch ein berufliches Gymnasium an. Für dieses sei eine Rückkehr zu G 9 aber keine Gefahr. „Die Realschule gibt es ja weiterhin, für die braucht es einen Anschluss“, sagt Larissa Nanz. Zudem habe das berufliche Gymnasium eigene Schwerpunkte.

Das Kollegium stehe einer Rückkehr zu G 9 offen gegenüber, so die Einschätzung der Rektorin. Allerdings seien die ständigen Schulreformen für ein kontinuierliches Arbeiten nicht hilfreich. Auch der Schulträger müsse so immer wieder neu planen, ergänzt Jens Geiger. „Ein zusätzliches Jahr bedeutet zusätzliches Personal in Zeiten von Lehrerknappheit“, nennt der Geschäftsführer ein Beispiel. Zudem brauche es mehr Räume, was höhere Investitionen bedeute, ohne dass absehbar sei, dass das Land die Förderung der Privatschulen ausbaue.

Wieso holt man sich nicht bei den G9-Modellschulen Rat?

Das Kolping-Bildungswerk bietet in Stuttgart bereits ein neunjähriges Gymnasium. „Mich wundert es, dass wir seit Jahren einen Schulversuch mit G-9-Modellschulen haben, der Milliarden kostet, und wir das neunjährige Gymnasium nun trotzdem neu erfinden“, sagt der Geschäftsführer Klaus Vogt. Wenn schon eine Reform, dann plädiere er dafür, behutsam vorzugehen und auf Bestehendem aufzubauen.

Grundsätzlich befürworte er das längere Lernen. Vor allem, um den Jugendlichen mehr Zeit zu geben, bevor sie in den Beruf oder ins Studium wechseln, denn da seien manche mit 17 Jahren „etwas verloren“. „Wir machen seit Jahren G 9, und wir machen es gut, insofern kann ich kein Gegner einer Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium sein“, stellt Klaus Vogt klar. Allerdings: „Wenn man es vom System her denkt, braucht man G9 nicht, weil wir ein hervorragendes berufliches Schulsystem haben.“

An derzeitigen G-8-Schulen braucht es künftig mehr Räume und Lehrer

Was Raum- und Lehrerkapazitäten betreffe, sei das Kolping-Bildungswerk im Vorteil. Da man bereits ein G 9 sei, werde es da keine Engpässe geben. „Ich bin gespannt, wie das in anderen Bereichen gelöst wird“, sagt Vogt mit Blick auf die G-8-Schulen. Hinzu komme, dass mit der Rückkehr zu G 9 andere Schularten Kinder beziehungsweise Jugendliche verlieren würden, unter anderem die beruflichen Gymnasien. Eine Daseinsberechtigung hätten diese aber auch künftig, betont der Geschäftsführer. Denn diese böten eine ganz andere Form und Fokussierung des Lernens sowie einen Praxisbezug.

Sorge, dass eine allgemeine Rückkehr zu G 9 zu einem Ausbluten des allgemeinbildenden Gymnasiums am Kolping-Bildungswerk führt, hat Klaus Vogt nicht. „Privatschulen haben einen klaren Auftrag und müssen das Schulsystem ergänzen und bereichern. Wenn wir ohnehin das gleiche machen würden wie der Staat, dann hätten wir gar keine Existenzberechtigung. Wir sind qua Gesetz zur Innovation verpflichtet“, sagt er.

Keine Begeisterung an der Degerlocher Waldschule

An der Degerlocher Waldschule ist man nicht begeistert über die Schulreform. „Mit dem jetzigen Modell haben wir 20 Jahre gut gelebt“, sagt der Gesamtleiter Kai Buschmann. Am Standort gibt es eine Grundschule, ein G-8-Gymnasium, eine Realschule sowie einen dreijährigen Aufsetzer, der zum Abitur führt. Buschmann findet, bei den Grundschulen, den Werkrealschulen, den beruflichen und den Förderschulen wären die Ressourcen, die nun wegen G 9 gebunden werden, besser aufgehoben.

In den Gremien der Schule ist die Reform bereits Thema. Zum Jahresende werde man in der Mitgliederversammlung beschließen, wie vorgegangen wird. Buschmann kann sich allerdings nicht vorstellen, dass die Waldschule an G 8 festhalten wird, wenn G 9 zum Standardmodell werde.

Was unterscheidet den Aufsetzer vom neunjährigen Gymnasium?

Er sieht es als Aufgabe, in Zukunft zu erklären, was das neunjährige Gymnasium vom Modell sechs Jahre Realschule und drei Jahre Aufsetzer unterscheidet. Er sei aber „gelassen“ und sich sicher, dass man das hinkriegen werde – gefährdet sieht er das Aufsetzermodell jedenfalls nicht. „Der Lernweg ist ein anderer“, sagt Buschmann. Der Weg über die Realschule eigne sich zum Beispiel für diejenigen, die noch warten wollten mit der zweiten Fremdsprache. Es gebe weiterhin „gute Argumente“ für diesen Lernweg, dazu zählten auch die dort angebotenen Profilfächer.

Eltern dürften zudem nicht der Vorstellung erliegen, dass das neunjährige Gymnasium leicht werde. Für den Schulträger bedeutet die Umsetzung von G 9 noch eine andere Herausforderung: „Bis 2030 müssten wir neue Räumlichkeiten schaffen“, sagt Buschmann. Auch Lehrkräfte fehlten dann. Denn in 17 Fächern müssten sie mehr Unterrichtsstunden anbieten können.

Das Evangelische Mörike hat ebenfalls ein Aufsetzergymnasium für die Realschüler neben einem G-8-Gymnasium. Wie sich die Schule positioniert und ob sie wie Stand jetzt die Waldschule am Aufsetzer festhalten wird, wenn G 9 kommt, ist noch unklar. Aktuell könne er noch nichts zur Auswirkung der Reform auf das Mörike sagen, erklärt der Schulleiter Daniel Steiner.

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