Rückzieher nach Kritik an AfD-Wählern Kretschmann verzichtet auf „Bodensatz“

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AfD-Wähler als „Bodensatz“? Diesen Begriff will Winfried Kretschmann nicht mehr verwenden. Der Kritik der AfD kontert er spöttisch: es sei ja schön, dass sie jetzt auch die politische Korrektheit entdecke.

Kritisiert wegen seiner Analyse der Bundestagswahl: Winfried Kretschmann Foto: dpa
Kritisiert wegen seiner Analyse der Bundestagswahl: Winfried Kretschmann Foto: dpa

Stuttgart - Das böse Wort entschlüpfte Winfried Kretschmann eher beiläufig. Als der Ministerpräsident vor zwei Wochen das Ergebnis der Bundestagswahl analysierte, kam er auch auf die AfD-Wähler zu sprechen. Ein Großteil von diesen stimme nach Umfragen nicht aus Überzeugung für die Partei, sondern weil sie von den anderen Parteien enttäuscht seien. Diese Wähler ließen sich zurückgewinnen, andere hingegen nicht. „Das ist wahrscheinlich so ein Bodensatz, den es einfach gibt“, sinnierte der Grüne mit Blick auf das wirklich rechtsnationale Spektrum.

Bodensatz? Darf man Bürger mit dem ungenießbaren Rest vergleichen, der sich in einer Kaffeetasse oder einem Weinglas absetzt? Ganz und gar nicht, protestierte tags darauf der Bundes- und Landtagsfraktionschef der AfD, Jörg Meuthen. „Verächtlich und herabwürdigend“ äußere sich Kretschmann damit über drei Millionen Deutsche und 365 000 Baden-Württemberger, die ihr demokratisches Recht genutzt hätten – und das nur, weil sie sich aus seiner Sicht für die „falsche Partei“ entschieden hätten. Für Meuthen konnte es da nur eine Konsequenz geben: den „sofortigen Rücktritt“ des Regierungschefs.

Empörung in den sozialen Netzwerken

In den sozialen Netzwerken fachte die AfD die Empörung noch zusätzlich an. Wie abseitig der Vergleich sei, illustrierte die Fraktion mit einer Liste der „Abgesandten des Bodensatzes“, die aus Baden-Württemberg in den Bundestag einzögen: ein Polizist, ein Staatsanwalt, ein promovierter Philosoph, ein früherer Hochschulprofessor – all diese und ihre Wähler würden durch Kretschmanns Wortwahl beleidigt.

Bisher ließ der Premier die Kritik ins Leere laufen. Nun aber, zwei Wochen später, äußerte er sich doch dazu. Er wisse jetzt nicht, „was schlimm sein soll an dieser Aussage“, sagte er vor Journalisten; er habe damit niemanden diskriminieren wollen. Zweimal sprach Kretschmann noch vom „Bodensatz“, um seine Aussage zu erläutern. Dann meinte er, der Begriff sei gar nicht unbedingt notwendig; er wolle ihn „gerne in Zukunft vermeiden“.

Mit Korrektheit nicht übertreiben

Zugleich drehte der Grüne den Spieß um. Es sei doch „erfreulich, dass auch die AfD will, dass politisch korrekt gesprochen wird“. Der Kampf dagegen sei schließlich „ein Hauptthema“ der Partei. „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“, proklamierte etwa die Spitzenkandidatin Alice Weidel. Wenn die AfD selbst betroffen sei, sehe sie das offenbar anders, konterte Kretschmann; dann sei sie plötzlich „sehr sensibel“, was die Wortwahl angehe. Sein Fazit verband er mit einer Mahnung: Es sei nur zu begrüßen, wenn sich alle um eine angemessene Sprache bemühten – aber man solle es damit „auch nicht übertreiben“.