Ehemaliger deutscher Botschafter in Moskau Wie tickt Putin?

Rüdiger von Fritsch in seinem Arbeitszimmer: „Russland hat keine Bürgergesellschaft, es gibt nur den Staat.“ Foto: /Gottfried Stoppel

Rüdiger von Fritsch war bis 2019 deutscher Botschafter in Russland. Er kennt den Herzschlag des riesigen Landes – und die Eigenart seines Präsidenten.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Schwäbisch Gmünd - Bilder von Toten, Schutzsuchende in U-Bahn-Schächten, Hunderttausende auf der Flucht, Kampfhubschrauber über Kiew, Raketensplitter in Wohnzimmern, Ölterminals in Flammen. Der russische Präsident entfacht den Krieg in der Ukraine und zerbombt die Friedensordnung in Europa. „Niemand kontrolliert Putin mehr, und es ist die Frage, ob sich noch jemand traut, ihn ehrlich zu beraten“, sagt Rüdiger von Fritsch. „Wir haben es mit der Weltsicht eines Mannes zu tun, der uns alle zwingen will, sich mit seinen Traumata zu beschäftigen.“

 

Lesen Sie aus unserem Angebot: Newsblog zur Ukraine

Als er Abschied von Moskau nahm, empfing ihn Wladimir Putin entgegen der protokollarischen Gepflogenheiten zum Zweier-Gespräch ohne Dolmetscher. „Wie sehen Sie die Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen?“ fragte er den Präsidenten. Helmut Kohl sei 1991 die gleiche Frage gestellt worden, meinte Putin. Dieser habe geantwortet, in 30 Jahren würde China stark geworden sein und die USA ihren eigenen Weg gehen. Dann gebe es gar keine andere Chance als eine enge Zusammenarbeit zwischen Russland und dem übrigen Europa. „Und sehen Sie, da stehen wir heute.“ So Putin 2019.

Drei Jahre später sind seine Worte von damals nichts mehr wert. Zwischen Russland und dem Resteuropa klafft ein Marianengraben. „Wo jemand zur Gewalt greift und den Dialog zertritt, kommt Diplomatie an ihre Grenzen – einstweilen“, sagt Rüdiger von Fritsch. „Dennoch sollten wir bereit sein, auch diese Konfrontation friedlich zu lösen, so schwer das derzeit vorstellbar ist.“

Ein begehrter Talk-Gast in diesen Krisen-Zeiten

Von 2014 bis 2019 war er deutscher Botschafter in Russland. Er kennt das Land in- und auswendig. Das macht ihn zum begehrten Talkgast in dieser Zeit. Während des vormittäglichen Gesprächs kommen Anfragen von Lanz und Maischberger. Von Fritsch empfängt auf dem Schwäbisch Gmünder Nepperberg. Mitten im Wald, doch nur zehn Gehminuten zur Innenstadt. Gleich unterhalb liegt die Felsenkapelle Sankt Salvator. Alle viertel Stunde läutet die Glocke der Wallfahrtskirche, die ihm Heimat geworden ist – „da ist es ganz gleich, dass ich evangelisch bin“, sagt der 68-Jährige.

An den Wänden des kleinen Salons hängen Bilder von russischen Gegenwartskünstlern neben deutschen Surrealisten und Aquarellen seiner Frau. Von seinem Arbeitszimmer mit offenem Kamin hat er Weitblick über die Stadt bis hin zu den Hängen der Ostalb. In den Regalen: ein alter Samowar und Porzellanfiguren, die sich auf seinen Reisen durch das Riesenreich angesammelt haben.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Der ukrainische Botschafter Melnik: Ein historischer Tag“

Rüdiger von Fritsch wird Russland in die Wiege gelegt. Sein Urgroßvater mütterlicherseits ist vor dem Ersten Weltkrieg Abgeordneter beider Kammern des russischen Parlaments. In den Erzählungen der Großmutter entsteht eine wundersame Welt: der Zarenhof in Sankt Petersburg, in dessen Diensten ihre Familie stand. Die Revolutionen von 1905 und 1917. Schließlich 1944 die Flucht aus der baltischen Heimat nach Deutschland.

