InterviewRüdiger Grube zu Stuttgart 21 „Wir machen hier nicht Jugend forscht“

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Bahnchef Rüdiger Grube bekennt sich im Interview klar zu Stuttgart 21 und wehrt sich gegen den Vorwurf, Risiken beim Bau zu verschweigen. An den Zahlen des Bundesrechnungshofs meldet er Zweifel an.

Rüdiger Grube kritisiert die Prognosen des Rechnungshofes. Foto: Lipicom/Michael H. Ebner
Rüdiger Grube kritisiert die Prognosen des Rechnungshofes. Foto: Lipicom/Michael H. Ebner
Stuttgart - Der Vorstandsvorsitzende der Bahn verteidigt die Klage gegen die Partner, kritisiert den Bundesrechnungshof und wünscht sich mehr ­Begeisterung in der Stadt für das Projekt.
Herr Grube, mit Ihrer jüngst publik gewordenen Äußerung, Sie würden S tuttgart 21 so nicht bauen, haben Sie in Zeiten von Kostenprognosen und Risikowarnungen in Stuttgart zusätzlich die Stimmung angeheizt. Haben Sie die Lust am Vorhaben verloren?
Nein, ganz im Gegenteil! Ich stehe voll hinter dem Projekt. Ich hätte nur zwei Dinge gerne anders gehabt. Erstens: Dass man den Finanzierungsvertrag nicht vier Wochen bevor ich Vorstandsvorsitzender der Bahn wurde, unterzeichnet, obwohl man wusste, dass ich komme. Am 2. April 2009 wurde unterzeichnet, zum Mai 2009 kam ich ins Amt. Da hätte man mich zumindest fragen müssen. Und das zweite Thema ist: Alle Partner behaupten, bei den Kosten gedeckelt zu sein, nur die Bahn nicht. Das ist bei keinem anderen Projekt der Bahn so. Warum sollten wir bei einem solchen Gemeinschaftsprojekt die einzigen sein, die mit allen Risiken über 4,526 Milliarden Euro fertig werden müssen? Wir sind jedoch zuversichtlich, mit den Partnern eine vernünftige Lösung zu finden.
Aber man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Bahn diese Kostensteigerungen allein zu verantworten hat.
Zum Glück gibt es ja dafür die Sprechklausel im Finanzierungsvertrag, aber das hätte ich mir von vornherein eindeutiger gewünscht. Dann wäre uns allen auch die Klage erspart geblieben.
Der SPD-Fraktionschef im Landtag, Andreas Stoch, sah sich zur Feststellung genötigt: „Bauen und Gosch halten wäre besser.“
Offenbar hat die Darstellung dessen, was ich gesagt haben soll, bei einigen zu der Frage geführt: Steht der Grube noch zu diesem Projekt? Ich kann Sie beruhigen. Bei mir hat sich nichts geändert. Ich stehe einhundertprozentig zu diesem Projekt und so wird es auch bleiben.
Den Mitarbeitern, die das Projekt planen und bauen, könnte es aber so vorkommen, als seien Sie ihnen in den Rücken gefallen.
Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, ist der vollkommen falsch. Nochmal: Ich stehe voll hinter dem Projekt und hinter den Kolleginnen und Kollegen, die das Projekt in Stuttgart bauen. Ich habe allergrößten Respekt davor, was die Kolleginnen und Kollegen bei Stuttgart 21 leisten.
Aus dem Jahr 2013 ist im Zusammenhang mit jener Aufsichtsratssitzung, in der es um Mehrkosten von zwei Milliarden Euro ging, ein Zitat von Ihnen überliefert, das lautet: „Wenn wir damals gewusst hätten, was wir heute wissen, hätten wir das Projekt nicht begonnen.“ Hatten Sie also schon vor drei Jahren Zweifel an der Sinnhaftigkeit?
