Im niedersächsischen Unterlüß arbeiten Rheinmetall-Beschäftigte an einer Kanone für den Kampfpanzer Leopard 2A4. Foto: dpa
Der Hype um Börsenliebling Rheinmetall droht angesichts möglicher Friedensgespräche jäh abzuflauen. Auf längere Sicht bleiben die Perspektiven aber glänzend, wie sich auf der Hauptversammlung zeigen dürfte.
Wenn Rheinmetall – wie an diesem Dienstag – zur Hauptversammlung lädt, dann ist das mittlerweile ein echter Hingucker. Der Konzern sieht sich auf dem Weg zum „europäischen Champion und Global Player“ im Verteidigungsbereich – er steht wie kein anderer für den Wandel der Industrie hin zu einer Rüstungswirtschaft.
Wie empfehlenswert ist die Aktie? An der Börse ist Rheinmetall ein Liebling der Anleger. Seit eineinhalb Jahren geht es mit dem Kurs praktisch nur nach oben. Allein in diesem Jahr wurden Zuwächse von 170 Prozent erzielt. Doch stößt der Hype jetzt an Grenzen? Zu Wochenbeginn gab es – bei um die 1600 Euro pro Aktie – einen herben Rückschlag. Mögliche Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bremsen die Anlegereuphorie für Rüstungswerte.
Nun sind Gewinnmitnahmen immer möglich, und die Rheinmetall-Aktie ist hoch bewertet. Daraus ein Ende des Booms abzulesen, wäre deutlich verfrüht. Analysten sehen Kursziele von über 2000 Euro. Und die Perspektiven bleiben günstig, weil Sicherheit und Verteidigung künftig weltweit eine prioritäre Bedeutung haben werden.
Wie gut laufen die Geschäfte? In seiner vorab veröffentlichten Rede lobt Vorstandschef Armin Papperger, dass 2024 ein Umsatz von fast zehn (genau 9,78) Milliarden Euro erreicht wurde – ein Plus von 36 Prozent zum Vorjahr. Das operative Konzernergebnis beträgt fast 1,5 Milliarden Euro (plus 61 Prozent). Für 2025 erwartet er allein in der Verteidigung ein weiteres Umsatzplus von 35 bis 40 Prozent – insgesamt von 25 bis 30 Prozent. Die operative Ergebnisrendite soll ungefähr bei 15,5 Prozent liegen. Die Dividende wird von 5,70 Euro auf 8,10 Euro pro Aktie massiv erhöht – um 42 Prozent.
Fast 200 Prozent Plus innerhalb eines Jahres Foto: ariva/Locke
Perspektivisch sieht Papperger allein aufgrund der Rüstungsausgaben der europäischen Nato-Staaten bis 2030 ein Potenzial zwischen 300 und 400 Milliarden Euro für seinen Konzern. Dies bedeute, „dass wir als Konzern wachsen werden wie kaum ein Unternehmen in Deutschland zuvor“. Auch die Aufrüstung der Ukraine verspricht noch Milliardengeschäfte. „Wir sind eines der am schnellsten wachsenden Verteidigungsunternehmen weltweit und auf dem Weg zum globalen Champion“, jubiliert er. Acht Milliarden Euro seien allein in den letzten beiden Jahren investiert worden.
Wie verändert sich Rheinmetall? Weil Rheinmetall an der zivilen Sparte kaum noch verdient, löst es Werke auf oder wandelt sie um. So verändern sich die Standorte, von denen es auch im Südwesten einige gibt. „Die Aktivitäten in der Automobilzulieferung können nicht länger Teil unseres Kerngeschäftes sein“, sagt Papperger. Man wolle sich „darauf fokussieren, die Verteidigungsbereitschaft der Kunden wiederherzustellen“. Dafür würden einige Teile des zivilen Geschäftes gebraucht. Insgesamt werden drei zusätzliche Werke bundesweit errichtet. Bald beginnt, nach gut einem Jahr Bauzeit, ein Artilleriemunitionswerk in Unterlüß (Niedersachsen) mit der Produktion.
Zugleich werden neue Felder erschlossen, die Raketentechnologie etwa. Derzeit investiert Rheinmetall in ein deutsches Werk für Raketenmotoren. In Neuss, nahe dem Düsseldorfer Hauptsitz, entsteht eine High-Tech-Fabrik für Aufklärungssatelliten. Auch Schützenpanzer vom Typ Lynx und Panzerhaubitzen könnten dort mal produziert werden. Ein riesiges Wachstum soll die Digitalisierung des Gefechtsfeldes bringen. „Wir gestalten die Zukunft der softwaredefinierten Verteidigung“, betont der Vorstandschef.
Sind die Kritiker verstummt? Rheinmetall ist weiterhin ein Unternehmen, das massiv polarisiert: Aktuell bemängelt der Dachverband Kritischer Aktionärinnen und Aktionäre, dass der Konzern trotz milliardenschwerer Aufträge aus Deutschland und anderer Nato-Staaten seine „aggressive Internationalisierungsstrategie“ vorantreibe. Um sich von deutschen Exportregeln unabhängig zu machen, etabliere Rheinmetall gezielt „neue Heimatmärkte“. Über das südafrikanische Joint Venture RDM liefere der Konzern ganze Munitionsfabriken an Staaten wie Ägypten und Saudi-Arabien. In Ungarn betreibe Rheinmetall Werke zur Aufrüstung der Streitkräfte – trotz der demokratischen Rückschritte und einer russlandfreundlichen Politik. In den USA baue der Konzern seine Präsenz gezielt aus. „Rheinmetall entwickelt sich zum globalen Waffenproduzenten ohne Grenzen – bereit, die Nachfrage überall dort zu bedienen, wo der Preis stimmt“, warnt Barbara Happe, Vorständin des Dachverbands.
Der Düsseldorfer Konzern baue zudem Teile für den F-35A-Tarnkappenbomber – das künftige Trägersystem für US-Atombomben in Deutschland. „Damit beteiligt sich Rheinmetall am Bau eines Flugzeugs, das für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorgesehen ist und verstärkt die Gefahr einer nuklearen Eskalation in Europa“ kritisiert Happe. Zudem trage Rheinmetall maßgeblich zu einem Projekt bei, dass Deutschland in neue Abhängigkeiten von den zunehmend unberechenbaren USA führe. Andere Länder wie Kanada prüften hingegen einen Ausstieg aus dem F-35-Programm.