Bei allem Schrecken, der von der Sowjetunion ausging, leben die Großeltern eine tiefe Zuneigung zu Russland. Die Großmutter rezitiert Lermontow-Gedichte und liebt die Musik Rachmaninows. Der Großvater lässt Rüdiger die Schönheit russischer Volkslieder verstehen. Zu Ostern kocht seine Mutter die Süßspeise Pas’cha. Kommen Schulfreunde zu Besuch, backt sie Piroggen und heizt den Samowar an. Er lernt Russisch mit Gedichten von Anna Achmatowa. Welcher Deutsche könnte dieses Land besser verstehen?

Richtiger Weg der Bundesregierung

1966 ziehen seine Eltern von Düsseldorf nach Gmünd. Der Vater, Oberregierungsrat und später Geschäftsführer, spricht gern über Karl den Großen oder den Dreißigjährigen Krieg. Erzählt Geschichten über die Vorfahren, immer geprägt von viel Zuversicht: „Wenn es nicht durch die Mitte geht, geht es linksherum. Es gibt immer einen Weg.“

Wie kommt Europa aus der Krise? „Wir müssen Werte wie Gewaltverzicht, Gleichberechtigung der Staaten, das Recht zur Selbstbestimmung entschlossen verteidigen. Nicht, weil wir auf dem hohen Ross sitzen und alles besser wissen. Sondern, weil diese Prinzipien, die Putin jetzt auf den Müllhaufen der Geschichte werfen will, gemeinsam verabredet wurden und sie jahrzehntelang den Frieden gesichert haben.“ Die Bundesregierung gehe den richtigen Weg: „Unsere massiven Reaktionen sind mittelfristig geeignet, an Putins Machtbasis zu rütteln.“

Die Langhaar-Phase in Salem

Mit 16 beginnt seine Internatszeit in Salem – als Stipendiat, wie er betont. In Salem fragt man nicht: Was für ein Auto fährt dein Vater? Man fragt: Wie viele Autos fährt dein Vater? Salem, das sind heimliche Partys in der Waldhütte, Nachmittage am Baggersee, nächtliches Spaghettikochen, Herumgammeln am Überlinger Landungssteg – hoffentlich meckert jemand, dann fühlt man sich noch rebellischer. Auf den Zimmern: Räucherstäbchenschwaden und Lieder von Georges Moustaki. In der schulischen „Erziehung zur Verantwortung“ und in hitzigen Debatten mit den Klassenkameraden schärft Rüdiger von Fritsch sein politisches Bewusstsein. Seine Langhaar-Phase hält nicht lange an.

Nach dem Abi entwickelt er eine enge Bindung zum Remstal. Da ist Huberta: „Keine Liebe auf den ersten Blick, aber eine Liebesgeschichte ohne Ende.“ Sie lernen sich mit 19 kennen. Mit 28 heiraten sie – und werden zur Großfamilie mit fünf Kindern und inzwischen acht Enkeln.

Da ist das Behindertenheim der Diakonie Stetten. Er macht ein soziales Jahr bei Horst und bei Hölsch und bei Erich. Bei Egon, der, wenn er sich wieder aufregen muss, „dai Muddr isch blind“ schreit und dem Betreuer auf den Hintern klatscht. Bei Karli, einem schweren, älteren Mann, der einen großen Wunsch hat: „Onkel Riediger, wenn du in den Himmel kommsch, sagsch dem lieba Gott, der Karli isch immer ein braver Bua gwä.“ – „Das sage ich ihm, versprochen.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Narrativ des Angriffs: Putins Mythen“

Wie tickt Russland? „Es gibt praktisch keine Bürgergesellschaft. Nur den Staat. Und der verbreitet eine Atmosphäre der Angst und Einschüchterung. Niemand weiß, was geschehen kann“, sagt von Fritsch. So seien viele Russen Sowjetmenschen geblieben, die in zwei Wirklichkeiten lebten. Einerseits vertrauen sie in eine starke Führung. Zugleich sind sie überzeugt, ständig von ihr betrogen und belogen zu werden. „Ich bin oft einer irritierenden Auffassung von Wahrheit begegnet.“

Alle Macht geht von Putin aus. Politik und Imperialmus von vorgestern. Die Obrigkeit spreche auch nur von der glanzvollen Vergangenheit, von der tausendjährigen Geschichte, vom Sieg im Großen Vaterländischen Krieg. Anstatt neuer Ideale, nur das Beschwören der alten.

