Viele dieser Wünsche haben sich aber nicht erfüllt. Da der 40-Jährige noch immer auf seinen Flüchtlingsbescheid wartet, darf er nicht arbeiten. Die Familie ist weiterhin in Damaskus und seine durch Bomben erlittenen, schweren Verletzungen an Becken und Wirbelsäule kaum behandelbar. Die Enttäuschung über seine geplatzten Träume haben den Mann in die Rückkehrberatung im Landratsamt geführt. Zusammen mit Berater Labinot Ahmetaj lotet der 40-Jährige nun aus, wie ihm seine Heimkehr erleichtert werden kann. Dreimal schon suchte er die Beratung auf. Weitere Termine folgen.
Starthilfe für Syrien begrenzt möglich
Weil Syrien international noch immer weitgehend isoliert ist und wegen der anhaltenden schlechten Sicherheitslage weder diplomatische Beziehungen bestehen noch Nichtregierungsorganisationen (NGO) dort Arbeit verrichten können, kann Ahmetaj dem 40-Jährigen aber keine große Unterstützung anbieten. „Syrien ist als Rückkehrland äußerst schwierig. Wir haben dort keine sogenannten Serviceprovider, die bei der Suche nach einem Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatz oder einer Wohnung helfen können. Deshalb können wir hier nur die Flugkosten übernehmen“, erläutert der Leiter. In den meisten anderen Fällen – in Ländern wie Georgien, Tunesien oder Irak – sei dies einfacher. „Dort finden wir intaktere staatliche Strukturen und NGOs vor. Auf die können wir dann zurückgreifen“, sagt Ahmetaj. Seit 2017 arbeitet Ahmetaj, der Deutsch, Englisch und Albanisch spricht, mit einem Umfang von 80 Prozent in der Abteilung.
Katharina Pfister verantwortet die Rückkehrberatung als Amtsleiterin. Sie weiß, aus welchen Motiven Menschen das auf Freiwilligkeit beruhende Angebot nutzen. „Viele Kunden haben eine mangelnde Bleibeperspektive. Für diese Zielgruppe wurde das Angebot ursprünglich auch eingerichtet. Der Hintergedanke ist: Lieber auf eine freiwillige Ausreise mit Unterstützung setzen als auf eine staatliche Zwangsmaßnahme wie die Abschiebung“, erklärt Pfister. Darüber hinaus hegten viele Kunden, wie die Rückkehrinteressierten im Behördendeutsch heißen, aufgrund ihrer familiären Bindung in die Heimat oft den Wunsch, dorthin zurückzukehren. Ein weiteres Motiv: „Es gibt auch die Fälle, dass Menschen hier nicht richtig angekommen sind. Sie haben sich Deutschland anders vorgestellt und glauben nicht mehr, es hier soweit zu schaffen, dass sie ein gutes Leben führen können“, erzählt Pfister.
Viel investiert und riskiert – ohne Erfolg
Zu dieser Gruppe gehört auch der 40-jährige Syrer. Genau deshalb sagt die Amtsleiterin: „Er ist kein untypischer Fall. Viele sind verzweifelt darüber, dass sie sehr lange auf ihren Bescheid warten müssen. In dieser Zeit fehlen auch die Perspektiven. Man kann sich nichts aufbauen und steht nur auf „Warten“. Dazu die Trennung von der Familie – das schafft großen Frust.“ Man müsse auch bedenken, fügt Pfister an, dass viele einen hohen Preis gezahlt hätten, um hierherzukommen. „Menschen wie er haben Tausende Euro für die Reise bezahlt, ihre Familie zurückgelassen und eine lebensgefährliche Flucht auf sich genommen. Jetzt müssen sie feststellen: die Hoffnung für sich und die Familie erfüllt sich nicht immer“, erklärt Pfister.
Der Syrer bestätigt die Analyse der Amtsleiterin. „Ich bin enttäuscht darüber, dass ich nur warten muss, Tag für Tag, nicht arbeiten darf und dadurch auch seit neun Monaten meine Frau und Kinder nicht gesehen habe. Das System in Deutschland müsste dringend verändert werden.“ Der studierte Ingenieur meint damit, dass Flüchtlinge arbeiten sollen dürfen, um Kontakte zu knüpfen, die Sprache schneller zu erlernen – um anzukommen in einem eigentlich fremden Land. Die Erkenntnis, dass in Zeiten einer deutlich restriktiveren Flüchtlingspolitik und einer zunehmenden Problematisierung des Migrationsthemas so schnell kein Familiennachzug möglich sein könnte und auch seine eigene Perspektive wegen des noch fehlenden Asylstatus düster aussieht, veranlasste den Familienvater dazu, die Zelte in Deutschland abzubrechen.
Flugticket in der Tasche
Der Bedarf an Rückkehrberatungsgesprächen schwankt, genau wie die Zahl der Menschen, die im Anschluss tatsächlich ausreisen. „Viele entscheiden sich um, wollen doch bleiben. Das ist in Ordnung, denn die Beratung ist freiwillig. Wir beraten ergebnisoffen und drängen niemanden zu einer Entscheidung – weder in die eine, noch in die andere Richtung“, betont Labinot Ahmetaj. Katharina Pfister unterstreicht: „Am Ende muss jeder Mensch selbstbestimmt entscheiden, wo er und seine Familie leben will.“
Im Falle des Familienvaters ist dies wieder Syrien. Dankbar über die Hilfe von Ärzten, Sozialträgern oder der Rückkehrberatung, aber auch desillusioniert über das einstige Sehnsuchtsland Deutschland packt der 40-Jährige bald seine Koffer. Das Flugticket hat er dank der Möglichkeiten der Rückkehrberatung bereits sicher.
Rückkehrberatung im Kreis Böblingen
Einführung
2015, nach dem großen Zustrom aus Kriegsländern wie Syrien, Irak und Afghanistan, wurde im Landratsamt die Rückkehrberatung eingerichtet.
Angebot
Nicht-EU-Ausländer können das kostenfreie Angebot wahrnehmen. Unter ihnen sind auch viele Geflüchtete mit schlechter Bleibeperspektive. Aber auch solche mit theoretischer Bleibeperspektive suchen die Beratung auf.
Zahlen
Im Jahr 2023 sind 153 Menschen nach der Beratung ausgereist. Im ersten Halbjahr 2024 waren es schon 154. Etwa dreimal so viele lassen sich wegen einer möglichen Rückkehr beraten.