Jugendliche und junge Erwachsene, die vom Gericht zur Ableistung von Sozialstunden verurteilt wurden, hat das Team des Programms Reset (deutsch: neu einstellen) in den vergangenen zehn Jahren betreut. „Dass es dieses wichtige Projekt nicht mehr gibt, ist mir unverständlich“, sagt Jürgen Kleih, Vorsitzender des Reset-Fördervereins und Grünen-Stadtrat in Ostfildern. Nicht nur mit Blick auf die Bandenkriminalität, die nicht nur im Kreis Esslingen zunimmt, sei das fatal. Weil es den Trägern nicht gelungen ist, die Regelfinanzierung zu sichern, war zum Jahresende Schluss.
Das macht Nico Niese, Jugendrichter am Amtsgericht Esslingen, betroffen: „Die pädagogische Begleitung der jungen Menschen bei ihren Sozialstunden hat viel Positives bewirkt.“ Der Jurist sieht eine umfassende Arbeit mit den Jugendlichen, die straffällig geworden sind, als unverzichtbar an – ergänzend zur Jugendgerichtshilfe. So biete man den jungen Leuten Zukunftsperspektiven und zeige Alternativen auf. Dass der Kreisjugendring Esslingen als Träger der Kinder- und Jugendförderung in Ostfildern das Projekt nun aus finanziellen Gründen einstellen musste, bedauert er.
Mit den Problemen allein
Viele der Jugendlichen oder der jungen Erwachsenen, die zu Sozialstunden verurteilt werden, blieben dann mit ihren Problemen allein. Das Reset-Programm hat aus seiner Sicht vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen geholfen, Handlungsalternativen zu erproben „und wieder auf den richtigen Weg zu finden.“ Wie wichtig diese Arbeit aus der Sicht des Jugendgerichts ist, hat Niese dem Kreisjugendring Esslingen im Sommer geschrieben. Da war das Ende des Projekts schon besiegelt. Der Jurist Niese hofft inständig, dass sich im Kreis Esslingen doch wieder eine Möglichkeit findet, die jungen Straftäter sozialpädagogisch zu begleiten. Ihnen Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, ist Niese ein Anliegen. Der Bedarf ist aus seiner Sicht sehr groß.
„Es ist uns nicht gelungen, die Regelfinanzierung für das Projekt zu sichern“, sagt Ralph Rieck, der Geschäftsführer des Kreisjugendrings Esslingen. „Nach mehr als zehn Jahren sind die Möglichkeiten der Projekt- und Anschubfinanzierung ausgeschöpft.“ Für das Projekt mit zwei Stellen fanden sich zwar immer wieder kurzfristig Förderer und finanzielle Mittel, etwa über die Vector-Stiftung oder den Europäischen Sozialfonds. Doch die permanente Finanzierung ließ sich nach Riecks Worten „trotz jahrelanger Bemühungen“ nicht auf ein solides Fundament stellen. Auch seine Versuche, von der Politik Hilfe zu bekommen, blieben erfolglos. Deshalb hat es aus Riecks Sicht keine Alternative dazu gegeben, Reset zum Jahresende 2023 einzustellen. Mit dem Aus will aber auch er sich nicht abfinden. Rieck ist im Gespräch mit der Polizei, um kreisweit ein vergleichbares Projekt möglich zu machen.
Allein 2023 haben Matthias Kälber und Lea Tavit, die beiden sozialpädagogischen Mitarbeiter von Reset, 40 junge Menschen begleitet, die straffällig geworden sind. „Wir haben sie zu sinnvollen handwerklichen Arbeiten ermutigt“, sagt Kälber. Dem Sozialpädagogen ging es darum, ihre Lust am Gestalten mit Holz zu wecken. Davon haben die Menschen in Ostfildern profitiert. Die jungen Leute haben Hochbeete für die Lindenschule in der Parksiedlung gebaut und aus Paletten neue Möbel für eine Geflüchteten-Unterkunft gezimmert. „Bei der Arbeit im Team fingen die meisten an, über ihre Probleme zu sprechen“, sagt Lea Tavit. Mal habe das schnell geklappt, mal Zeit gebraucht. Im Gespräch haben die Reset-Mitarbeiter den jungen Leuten Alternativen aufgezeigt. Auch bei den nächsten Schritten auf den Arbeitsmarkt bekamen sie Hilfe.
„Dauerhaft auf dem falschen Weg“
Dass ein so wichtiges Projekt wie Reset in Ostfildern wegfällt, hat nach Tavits Ansicht erhebliche Konsequenzen für die Gesellschaft. „Für viele junge Leute bleiben dann nur noch die ungeliebten Stellen, etwa bei Baubetriebshöfen.“ Doch da fehle die sozialpädagogische Begleitung. Wenn es keine freien Stellen gebe und die Geldstrafe nicht bezahlt werde könne, bleibe für manche nur der Jugendarrest. Das komme die Gesellschaft teurer, „und die jungen Leute geraten dauerhaft auf den falschen Weg.“
Das sieht auch Erni Steigerwald so. Die Unternehmerin aus Ostfildern ist zweite Vorsitzende des Fördervereins, der Reset in den vergangenen fünf Jahren finanziell und ideell unterstützt hat: „Es geht darum, den jungen Leuten Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen.“ Der Förderverein habe das Programm zwar finanziell unterstützt und immer wieder einzelne Projekte gefördert oder Werkzeug mit angeschafft, sagt der Vorsitzende Jürgen Kleih: „Aber für die Regelfinanzierung können wir als Ehrenamtliche natürlich nicht sorgen.“
Arbeit mit jungen Straffälligen
Vorzeigeprojekt
Zehn Jahre lang hat die Kinder- und Jugendförderung Ostfildern das Reset-Programm für straffällig gewordene Jugendliche ermöglicht. Träger ist der Kreisjugendring Esslingen. Junge Menschen bis 27 Jahre leisteten ihre Sozialstunden ab, die vom Gericht angeordnet wurden. Die sozialpädagogische Betreuung umfasste unter anderem Gespräche und Hilfen, etwa bei Behördengängen oder beim Entwickeln und Einüben von Handlungsalternativen.
Förderverein Reset
2017 haben 15 engagierte Bürgerinnen und Bürger aus Ostfildern den Förderverein für die pädagogische Werkstatt Reset gegründet. „Es ging uns darum, die Mitarbeitenden zu unterstützen und Projekte mitzufinanzieren“, sagt Erni Steigerwald, die zweite Vorsitzende. Zwar löst sich der Verein nun auf, weil der Vereinszweck fehlt. Jürgen Kleih, der Vorsitzende, wünscht sich aber, mit neuen Interessenten über ein Folgeprojekt nachzudenken. Kontakt: juergen@kleih.net