Wirtschaft ist marode

Die entscheidenden Instrumente, um Widerspruch innerhalb des Machtzirkels kleinzuhalten, seien Käuflichkeit, Erpressung, Angst. „Praktisch jeder in der Geld- und Politikkaste zieht aus seiner Position erhebliche materielle Vorteile – und über jeden dürfte es daher ein Dossier geben“, sagt von Fritsch. „Hält Putin es für nötig, statuiert er ein Exempel, das aber nie etwas an der grundsätzlichen Lage ändert.“ So scheitern alle Versuche, eine marode Wirtschaft zu modernisieren, die allein durch den Export von Gas und Öl vital gehalten wird. „Menschen mit unternehmerischer Initiative haben mir immer wieder berichtet, wie sie sich im Dickicht von staatlicher Bürokratie, Inkompetenz und aufgehaltenen Händen verfingen. Viele gaben auf oder suchten ihr Glück im Ausland.“

Die Köchin in der Transsibirischen Eisenbahn

Als Botschafter gräbt sich von Fritsch tief ins russische Leben. Besucht mit seiner Frau Hochschulen, Industriebetriebe, Wohnsiedlungen. Durchreist das Land vom Weißen Meer bis zur Wolgamündung, von der Jamal-Halbinsel bis zu den blumenübersäten Hängen des Altai-Gebirges. In Jaroslawl spricht er mit der Blumenverkäuferin am Straßenrand, die sich als ehemalige Unidozentin erweist. In Moskau legt die altgediente Frisörin nach zehn Minuten den Busen über seine Schulter, um ihm auf dem Handy die Tomaten ihrer Datscha zu zeigen. Im Restaurant der Transsibirischen Eisenbahn pfeift ihn die Kellner-Köchin an, weil er nach 45 Minuten ohne Essen mal in ihre Richtung schaut. Sie sei allein, wie er sich das eigentlich vorstelle? Dann nimmt sie ihn mit in die Küche und zeigt ihm ihre selbst gemachten Würste.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Putins Propaganda: Krieg der unverschämten Begriffe“

Er sei verankert im Glauben und in der Familie, sagt von Fritsch. Für den familiären Zusammenhalt seiner Generation haben er und sein Bruder ihren Teil beigetragen. 1974 helfen sie einem Vetter und zwei seiner Freunde zur Flucht aus der DDR. In monatelanger Vorbereitung wird Rüdiger von Fritsch zum Spezialisten für Ostblock-Grenzangelegenheiten. Er versieht Pässe von Schulkameraden (die sie dann als verloren melden) mit den Fotos der Fluchtwilligen. In endlosen Experimenten mit Farben, Matrizen, Schnitttechniken bildet er sich zum Meisterfälscher von Ausreisestempeln aus. Als er dem Vater vom Plan erzählt, gibt er den Söhnen ohne Zögern sein Einverständnis, stellt sein Auto für die Aktion zur Verfügung. „Es war eben Familie, da denkt man nicht groß nach. Auch wenn ihm klar war, wir riskieren unsere Freiheit.“

Mit dem Schiff nach Italien

Sie treffen sich am Schwarzen Meer. Die gefälschten Pässe machen aus den DDR-Jugendlichen BRD-Rucksacktouristen. Es gelingt allen, unbehelligt über die bulgarisch-türkische Grenze zu kommen. Viele Flüchtlinge und deren Helfer haben damals weniger Glück. Sie landen in den gefürchteten bulgarischen Zuchthäusern oder werden an der grünen Grenze erschossen.

In der Türkei fallen sie sich in die Arme. Mit dem Schiff geht es nach Italien, weiter nach Schwäbisch Gmünd. Von Fritsch bewahrt sein Fälscher-Werkzeug von damals sorgsam auf. „Kommen Sie, ich zeige es Ihnen“: Messer, Radiergummi, grüne BRD-Pässe. „Wollen Sie noch Kaffee? Ich brau’ mir noch einen, ich brauch viel von dem Zeug.“

Der Diplomat braucht ein Gefühl für sein Gegenüber

Im Jahr 1984 tritt er in den Auswärtigen Dienst ein. Sein erster Posten als Referent führt ihn nach Warschau. Dort hält er den Kontakt zur Opposition im Untergrund: „Selten haben mir Menschen mehr Respekt abverlangt, als jene, die für ihre demokratische Überzeugung ihre Freiheit und materielle Existenz auf Spiel setzten.“ Es folgen Stationen in Nairobi und Brüssel. Von Fritsch leitet den Planungsstab unter Bundespräsident Rau, wird Vizepräsident des BND und Botschafter in Polen.

