Rückspiegel „Schluss mit privatem Böllern!“
Traumatisierte Tiere und zerfetzte Finger – die Schattenseiten des Böllerns sind unübersehbar. Wir sollten uns diese „Tradition“ nicht mehr leisten, findet unser Redakteur.
Traumatisierte Tiere und zerfetzte Finger – die Schattenseiten des Böllerns sind unübersehbar. Wir sollten uns diese „Tradition“ nicht mehr leisten, findet unser Redakteur.
„Des einen Freud’, des andern Leid’ – die alte deutsche Redewendung trifft auch auf das Zünden von Böllern und Raketen um Silvester zu. Während sich Menschen bereits nachts vor geschlossene Supermärkte stellen und für Feuerwerkskörper große Geldsummen ausgeben, leiden Millionen Tiere Qualen, wenn draußen etwas unvermittelt explodiert.
Nicht nur verstörte und verängstigte Tiere stehen für die Schattenseiten des privaten Böllerns an Silvester, auch Umweltverschmutzung, Vermüllung, verletzte Menschen in Notaufnahmen und belastete Einsatz- und Rettungskräfte gehören zur Silvesterbilanz dazu. Und wir als Gesellschaft nehmen das Jahr für Jahr so hin – ganz so, als ob das private Böllerzünden ein Naturgesetz oder ein Verfassungsrecht höchster Güte sei.
Es mutet skurril an, dass wir als Gesellschaft und der Gesetzgeber trotz besseren Wissens und eines offenbar getrübten Gewissens noch nicht den Schritt gewagt haben, dem Privatböllern ein Ende zu setzen. Weshalb sollen Hobbypyrotechniker in unmittelbarer Umgebung von Menschen mit Sprengsätzen hantieren dürfen, womöglich auch noch in betrunkenem Zustand, ohne dass eingegriffen wird? Alkoholisiert Fahrradfahren ist schließlich auch nicht ohne Weiteres möglich und wird (richtigerweise) geahndet – persönliche Freiheit hin oder her. Und haben wir nicht regelmäßig Debatten darüber, wie unsicher sich manche Menschen im öffentlichen Raum fühlen?
Pyrobegeisterte, Lobbyverbände und einige Politiker würden nun entgegnen, dass Verbote einen Eingriff in Freiheitsrechte darstellen. Und dass die Feuerwerksbranche ein Wirtschaftsfaktor ist. Letzteres ist nicht falsch: Die Deutschen geben jährlich rund 200 Millionen Euro für Böller und Raketen aus. Und das, obwohl sicher viele den Gürtel enger schnallen müssen angesichts steigender Miet-, Immobilien-, Energie-, Benzin- und Lebensmittelpreise.
Interessant ist auch: Traditions-, Brauchtums- und Freiheitsdebatten zum Trotz befürwortet laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage des TÜV-Verbands eine Zweidrittel-Mehrheit der Deutschen ein Teil- oder gar Komplettverbot privaten Böllerns. Gerade erst haben 2,2 Millionen Menschen eine Petition unterschrieben, die die Deutsche Polizeigewerkschaft – normalerweise nicht bekannt als Hort spaßbefreiter Verbietungswüteriche – der Innenministerkonferenz überreicht hat.
Nun liegt es vor allen Dingen am Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), sich über mögliche Gesetzesanpassungen Gedanken zu machen. Der Druck aus der Bevölkerung ist deutlich angestiegen. Wenn Dobrindt als Vertreter des konservativen Spektrums schon kein Komplettverbot in Betracht zieht, könnte er durch eine Verordnung Kommunen und Ländern mehr Spielraum geben, selbst zu entscheiden, ob und wenn ja, wo und wie geknallt werden darf. Diese wiederum könnten Zonen im Stadtgebiet einrichten, in denen Böller, Raketen und Feuerwerk gezündet werden dürfen. Ansonsten würde ein Abbrennverbot gelten.
Eine Revolution des Silvesterfeierns muss nicht bedeuten, dass das Jahr dunkel und deprimierend zu Ende geht. Holzgerlingen zeigte, dass Silvester auch ohne ein privates Arsenal von Chinaböllern, Feuerwerksbatterien oder Kugelbomben gelingen kann.
Wenn das Ergebnis einer solchen, durchaus kontrovers diskutierten Entscheidung aber in Zukunft weniger Lärmbelästigung, Luft- und Umweltverschmutzung, weniger Müll, verletzte Menschen und in Todesangst versetzte Tiere bedeuten würde, wäre viel gewonnen.