Wenn Sie eine Kostensteigerung in dieser Größenordnung haben, muss man sich das sehr genau anschauen. Als ich zur Bahn gekommen bin, habe ich mir in der ersten Woche alle Projekte vorlegen lassen. Und da hat man mir zu Stuttgart 21 gesagt, das ist das bestkalkulierte Projekt der Bahn. Da musste ich ja denken, dann können ja nur die Kosten rauskommen, die im Papier stehen. Leider war es nicht so. Und dass dieses Projekt für uns mit Herausforderungen verbunden ist, wissen wir alle. Aber deswegen stecken wir doch nicht den Kopf in den Sand! Wir werden Stuttgart 21 fertigstellen und wir sind dabei auf gutem Weg. Bereits jetzt haben wir in Stuttgart knapp 40 Prozent der Tunnel gegraben.
Hat Stuttgart 21 eine Dimension erreicht, die einfach nicht mehr zu beherrschen ist?
Nein. Nehmen Sie die Strecke München-Berlin. Das Projekt ist viel größer. Da reden wir mit den Zulaufstrecken und dem Ausbau der Knoten von fast 14 Milliarden Euro. Die Rheintalbahn hat mit über elf Milliarden ähnliche Dimensionen. Bei S 21 sind es 6,5 Milliarden Euro.
Aber da arbeiten Sie auf dem platten Land und nicht mitten in einer Großstadt.
Natürlich ist es kompliziert, aber doch nicht das einzige Vorhaben in einer Metropole. In München bauen wir das Bahnhofsgebäude neu und beginnen einen zweiten Tunnel für die S-Bahn-Stammstrecke quer durch die Innenstadt. Wenn wir nicht wüssten, was wir tun, was wir können und wie wir so ein Projekt auch erfolgreich stemmen können, würden wir es nicht anpacken. Wir machen doch hier nicht „Jugend forscht“.
Ende November hat der Vorstand der DB beschlossen, bei den Partnern gerichtlich eine Beteiligung an den Mehrkosten eintreiben zu lassen. Sie können doch nicht im Ernst ­behaupten, das würde das Verhältnis nicht belasten.
Die Arbeitsatmosphäre ist völlig in Ordnung. Wie sollen wir denn sonst dieses Thema lösen? Wir haben einen Finanzierungsvertrag unterzeichnet und in dem gibt es eine Sprechklausel. Die besagt, dass man miteinander reden muss, wenn die Kosten über 4,526 Milliarden Euro steigen. Bei der Finanzierung des Risikopuffers von 1,45 Milliarden Euro haben wir uns übrigens auf einen Verteilungsschlüssel verständigt, bei dem die Bahn 35 Prozent übernimmt und sich die Projektpartner mit 65 Prozent daran beteiligen. Und wenn diese Sprechklausel nichts wert wäre, warum steht sie denn dann im Vertrag? Unsere Ansprüche wären jetzt verjährt. Und unser Aufsichtsrat hätte es nicht akzeptiert, wenn wir auf eine Klage verzichten würden, nachdem die Partner nicht bereit waren, die Verjährungsfrist zu verlängern. Und natürlich haben wir im Vorfeld mit unseren Partnern über die Klage gesprochen, überrascht kann also keiner gewesen sein.
Ketzerisch könnte man behaupten, dass ­allen Beteiligten nichts Besseres als die Klage passieren konnte. Bis die Gerichte entschieden haben, dürften die Wenigsten von heute noch in Amt und Würden sein.
Das ist nicht unser Verständnis. Wir arbeiten mit denen, die verantwortlich sind. Dass im Rahmen eines länger laufenden Projekts mal die Ansprechpartner wechseln, ist ja nicht ungewöhnlich.
Jetzt haben Sie es mit einer grün-schwarzen Landesregierung zu tun. Hat sich dadurch die Zusammenarbeit geändert?
Nein. In Zeiten von Schlichtung, Stresstest und Volksbefragung ging das schon hoch her. Aber das hat sich alles sehr normalisiert, auch wenn es in der Öffentlichkeit vielleicht manchmal ein bisschen anders aussieht. Alle Projektpartner haben großes Interesse daran, Stuttgart 21 so schnell, so gut und so günstig wie möglich zu bauen.