Der Diplomat brauche ein Gefühl für sein Gegenüber. Ist auf ihn Verlass? Kann ich ihn lesen, wenn er in bestimmten Punkten vielleicht etwas anderes äußern wollte – aber nicht darf? „Dann kann man auch mal erwidern: ,Herr Kollege, ich nehme zur Kenntnis, was Sie sagen. Aber wir beide wissen, es stimmt nicht.“ Bei aller Kontroverse, am nächsten Tag sollte man wieder wichtige Ereignisse miteinander besprechen können. Davon gab es in Moskau reichlich. Rüdiger von Fritsch trat seinen Dienst an, als Putin gerade die Krim annektierte.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Stuttgarter Initiative hilft in Bihać: Wer denkt noch an die Flüchtlinge?“

Der Präsident komme nicht los von seiner geheimdienstlichen Prägung, was zu blinden Flecken in der Analyse führe. „Ob die Unzufriedenheit des Volkes oder der Zusammenbruch des Sowjetreichs, er sieht dahinter eine Verschwörung von außen.“ Immer sind die anderen schuld. „Der Führer des größten Landes der Erde nimmt sich ständig das Recht, beleidigt zu sein.“

Von Fritsch hat Putin oft erlebt, wenn er Politiker in den Kreml oder in die Residenz von Nowo Ogarjowo am Stadtrand Moskaus begleitete. „Ein klassizistisch anmutender Palast, der durch Umbauten klobig wirkt. Innen kühl. Keine Bilder, keine Blumen.“ Die Residenz in Sotschi liegt unter Palmen über dem Schwarzen Meer. „Die Gespräche führt man in einem Raum mit Meerblick – dicht verschlossen von Vorhängen.“ Es liegt Putin nicht an einer angenehmen Atmosphäre.

Der Präsident kann gut Deutsch. Meist spreche er leise und intensiv, mit angenehmer Stimme. Er ist erfahren darin, Gesprächspartner für sich einzunehmen – wenn er das will. „Ich erinnere mich, wie er in Rage geriet und einen ausländischen Politiker beleidigte. Da braucht es einen guten Dolmetscher.“ In der Regel übersetzen die Dolmetscher nicht in ihre, sondern aus ihrer Muttersprache. In dem Fall wurde aus Putins Attacke das deutsche Wort „Vollpfosten“.

„Russland braucht Europa als Alternative zu China“

Wie geht es weiter? „Russland braucht langfristig Europa als Alternative zu China“, sagt von Fritsch. Die chinesische Wirtschaftskraft lasse das Land immer mehr zum Juniorpartner schrumpfen. Hinzu komme Pekings Bereitschaft, geopolitisch auszugreifen. „Wenn man eins fürchtet in Russland, dann, so umarmt zu werden, dass einem die Luft wegbleibt.“ Hat das System Putin Zukunft? „Er steckt im Dilemma“, sagt von Fritsch. „Sein Nachfolger muss die Politik genauso fortführen wollen, so stark sein wie er und bereit, die ungeheuren zusammengeklauten Reichtümer der Führungsschicht zu schützen.“

Es werde sich zeigen, ob die Menschen beliebig bereit sind, die Opfer von Putins aggressiver Außenpolitik zu tragen. Einen radikalen Wandel will von Fritsch nicht ausschließen – „wenn sich aus der Vielzahl der Unzufriedenheiten eine Welle entwickelt“. Dann sei entscheidend, ob der Sicherheitsapparat die Macht ergreift oder ein bürgerlich-demokratischer Umbruch gelingt wie in Polen – so wenig das derzeit auch möglich scheint. Doch die Attitüde, Russen bräuchten halt eine starke Hand, findet Rüdiger von Fritsch überheblich. „Michail Gorbatschow sagte mir einmal: ,Nur der Westen glaubt, wir seien unfähig zur Demokratie.“

Weitere Themen