Rüstungsindustrie in Europa Deutschland rüstet auf – und Italien will helfen

Der zu 71,3 Prozent staatliche italienische Schiffbauer Fincantieri – hier im Bild eine Fregatte – hat Interesse an einer Übernahme von Thyssenkrupp Marine Systems signalisiert. Foto: Fincantieri

Berlins Rüstungspläne wecken das Interesse von Fincantieri und Leonardo. Experten halten eine größere Kooperation für notwendig – doch scheitert das bislang an nationalen Interessen.

Italiens Rüstungsindustrie will von der gewaltigen deutschen Rüstungsoffensive profitieren. Leonardo-CEO Roberto Cingolani will auch deshalb die Zusammenarbeit mit deutschen Rüstungsunternehmen wie Hensoldt und Rheinmetall intensivieren. Auch der Schiffbauer Fincantieri ist an noch engeren Beziehungen zum Partner Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) beziehungsweise sogar an dessen Übernahme interessiert.

 

Rheinmetall und Leonardo haben im Oktober 2024 eine Absichtserklärung zum gemeinsamen Bau von Schützen- und Kampfpanzern getroffen, die in den nächsten Wochen unterzeichnet werden soll. Außerdem ist Leonardo laut CEO Roberto Cingolani an einer Aufstockung der Beteiligung am deutschen Rüstungskonzern Hensoldt von derzeit 23,8 Prozent interessiert. Zusammen mit Rheinmetall hat der italienische Rüstungskonzern überdies eine nicht bindende Offerte für die Rüstungssparte des Nutzfahrzeugherstellers Iveco in Bozen abgegeben.

Gemeinsame Panzerproduktion im ligurischen La Spezia geplant

Rheinmetall und Leonardo wollen in einem paritätischen Joint-Venture im ligurischen La Spezia Kampfpanzer vom Typ Panther und Schützenpanzer vom Typ Lynx bauen. Dabei soll es sich um eine italienisierte Form der beiden Produkte handeln: Von Leonardo sollen der Gefechtsturm, die Elektronik und die Waffenintegration kommen. Allein die italienischen Streitkräfte wollen bis 2040 rund 1050 Schützen- sowie 272 Kampfpanzer für insgesamt 24 Milliarden Euro abnehmen. Die ersten Lynx (aus deutscher Produktion) sind schon in Italien. Die beiden Partner planen aber auch Verkäufe an andere Länder.

Bei Iveco Defence Vehicles stehen Leonardo und Rheinmetall in Konkurrenz zur spanischen Intra, zur amerikanischen Investmentgesellschaft Bain Capital und angeblich auch zum deutsch-französischen Panzerproduzenten KNDS. Iveco will sich bis Jahresende von der Sparte trennen. Italienische Medien spekulieren über einen Verkaufspreis zwischen einer halben und einer Milliarde Euro.

Der zu 71,3 Prozent staatliche Schiffbauer Fincantieri, der neben Kreuzfahrt- und Spezialschiffen sowie Jachten Fregatten und U-Boote produziert, würde die langjährige Partnerschaft mit Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) gern ausbauen. CEO Pierroberto Folgiero hat mehrmals sein Interesse auch an einer Übernahme der Thyssenkrupp-Tochter erklärt. Das lehnt die Bundesregierung, die zustimmen müsste, bisher ab.

Einstweilen hofft Fincantieri, seine Torpedos „Black shark“ künftig auf dem TKMS-U-Boot U212CD zum Einsatz zu bringen. Und Fincantieri und TKMS unterbreiten gemeinsam ein Angebot für den Bau eines U-Boots für die philippinische Marine.

Offen für Kooperation, Interesse an Übernahme

Der italienische Werftenkonzern arbeitet seit Jahrzehnten mit TKMS zusammen. CEO Folgiero sagte unserer Zeitung: „Wir sind sehr offen für verschiedene Formen der Zusammenarbeit, sei es durch kommerzielle Partnerschaften oder durch umfassende strategische Initiativen.“

Raffaele Marchetti, Politikwissenschaftler und Direktor des Center for International and Strategic Studies der Luiss-Universität in Rom, hält die Intensivierung der europäischen Zusammenarbeit im Rüstungssektor für unumgänglich. Nur dann könne die Branche im Wettbewerb mit den USA und China mithalten. „Es braucht dringend mehr europäische Integration und eine Reduzierung der Zahl unterschiedlicher Angebote. Das europäische Re-Arm-Programm ist ein positiver Schritt in diese Richtung“, sagte er unserer Zeitung. Nach Ansicht Marchettis braucht es politische Unterstützung und den „Mut, zu akzeptieren, dass dabei im Einzelfall auch ein nationaler Akteur verschwindet“.

Doch es hapert an der Bereitschaft, an europäischen Lösungen zu arbeiten. Das zeigt das Beispiel des deutschen Rüstungskonzerns Renk. Obwohl Italien an Renk keine strategischen Interessen hat und Renk nur eine Repräsentanz, aber keine Fertigung im Land hat, blockiert Rom die Aufstockung der Beteiligung der KNDS an dem Motor- und Getriebespezialisten um 18,4 Prozent auf 25,1 Prozent.

Auch die Gespräche über eine Satelliten-Allianz von Leonardo mit Airbus und Thales (Projekt Bromo) stocken. Cingolani erwartet, dass es noch Monate dauern könnte, bis es Fortschritte gibt. Es gibt Handlungsdruck unter anderem wegen der Konkurrenz des Starlink-Projekts von Elon Musk. Doch das vor allem von Airbus und der französischen Thales vorangetriebene Vorhaben stößt in Deutschland und Italien auf Widerstände unter anderem aus kartellrechtlichen Gründen. Außerdem gibt es auf italienischer Seite Befürchtungen, Leonardo müsse hohe französische Schulden übernehmen.

Begehrlichkeiten

Gewaltig
Das gewaltige Aufrüstungsprogramm der neuen Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz weckt Begehrlichkeiten auch im Ausland.

Unbegrenzt
Merz will praktisch unbegrenzte Mittel für die Rüstung zur Verfügung stellen und das Rüstungsbudget, vermutlich bis 2032, von heute jährlich zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf fünf Prozent anheben. Das entspräche etwa 225 Milliarden Euro im Jahr. bl

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Rheinmetall Italien Leonardo